Predigt     Jeremia 29/1,4-7,10-14     21. Sonntag. n. Trinitatis     28.10.12

"Die Hoffnung stirbt zuletzt"
(von Pfarrer Rudolf Koller, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

trotz ihres hohen Alters – sie war fast 89 Jahre alt – war sie noch gut auf den Beinen. Mit 25 Besuchern aus Hof stieg sie die Katakomben der St. Peter-und-Paul-Kirche in St. Petersburg hinunter, vorbei an Kachelwänden und dicken Betonböden – jenen stummen Zeugen der Vergewaltigung dieser Kirche - und Ihrer Gemeinde! Margarete Schulmeisters Stimme war immer noch klar und fest. Immerhin ist sie Lehrerin gewesen und auch heute noch verdient sie sich ein kleines Zubrot mit Unterrichten. Sie erzählte uns die Geschichte der evangelisch-lutherischen Gemeinde in St. Petersburg, die Ende des 19. Jahrhunderts ca. 150.000 deutsche Gemeindeglieder zählte. Im Gefolge der russischen Revolution 1917 wurden sie alle in Straflager nach Sibirien verbannt. Und die St. Peter-und-Paul-Kirche wurde umgebaut in ein Schwimmbad. An den Wänden in den Katakomben hat ein Russland-Deutscher Verbannung und Exil in mehreren eindrücklichen Bildern festgehalten: die sofortige Erschießung des Pfarrers und seiner Frau; den „Abriss“ der Kirche und die Entfernung ihres Kreuzes; die Verladung auf vollgepferchte Waggons; die Mütter, die während des Transports ihre kranken Kinder einfach neben den Schienen „ablegen“ mussten; das Arbeitslager in sibirischer Kälte von -40 Grad; die 12 Stunden täglicher Arbeit und der ständige Hunger! Als Margarete Schulmeister von den „abgelegten“ Kindern erzählte, stockte ihre Stimme. Während dieser wenigen Sekunden wuchs in mir eine annähernde Vorstellung davon, welche furchtbaren Tragödien sich hinter Worten wie „Verbannung“ und „Exil“ abspielen.

„Sie saßen an den Wassern von Babylon und weinten.“ Aus der Zeit von Verbannung und Exil stammt auch unser heutiger Predigttext. Die Tragödien, die sich damals in Israel abgespielt haben, können wir heute nur annähernd erahnen: Krieg im eigenen Land, in der eigenen Stadt, Tote, schreiende Verwundete, Hinrichtungen, Zerstörungen - all das kennen wir in Deutschland Gott sei Dank seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Freilich, wir sehen es immer wieder in den Nachrichten aus aller Welt! Für das Volk Israel war es damals, 596 v. Chr., die größte denkbare Katastrophe überhaupt. Sie verloren alles: Ihre Freiheit, ihre Hauptstadt und damit ihre Eigenstaatlichkeit, ihren Tempel und damit ihren Glauben, ihre Heimat und damit ihre Wurzeln. Viele verloren ihr Leben. Und der Rest hatte auf den Hungermärschen ins Feindesland nur noch Schmerz und Verzweiflung im Herzen. „Sie saßen an den Wassern von Babylon und weinten.“ Und die anderen fluchten: „Tochter Babylon, du Verwüsterin, wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.“ (Psalm 137. 8f).

Der Prophet Jeremia schreibt denen im fremden Land einen leidenschaftlichen Brief, einen ungewöhnlichen Brief. Einen Trostbrief im besten Sinne. Einen Mut-Mach-Brief an seine verzweifelten und hoffnungsleeren Volksgenossen. Seine Zeilen sind – man höre und staune - eine Aufforderung zum radikalen Umdenken:

Text (rechte Spalte)

Ich habe in diesem Brief drei Entdeckungen gemacht. Meine erste Entdeckung: Glaubensmut!

