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  Kirche im Aufbruch
"Kirche der Freiheit" - Anmerkungen zum Impulspapier der EKD von 2006 zur Entwicklung der Kirche bis zum Jahr 2030 

Der Rat der EKD hat 2006 das Impulspapier "Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" veröffentlicht. Das Papier zielt darauf, die vielfältigen Reformbemühungen in den Gliedkirchen aufzunehmen, zu bündeln und perspektivisch fortzuführen. Zugleich wird mit ihm der Versuch unternommen, einen kirchlichen Perspektiv- und Mentalitätswechsel anzuregen. Die Leitfrage lautet dabei, wie die "Kirche der Freiheit" im Jahr 2030 aussehen kann - und was wir heute tun müssen, um sie entsprechend dem Evangelium möglichst einladend zu gestalten.

Die so angestoßene Diskussion wurde in dem Zukunftskongress "Kirche der Freiheit im 21. Jahrhundert" aufgenommen, zu dem der Rat der EKD 280 geladene Gäste vom 25. - 27. Januar 2007 nach Wittenberg einlud.

Das Papier erschien Anfang Juli 2006 und hatte in den einzelnen Foren eine rege Diskussion ausgelöst, die inzwischen schon wieder erlahmt zu sein scheint. Im Intranet der bayerischen Landeskirche jedenfalls, interessiert sich niemand so richtig für dieses Thema. Hier einige Standpunkte aus der bisherigen Diskussion.

 


Stand: 16.11.2016

 

Hintergründe und Links

Standpunkte:  
Geist, Farbe, Klang /Von Ludwig Trepl

„Der Einwand, daß ein Lernen von den wirtschaftlichen Kompetenzen zu einer Angleichung der Kirche an die Marktwirtschaft führt, wird heute nur noch selten vertreten“ (S. 42). Da jubeln sie, die Markt-Schreier, und fallen im Siegesrausch gleich mit dem gesamten Arsenal an Folterwerkzeugen, das in den letzten zwei Jahrzehnten in den think tanks des Neoliberalismus ausgetüftelt worden ist, um unsere Ohren zu peinigen, über die armen Christenmenschen her: „Kerngeschäft“ und „Kernangebote“, „Imageschaden“, „Qualitätsmanagement“, „good-practice-Orientierung“, „Angebotsorientierung“, „360-Grad-Feedback“, „Alleinstellungsmerkmal“, „Agendasetting“, „Aufwärtsagenda“, „Kundenbindungsinstrumente“, „Profilierungskompetenz“ und sogar, man möchte es nicht glauben, „kybernetisch-missionarische Kompetenz“. Das läßt sich nicht mehr steigern? Doch: „gabenorientierte Motivations- und Qualifikationskompetenz“. Hätte man den Text den Unternehmensberatern, die ihn verfaßt haben, nicht vor der Veröffentlichung wegnehmen können, um ihn jemandem zu geben, der kein Betriebswirt ist, sondern deutsch kann? Der all diesen Wortmüll gestrichen und statt „Qualitätsstandards in den Kernvollzügen“ geschrieben hätte, worum es offensichtlich geht: daß man gut aufpassen soll, damit im Jahre 2030 nicht mehr so viele schlechte Tauf-, Hochzeits- und Trauerpredigten gehalten werden wie heute?

Die Verfasser scheinen nicht bedacht zu haben, daß die derzeitige „Wiederkehr der Religion“ (S.14) nicht zuletzt und vielleicht sogar hauptsächlich daher kommt, daß viele Leute nach jahrelanger Dauerbeschallung den jungdynamischen Wirtschaftsfundamentalisten-Jargon einfach nicht mehr ertragen können. Und daß das so hoffnungsvoll begonnene Unternehmen, die Kirche in eine Firma umzuwandeln, die mit „Beheimatung“ handelt und damit Marktführer in der Wellness-Branche werden will, eventuell fehlschlägt, weil gerade solche Kunden, die „Beheimatung“ auf einer „Beheimatungsebene“ suchen, nicht ausgerechnet dahin gehen, wo in „Kompetenzzentren“ „Führungskräfte“ voller „kommunikativer Kompetenz“ unter Einsatz „moderner Führungsinstrumente“ immerzu auf sie einkommunizieren, daß sie doch bittschön „aufgabenorientiert“ ihr „Qualitätsbewußtsein“ erhöhen sollen, am besten mit einer „Qualitätsoffensive“. Daß diese Kunden also „den Geist, die Farbe und den Klang des anstehenden Mentalitätswechsels“ (S.101) nicht so recht als das erkennen können, was sie in einer Kirche erwarten.

Mein Vorschlag an die EKD wäre, den sicher notwendigen Veränderungsprozeß nicht ausgerechnet solchen Mitarbeitern anzuvertrauen, die durch Talent und Neigung zum Kaufmannsberuf bestimmt waren, aber von einem gnadenlosen Vater zum Theologiestudium gezwungen wurden.

