Predigt     4. Mose 21/4-9     Judika     25.03.12

"Zuviel des Guten?"
(von Pfarrer Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

In Erinnerung an Friedrich-Wilhelm Marquardt (+ 25. Mai 2002)

Liebe Leser,

„In der Welt der Bibel gehört Geografisches mit Geistigem ebenso eng zusammen wie Politisches mit Theologischem. In der Richtung vom Berge Hor zum Schilfmeer befindet sich das wandernde Gottesvolk im Rückwärtsgang. Vom Schilfmeer war es ja gekommen, und dahin geht nun der Weg zurück. Das ist aber gleichbedeutend mit einem erheblichen, die Wüstenzeit ärgerlich verlängernden Umweg um das dem Gottesvolk feindliche Edom herum, das Israel den Durchzug vorwärts verweigert hatte. Das Ziel des verheißenen Landes geriet dadurch immer mehr in die Ferne - und das ist in unserer Erzählung keineswegs der Wille des murrenden Volkes, das zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens möchte. Hier ist es Führung Gottes, und was vom Volk erzählt wird, ist unwillige Reaktion darauf: Sie werden ungeduldig mit Gott. Und zwar sehr radikal, wurzelhaft; aus dem Hebräischen hören wir, dass die ‚Seele des Volkes‘ darüber ‚kleinmütig‘ wurde, ihr kam der ‚Geist‘ abhanden; Martin Buber prägt dafür den sprechenden Ausdruck ‚Geisteskürze‘. Will sagen: Sie werden zwar nicht von allen guten Geistern verlassen, aber ihnen geht - ins sprichwörtlich Deutsche herübergedacht – ‚die Luft aus‘.“ (Friedrich-Wilhelm Marquardt, GPM 1/2000, Heft 2, S. 184)

In solchen Situationen sind Gefühle alles und die Wirklichkeit nichts. Es kommt dem Gottesvolk so vor, als müsste es in dieser Wüste sterben, was natürlich nicht passieren müsste. Es ist – gefühlt - kein Brot noch Wasser hier, was natürlich auch nicht stimmt. Das Volk findet jeden Morgen Manna, das Engelsbrot vom Himmel, und jeder kann sich sattessen und nehmen, was er braucht. Die Lehrer des Talmud haben viel darüber nachgedacht, wie es dazu kommen konnte, dass sich das Gottesvolk vor dieser Speise irgendwann ekelte: Es war ihnen zu leicht, nichts Anständiges, an dem man zu kauen und verdauen hatte. „Sie lebten nicht mehr aus dem Kreislauf ihrer Natur, waren gleichsam ‚physisch-existentiell‘ nicht mehr selbst beteiligt an ihrem Überleben mit und aus Gott, fühlten sich insofern als Menschen ‚nicht mehr ernst genommen‘ (wie wir zu murren pflegen), und schon vor der Zeit ‚wie die Engel.‘“ (Marquardt, a.a.O., S. 185) Zuviel des Guten, und der Seele des Volkes kommt der Geist abhanden.

Es ist offenbar gar nicht so einfach, sich an Gottes Gnade genügen zu lassen. Genau dazu fordert aber auch Christus den Apostel Paulus in dem berühmten Vers aus dem 2. Korintherbrief (12,9) auf. Und es muss ja nicht unbedingt ein Zufall sein, dass die Kommission, die diesen Vers zur Jahreslosung 2012 erkoren hat, dann doch lieber nur den zweiten Teil des Verses genommen hat, wo es heißt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Das kann in einer evangelischen Kirche, die ihr Ende kommen sieht - den Rückgang der Mitgliederzahlen, den Rückgang der Kirchensteuereinnahmen, den Abgrund der Bedeutungslosigkeit – ja auch so verstanden werden, dass jeder, der noch ein bisschen krabbeln kann, gefälligst losrennen und etwas tun soll, um die Kirche zu retten. Deshalb orientiert sich diese „Kirche im Aufbruch“ längst nicht mehr allein an Gott und seinem Wort, sondern macht Millionen Euro und Personal locker für die sogenannte „Mitgliederorientierung“. Eine umfangreiche Reformbürokratie ist hierzu in den letzten Jahren im Bereich der Evangelischen Kirche Deutschlands entstanden. Der Theologe Friedrich-Wilhelm Marquardt bemerkte zum Thema im März 2002, wenige Wochen vor seinem Tod, in der Süddeutschen Zeitung: „Die Jagd der Evangelischen Kirchen dem ‚modernen Menschen‘ hinterher war bisher immer, ob 1933 oder 2002, ihre bornierteste Selbsttäuschung.“ Wer sich zum Erfolg verdammt, muss blind und taub für die Güte und die Führung Gottes werden.