Wir modernen Menschen tun uns schwer, zu verstehen, was es für den antiken Menschen bedeutete, wenn der Tempel zerstört wurde. Für das Volk Israel damals bedeutete die Zerstörung des salomonischen Tempels jedenfalls die Zerstörung des Heiligen selbst! Der Ort der Gegenwart Gottes war verloren gegangen. Wie erschütternd das sein kann, erahnte ich, als ich in St. Petersburg die zu einem Schwimmbad umgebaute Kirche von St. Peter und Paul gesehen habe. Aber dass Gott auch ohne Tempel erfahren und verehrt werden, das war in Israel damals revolutionär! Dass Gott kein Provinzgott ist, sondern der Gott aller Menschen überall. Kein nationaler, kein deutscher, kein amerikanischer oder russischer Gott. Nein, der eine Gott, der sich überall, an jedem Winkel dieser Erde suchen und finden lassen will! Unwillkürlich steigt jenes Bild vor meinen Augen auf, das jener Russlanddeutsche in den Katakomben der St. Peter und Paul Kirche gemalt hat: Wie sie heimlich im Strafgefangenenlager ohne Pfarrer das Abendmahl gefeiert haben.

Meine zweite Entdeckung: Liebesmacht!

Jeremia setzt an die Stelle von Hass, Zorn und Rache der Verbitterten die Liebe zu denen, die ihre bittere Lage verursacht haben: „Betet für das Glück Babylons und kümmert euch um ihr Wohlergehen.“ Liebe als Feindesliebe - eine revolutionäre Botschaft, die auch uns Heutigen direkt zu unserem Herrn Jesus Christus führt. Liebet eure Feinde! Das war Gottes Wille von Anfang an, das ist er auch heute und das wird er immer sein! Christus hat es uns vorgelebt. Und er hat uns versprochen, dass auch wir leben sollen, wo wir so handeln.

Meine dritte Entdeckung: Hoffnungskraft!

Jeremias Brief gibt eine lebendige Anschauung davon, was Nüchternheit bewirkt. Er rät, die Gegenwart, die Verbannung und das Exil anzunehmen. Und er warnt davor, sich Illusionen zu machen, auf billige Vertröster hereinzufallen oder sich in Nostalgie zu flüchten.

Mit diesen drei Entdeckungen wage ich jetzt Ungewöhnliches. Ich schreibe einen neuen Brief des Jeremia an uns heute. Ich vertraue darauf, dass Jeremia nichts dagegen hätte, unseren Glaubensmut, unsere Liebesmacht und unsere Hoffnungskraft zu stärken:

„Liebe christliche Gemeinde, ich habe eine Botschaft für euch. Es ist jene, die ich meinen Landsleuten im Exil mit Herzblut und Leidenschaft in ihr Herz geschrieben habe. Ihr habt den Eindruck, dass es schon länger bergab geht mit der Kirche. Vielleicht fühlt ihr euch mitunter als Babylon-Bürger im fremden Land. Der christliche Glaube wird zwar geduldet, aber mehr als Relikt vergangener Zeiten und als Angelegenheit von Sonderlingen, die nicht auf der Höhe der Zeit sind. Vielleicht empfindet ihr das als Verbannung aus der Welt von früher, wo Glauben noch selbstverständlich war. Wo er das Leben bestimmte und Heimat war für alle. Es wird viel darüber geschrieben und geredet, dass ihr eine aussterbende Spezies seid. In Familien wird kaum noch gebetet, selten auch über Bibel und Glaube gesprochen. Kreuze sind aus Klassenzimmern verschwunden. Kirchenaustritte machen Schlagzeilen. Ihr erlebt Gottesdienste in so mancher Kirche mit nur 10-20 Menschen, meist ältere und kaum junge. Und ihr hört immer wieder, wie darüber gespottet wird!

Ihr erlebt das als Verlust. Gerade die Älteren beklagen das. Aber so erging es damals meinen Landsleuten auch, als der Tempelkult nach der Zerstörung des Tempels aufhörte. Ihr seid also nicht viel besser und nicht viel schlechter dran als sie. Damals habe ich die Verängstigten vor den Vertröstern gewarnt. Die redeten ein schnelles Ende ihres beklagenswerten Zustandes herbei. „Alles wird bald ein Ende haben.“ Sie streuten ihnen Sand in die Augen. Sie machten sich Illusionen. Und gaben ihre Stimme als Gottes Stimme aus.

