Predigt     Galater 2/16-21     11. Sonntag. n. Trinitatis     19.08.12

"Identität"
(von Pfarrer Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

in Antiochia muss es zwischen Petrus und Paulus so richtig gekracht haben. Als Paulus den Brief an die Gemeinden in Galatien schreibt, hat er längst bis 20 gezählt und viele Nächte darüber geschlafen. Und dennoch merkt man seinen Zeilen die Schärfe noch an: „Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn. Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln. Als ich aber sah, dass sie nicht richtig handelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Kephas öffentlich vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben?“

Petrus, der Fels, auf den Christus seine Kirche baut, erweist sich nicht zum ersten Mal als Feigling und Paulus muss ihm – von ehemaligem Juden zu ehemaligem Juden wohlgemerkt - die Meinung sagen. Der historische Streit, der letztendlich zugunsten des Paulus entschieden wurde, entzündete sich an der Frage, ob Juden, die Christen wurden, sich weiterhin an die Reinheitsgebote des Alten Testaments halten müssten, oder nicht. Nach diesen Reinheitsgeboten hatte die Tischgemeinschaft mit Heiden zur Folge, dass man selbst unrein wurde.

Das alles war für Petrus eigentlich kein Problem, hatte sein Herr Jesus doch selbst mit Sündern und Zöllnern Tischgemeinschaft gepflegt und ihnen das Reich Gottes gepredigt. Andere freilich sahen das anders. Und als die Leute des Jakobus kamen, der in der ersten Kirche als leiblicher Bruder Jesu nicht irgendwer war, und die Nase rümpften, fiel Petrus um. Und nicht nur er. Wir haben es hier mit einem klassischen Fall von Heuchelei zu tun, mit der man ein negatives Urteil anderer vermeiden und sich die Anerkennung anderer sichern will, um den Preis, die eigene Überzeugung hintanzustellen und gehörig zu strapazieren. Im Deutschen gibt es dafür das Wort „Arschkriecherei“.

Vor diesem Hintergrund entfaltet Paulus seine Gedanken, die uns Lutheranern unter dem Stichwort „Rechtfertigungslehre“ bekannt sein sollten: Wir werden vor Gott gerecht allein durch den Glauben an Christus und nicht durch die Werke des Gesetzes. Ich habe keine Predigtmeditation gefunden, in der der Prediger nicht davor gewarnt wurde, das Wort Rechtfertigungslehre überhaupt in den Mund zu nehmen. Das sei eine Lehre, mit der moderne Menschen überhaupt nichts anfangen könnten, weil sie Antwort auf Probleme gäbe, die heutige Menschen gar nicht mehr hätten. Ach wirklich?

Mag schon sein, dass heute niemand mehr wie Luther fragt: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Das hängt aber damit zusammen, dass der moderne Mensch nicht mehr in den Himmel, sondern ins Fernsehen und all die anderen Medien kommen möchte, die er für den Himmel hält. Einmal in der Tagesschau erwähnt werden; einmal groß in der Zeitung stehen; einmal so viele Facebookfans haben wie Justin Bieber; einmal einen Nachruf im Spiegel kriegen – aber bitte nicht den kleinen auf der vorletzten Seite, sondern eine Seite extra. Neulich schrieb mir ein Kollege, ich sollte nicht meinen, er halte sich für was Besseres, nur weil er über 1000 Followers bei Twitter und Co hätte, die seine Beiträge interessant finden. Wie kommt er nur drauf? Weil sich die Identität eines Menschen, die Frage, ob ein Mensch recht, richtig, wertvoll – kurz gerechtfertigt – ist, heute in ungekanntem Ausmaß daran entscheidet, welche mediale Aufmerksamkeit er erlangt und welche Spuren er dort hinterlässt. Und natürlich wird da auch gelogen, geschönt, geschleimt und gekrochen für möglichst viele „Gefällt mir“- Angaben. Umgekehrt haben wir alle am Rande der Olympischen Spiele in London mitbekommen, wie schnell und gnadenlos eine junge Ruderin mit Namen Nadja Drygalla medial auf den Müll befördert werden kann – als Mensch wohlgemerkt.