(im Juli 06 im EKD-Forum)

 

 

 

"Stutzig wurde ich erst, als ich zu fragen begann, auf welches „Qualitätsniveau“ es wohl im Pfarrberuf ankomme. Ich durchforschte mit dieser Frage das ganze Impulspapier. Mir wurde immer schwindliger bei der permanenten Forderung nach Qualität, Qualitätskontrolle, Qualitätsstandards, Qualitätsmanagement, Qualitätssicherung, ohne dass ich irgendwo herausfinden konnte, um welche Qualität es denn nun eigentlich geht.

Wenn .. dieses selbstverständliche betriebswirtschaftliche Instrument auf „leitende geistliche Mitarbeiter“ angewandt wird, kann es rasch um deren Geistlichkeit geschehen sein, die sich eben nur auf geistliche Weise beurteilen lässt, denn Geistliches kann nur geistlich beurteilt werden, wie Paulus in 1.Kor.2, 10ff ausführt."
(Christian Möller)

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Gegen Rückzug der Kirche aus der Fläche

Frankfurt a.M. (epd). Für die evangelische Kirche in Bayern kommen nach Auffassung von Landesbischof Johannes Friedrich einige Reformempfehlungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) überhaupt nicht in Frage. Eine Halbierung der Zahl der örtlichen Kirchengemeinden etwa sei für seine Landeskirche "undenkbar", sagte Friedrich in einem epd-Gespräch in Frankfurt. Zur Begründung sagte er: "Wir sind eine Flächenkirche und dies wäre geradezu der Tod für unsere Kirche."

In dem EKD-Papier "Kirche der Freiheit" wurde unter anderem empfohlen, die Zahl der Ortsgemeinden zugunsten von "Passanten- und Profilgemeinden" drastisch zu verringern. Eine weitere Empfehlung sieht vor, das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Pfarrern und Ehrenamtlichen zu ändern. Dazu sagte Friedrich, diese Vorgabe sei nicht auf die Landeskirche in Bayern übertragbar.

Von dem für Januar geplanten "Zukunftskongress" über die EKD-Vorschläge erwartet Friedrich, der zugleich Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands ist, kein "Beschlusspapier". Vielmehr erhoffe er sich eine Konzentration auf einige Themen, die schwerpunktmäßig in Landeskirchen weiterverfolgt werden sollten.

Das Impulspapier, das langfristige Reformen im deutschen Protestantismus anstoßen will, wirke "nahezu zwangsläufig" auf derzeitige Mitarbeiter der Kirche demotivierend und werde als Kritik aufgefasst, räumte Friedrich ein. Gerade unter Pfarrern gebe es eine starke Empfindsamkeit für öffentliche Kritik an ihrer Arbeit. "Wir müssen besser werden, das ist unbestritten", betonte der Bischof. Deshalb wäre der Anspruch der Qualitätsverbesserung sinnvoller so formuliert worden, dass nicht all jene, die gute Arbeit machen, ihn als Kritik empfänden.

Bei Pfarrern lasse sich Erfolg schwieriger messen als bei anderen Berufsgruppen, gab Friedrich zu bedenken. Schlechter Kirchenbesuch sei nicht automatisch Ausdruck mangelhafter Qualität. Und alles was Seelsorge betreffe, entziehe sich weithin einer Beurteilung. Erwartungen an Pfarrer und ihre gesellschaftliche Präsenz würden heute weitaus deutlicher geäußert als in der Vergangenheit. (14478/6.12.2006)

  "Die buchstäblich grundlegende Schlüsselfunktion pastoralen Wirkens kann auch aus dem Beitrag der (Gemeinde-) PastorInnen zur religiösen Sozialisation der Kirchenglieder erschlossen werden:

Gefragt nach dem Grad des Einflusses von Medien und Personen auf die Entwicklung ihres Verhältnisses zu Religion, Glauben und Kirche‹ geben 83% der Kirchenglieder als wichtigste Personen ihre Eltern, 70% ihre Großeltern und 60% ihre PastorInnen an, die damit an erster Stelle der »Fremdpersonen« stehen, weit vor LehrerInnen (33%) oder Jugendgruppen-LeiterInnen (26%), ja selbst noch deutlich vor der eigenen LebenspartnerIn (36%).

Für die kirchlich-religiöse Sozialisation der Kirchenglieder stimmt darum gerade nicht, was das EKD-Papier auf S. 64 behauptet: »Ein überzeugender Pfarrer oder eine überzeugende Pfarrerin sind ebenso bedeutsam wie eine glaubwürdige Erzieherin…«

Eine außerordentlich geringe religiöse Sozialisationsbedeutung haben nach Angaben der Kirchenglieder medial vermittelte Einflüsse wie Internet (1%), Radio und Fernsehen (7%), bekannte Persönlichkeiten (10%), Bücher und Zeitschriften (20%). Diese wichtige Erkenntnis sollte auch dazu beitragen, die sehr überschätzte Wirkung kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit realistischer zu beurteilen." (Herbert Dieckmann)
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"Ich weiß, woran ich glaube" - Halt und Perspektive in der Krise/ Vortrag von Prof. Dr. Christian Möller (vor dem Deutschen Pfarrertag in Fulda am 26.9.2006)