Euch sage ich: Das, was euch beunruhigt, wird anhalten! Es gibt kein Zurück auf dieser Welt. Misstraut denen, die euch mit frommen Sprüchen besänftigen wollen oder dauernd von den guten alten Zeiten reden, wo alles besser war. Sie gaukeln euch vor, dass alles bald wieder so sein kann, wie es früher war. Mit frommem Augenaufschlag, aber mit einer trügerischen Sicherheit. Diese Sicherheit gibt es nicht, weil die Welt sich immer nach vorn bewegt. Wie damals sage ich zu euch im Namen Gottes: Bleibt nüchtern. Haltet eure Lage nicht nur aus, auch wenn es anstrengend ist, sondern macht euch nützlich! Mischt euch ein! Baut Häuser, pflanzt Bäume, legt Gärten an, erntet die Früchte! Sagt nie: Ich bin zu schwach. Ich alleine kann doch nichts ändern. Sagt nie: Wir sind zu wenige. In jüdischer Tradition heißt es: Es genügen zwei, um eine Sache zu verändern. Denn ihr habt einen Auftrag und eine Aufgabe mit eurem Leben. Gott hat jeden von euch dazu erwählt und berufen, das Seine zu tun, was kein anderer kann.

Wie damals sage ich euch heute: Ihr sollt Kinder haben und mit ihnen leben. Es gibt zu viele, die meinen, in diese Welt könne man keine Kinder setzen. Bedenkt: Jedes Kind, das geboren wird, ist ein göttliches Zeichen aus einer anderen Welt. Jedes Kind ist ein Bekenntnis zu der Hoffnung, dass unsere Erde nicht von uns ins Chaos gestürzt wird, sondern dass sie ein Ort bleibt, wo das Leben blühen kann in seiner Fülle und Vielfalt.

Ich sage zu euch, die ihr in Christus so viel Liebe erfahren habt, sodass ihr viel von der Feindesliebe versteht: Setzt euch für den Frieden ein, mit euren Möglichkeiten und in euren Grenzen. „Der Weltfriede fängt in den Herzen der Menschen an“, hat ein kluger Mann gesagt. Das Herz steht für euren Willen und für euer Wollen. Also haltet und macht Frieden mit euren Gegnern, mit den Fremden bei euch und, so ihr habt, mit euren Feinden. Das ist die einzige Lebenschance in eurer so komplizierten und gefährdeten Welt. Und lernt immer mehr, dass ihr Frieden nie gegen eure Feinde, sondern nur mit ihnen machen könnt. Ihr wisst ja: Auch beten könnt ihr nie gegen andere. Ihr betet immer nur für andere. Wer für andere betet, handelt auch anders als bisher oder üblich. In Norwegen haben die Christen für den Massenmörder Anders Breivik gebetet. So zu beten ist euer vornehmster Dienst.

Und haltet an der Hoffnung fest. Klammert euch an sie, auch wenn ihr euch verloren vorkommt. Auch wenn ihr das Gefühl habt, Gott selbst sei ins Exil ausgewandert. Sagt nie: Ich habe keine Hoffnung mehr. Hoffnung ist eine Lebenskraft, die Gott nie garantiert und die ihr nie als Besitz habt. Ringt und betet um sie. Denn: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen. Denn ich habe Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, auf das ihr voller Sehnsucht wartet.“ Zum Schluss: Ihr sollt wissen, dass meine Landsleute dieses versprochene Ende nach 60 Jahren erlebt haben. Euer Jeremia.“

Nachwort: Nach 20 Jahren Verbannung in Sibirien durfte Margarete Schulmeister in ihre Heimat nach St. Petersburg zurückkehren. So, wie sie mir in den Katakomben der St. Peter und Paul Kirche in Erinnerung geblieben ist mit ihrem aufrechten Gang, mit ihrer festen und nur einmal stockenden Stimme, mit ihren leuchtenden Augen bei der gemeinsamen Abendmahlsfeier, ist sie mir zum lebendigen Zeugen geworden: Ja wahrlich, die Hoffnung stirbt zuletzt!

Pfarrer Rudolf Koller   (Hospitalkirche Hof)

Text:

1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte…
4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;
6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl…
10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.
11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.
12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.
13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.


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