Reden wir deshalb angesichts dieser Mosegeschichte (die Ihr über mir im Kanzeldeckel der Hospitalkirche groß vor Augen habt) von den Sünden des Gottesvolkes und von unseren eigenen: „Es ist die fromme Sünde, die sich ärgert an (diesem) ‚Gott allein‘ und die es unmoralisch findet, selbst nichts zu bewegen und sich stattdessen von Gott bewegen zu lassen. Unsere grässliche Selbstquälerei mit der Frage: ‚Was müssen wir tun?‘ - unsere Ungeduld, wenn in der Predigt und Lehre angeblich alles ‚nicht praktisch genug‘ ist - unser penetrantes Einfordern von Vermittlungen des Himmels mit der Erde - unsere Zwangsvorstellungen vom ‚Abholenmüssen‘ der Leute dort, ‚wo sie sind‘ - als wüsste irgendjemand, wo die Leute sind, und als wüsste es auch nur einer von ihnen selbst. Das alles verbirgt sich im Beklagen des ausbleibenden ‚Stoffwechsels‘, wenn Gott sein Volk mit Manna (und immerhin: auch Wachteln!) durch die Wüste führt.“ (Marquardt a.a.O., S. 187)

Dann kommen die Schlangen. Gott sandte sie, übersetzt Martin Luther. Besser übersetzt wäre: Er ließ sie los. Natürlich ist die Wüste ein idealer Lebensraum für Schlangen. Und während das Volk bisher im Vertrauen und mit Blick nach oben auf Gottes Führung den Schlangen mit traumwandlerischer Sicherheit aus dem Weg ging, tritt es nun ohne dieses Vertrauen mit Blick nach unten in jedes Schlangenloch hinein. Dass die, die ein Leben im Vertrauen auf die Führung Gottes „allein“ für zu viel des Guten halten, dann genau das Schicksal ereilt, das sie befürchten, nämlich in dieser Wüste zu sterben, hat die Tragik einer Prophezeiung, die sich selbst erfüllt.

Und das muss auch für eine Kirche gelten, die vor lauter Sorge um sich selbst auf einmal auf Qualitätsmanagement setzt und auf Agendasetting; die es für eine gute Idee hält, die Arbeitszeit ihrer Lehrer und Apostel mit der Stoppuhr zu messen und einzuteilen; in der Wertschätzung für die Mitarbeitenden unverhüllt als Instrument der Personalführung daherkommt und das auch noch im Gottesdienst! Misstrauen macht sich breit, ob sich denn auch alle genügend anstrengen, um die Zukunft der Kirche zu sichern. In manchem Kirchenvorstand – so habe ich mir erzählen lassen - geht es zu wie im Aufsichtsrat eines Großkonzerns. Ein Eldorado für Kontrollfreaks, Aufpasser, Wichtigtuer und Giftspritzen. Und dann wundern wir uns, wenn in der Kirche immer mehr Mitarbeitende in tiefer Depression versinken, weil sie an den Ansprüchen, die sie an sich selbst stellen und an den Ansprüchen, die andere an sie stellen, irgendwann zerbrechen. So kann auch eine Kirche, die ihren eigenen Untergang beschwört, selbst dafür sorgen, dass diese Prophezeiung in Erfüllung geht. Wer, bitte schön, sollte eine Kirche, in der eine solche „Geisteskürze“ regiert, denn noch gut finden?

Sie lebt davon, dass Gott die Geduld nicht verliert. Wir leben von Menschen, wie Mose, die die Geduld nicht verlieren, Gott um Geduld mit seinen Kindern zu bitten. Psychologen sagen, das eigene Elend kann erst dann besiegt werden, wenn man den Mut findet, es sich ganz genau anzuschauen. Mose steckt die Schlange, die seinen Leuten den Tod bringt, auf einen Stab. Wer sie ansieht, wird leben.

Nebenbei bemerkt heißen die Schlangen im Hebräischen Text Seraphim. In der Paradiesgeschichte stehen sie am Anfang des Unheils. Dem Gottesvolk bringen sie in der Wüste den Tod. In der himmlischen Herrlichkeit stehen um den Thron Gottes neben den Cherubim des himmlischen Orchesters die Seraphim mit gezogenen Giftzähnen und beißen keinen mehr. Da haben wir den Blick schon wieder in die richtige Richtung gewandt, wie das Gottesvolk, das die Blickrichtung ändern muss, um am Leben zu bleiben. Das ist Sündenbekenntnis und Umkehr zugleich. Der Blick geht nun nicht mehr nach unten auf die Gefahr, auf die eigene Angst und zur eigenen Nabelschau, sondern hinauf zum Heilszeichen, das Gott ihnen setzt. Und da kehrt das Leben zurück.

Es ist deshalb alles andere als ein Zufall, dass die Schöpfer des Kanzeldeckels in der Hospitalkirche vorne rechts den Mose dargestellt haben, der auf die erhöhte Schlange zeigt. Und ihm zur Seite steht rechts Johannes der Täufer, der auf den gekreuzigten Christus zeigt. Auch der Kirche Jesu Christi bleibt der Rückwärtsgang nicht erspart. Aber gerade dann hat sie sich mit dem Gottesvolk daran zu erinnern, wo ihr Heil und ihr Leben liegt: Nicht in der eigenen Nabelschau, sondern im Aufblick zum Zeichen, das Gott ihr setzt. Es ist der Christus, von dem die Apostel bekennen: „In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.“ (Apostelgeschichte 4,12) Wer auf den Christus schaut, hat nie zu viel des Guten.

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de) 

Text:

4 Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege
5 und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise.
6 Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.
7 Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk.
8 Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.
9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.


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