In den letzten Jahren ist auch in der Kirche die mediale Präsenz zunehmend zum Qualitätsmerkmal, sprich zur Rechtfertigung kirchlicher Arbeit geworden. Als in Wiesbaden ein Pfarrer einen „erotischen Gottesdienst“ ab 16 ankündigte, in dem er auch schlimme Wörter in den Mund nehmen wollte, war das dem Evangelischen Pressedienst eine Meldung wert und Spiegel Online schickte einen Reporter hin. Um die „Zärtlichkeit Gottes“ zu preisen spielte die Orgel „Love me tender“. Schlimme Wörter nahm er dann doch nicht in den Mund, was die Sache zu einem gelungenen Event machte, für das sicher schon ein kirchlicher Innovationspreis bereitsteht, auch wenn das Fazit des Reporters lautete: „Insgesamt herrschte mehr Esoterik als Erotik.“ Was für ein Fazit eines evangelischen Gottesdienstes.

Wohlgemerkt, auch Paulus wollte den Juden ein Jude sein, den Schwachen ein Schwacher. „Ich bin allen alles geworden“, schreibt er im 1. Korintherbrief (9,19 ff.). Aber er tut das nicht für die „Gefällt mir“- Angabe, nicht, um den Beifall möglichst vieler zu erhalten. Er macht sich mit niemand gemein im Modus der Arschkriecherei. Er sucht den Anknüpfungspunkt, um Menschen für das Evangelium zu gewinnen. Deshalb widersteht er einem Petrus in diesem Punkt ins Angesicht. Denn hier gilt: Eine Kirche, die sich den fremden Konventionen und den Rechtfertigungszusammenhängen der sie umgebenden Welt ergibt, um den Beifall, die Anerkennung und die Aufmerksamkeit möglichst vieler zu erhalten – eine solche Kirche ruiniert sich und macht sich dem Erdboden gleich.

Deshalb dürfen wir mit Paulus den Artikel nicht vergessen, mit dem die Kirche steht und fällt. Wir dürfen mit Paulus nicht vergessen, dass unsere Identität und Rechtfertigung darin besteht, dass jeder einzelne von uns in die Geschichte des Christus eingeschrieben ist. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“ Weitere „Gefällt mir“ -Angaben sind entbehrlich.

Aber bestimmt kann den Petrus und uns im Falle peinlicher Niederlagen, wie der von Antiochia, trösten, was Meister Eckhart in seinen Reden der Unterweisung schreibt (Nr. 19, Quint S. 82):

„Nur deshalb lässt der getreue Gott zu, dass seine Freunde oft in Schwachheit fallen, damit ihnen aller Halt abgehe, auf den sie sich hinneigen oder stützen könnten. Denn es wäre für einen liebenden Menschen eine große Freude, wenn er viele und große Dinge vermöchte, sei's im Wachen, im Fasten oder in anderen Übungen, sowie in besonderen, großen und schweren Dingen. Dies ist ihnen eine große Freude, Stütze und Hoffnung, so dass ihnen ihre Werke Halt, Stütze und Verlass sind.

Gerade das aber will unser Herr ihnen wegnehmen und will, dass er allein ihr Halt und Verlass sei. Und das tut er aus keinem anderen Grunde als aus seiner bloßen Güte und Barmherzigkeit. Denn Gott bewegt nichts anderes zu irgendeinem Werke als seine eigene Güte. Nichts taugen unsere Werke dazu, dass Gott uns etwas gebe oder tue. Unser Herr will, dass seine Freunde davon loskommen, und deshalb entzieht er ihnen solchen Halt, auf dass er allein ihr Halt sei.

Denn er will ihnen Großes geben und will's rein nur aus seiner freien Güte. Und er soll ihr Halt und Trost sein, sie aber sollen sich als ein reines Nichts erfinden und erachten in all den großen Gaben Gottes. Denn je entblößter und lediger das Gemüt Gott zufällt und von ihm gehalten wird, desto tiefer wird der Mensch in Gott versetzt, und umso empfänglicher wird er für Gott in allen seinen kostbarsten Gaben, denn einzig auf Gott soll der Mensch bauen.“

Darauf sagen wir mit Paulus: Amen.

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text:

Paulus schreibt:

16 Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.
17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne!
18 Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter.
19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt.
20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.
 


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