Wir haben zwei Denkweisen kennengelernt, mit der Kirche und ihrer Zukunft umzugehen: aus dem Impulspapier der EKD das futurische Denken, das die Zukunftschancen der Kirche hochrechnet, dabei Umfrageergebnisse und Trends auswertet, Leuchtfeuer und d.h. Zielvorstellungen markiert, daraus Zwischenschritte ableitet, die gegangen werden müssen, wozu die entsprechende Bereitschaft und der Mentalitätswechsel von allen Mitarbeitern eingefordert wird. Es ist ein Organisationsschema, wie es im Grunde jede Firma bei ihrer Zukunftsplanung einsetzt, und warum sollte die Kirche nicht auch von betriebswirtschaftlichem Denken lernen?! Der Preis freilich ist, dass sie dabei selbst mehr und mehr das Bild einer Firma EKD annimmt. Halt und Perspektive für den Pfarrberuf sind in diesem Denken so sicher oder so unsicher, wie eben die Zukunft von Firmen mitsamt ihren Stellenchancen heute sicher oder unsicher ist.

Aus dem Evangelium des Sonntags haben wir ein adventliches Denken kennengelernt, das zuerst nach dem Kommen des Reiches Gottes trachtet und sich deshalb auch die Zukunft der Kirche von Jesus im Licht eines himmlischen Vaters zeigen lässt, der für Vögel unter dem Himmel wie für Lilien auf dem Feld sorgt und um die Bedürfnisse der Seinen um so mehr Bescheid weiß. Dieses adventliche Denken, das die Zukunft als Zukommen Gottes sorglos im Rücken weiß, kann sich um so geistesgegenwärtiger auf die nächstliegenden Besorgungen, Aufgaben, Pflichten heute konzentrieren und dabei der Gegenwart dessen vertrauen, der verheißen hat: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ (Off. 3, 20)

Das Bild von Evangelischer Kirche, das nun in Erscheinung tritt, mag von Papst Benedikt XVI. ein wenig abfällig und verkürzt „kirchliche Gemeinschaft“ genannt werden. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn es handelt sich in Wahrheit um die „kirchliche Gemeinschaft mit Jesus Christus“, in der durch intensives Hören auf SEINE gegenwärtige Stimme Kirche in so enger Zusammengehörigkeit mit Christus wächst, dass Zwischeninstanzen wie z.B. ein päpstlicher „Stellvertreter Christi auf Erden“ eher verstellend und hinderlich als förderlich sind, ist die Kirche doch ganz und gar auf das Hören von Christi Stimme und auf SEIN Kommen ausgerichtet, um IHM die Tür aufzutun.

Halt und Perspektive für den Pfarrberuf sind in dieser adventlich eingestellten Kirche keineswegs sicher. Sie sind aber um so gewisser, je mehr jeder Tag in einem Licht gesehen und wahrgenommen wird, von dem E. M. Arndt in seinem Glaubenslied singt:
„Das ist das Licht der Höhe, das ist der Jesus Christ,
der Fels, auf dem ich stehe, der diamanten ist,
der nimmermehr kann wanken, der Heiland und der Hort,
die Leuchte der Gedanken, die leuchten hier und dort.“ (EG 357, 4)

Lesen Sie hier den gesamten Vortrag... pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich

 

"Diese kritische Analyse des Impulspapiers "Kirche der Freiheit" erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Insbesondere konnten bei den Reformvorschlägen des Papiers nicht alle Details dargestellt und kritisch untersucht werden. Eine ausführlichere Analyse würde sicher feststellen, dass das Papier neben den kritikwürdigen auch akzeptable Reformvorschläge macht. So ist ja gewiss immer richtig, eine Steigerung der Effektivität und der Qualität kirchlicher Arbeit zu fordern. Mögliche gute Vorschläge im Detail können aber den Gesamteindruck des Papiers nicht verändern.

Das Papier geht von der falschen Analyse aus, dass die Krise der Kirche im wesentlichen durch äußere Dinge wie Finanzknappheit, demographische Katastrophe und soziologische Veränderungen in der Struktur der Gesellschaft verursacht worden ist. Es kommt von daher zu der falschen Schlussfolgerung, dass durch organisatorische, finanzwirtschaftliche, personalwirtschaftliche Veränderungen und durch Veränderungen in den kirchlichen Leitungsstrukturen die Krise bewältigt werden kann. Dies ist jedoch ein Kurieren an Symptomen. Im Kern ist die Krise der Kirche geistlicher Natur. Von dieser geistlichen Krise sind alle kirchlichen Arbeitsgebiete und alle kirchlichen Ebenen, von der Ortsgemeinde bis zur Synode der EKD, betroffen. Der Versuch, sie zu bewältigen kann darf daher nicht dadurch belastet werden, dass die eine Ebene (im Impulspapier die zentralen Leitungsebenen) versucht, ihre Bedeutung und ihre personellen und finanziellen Ressourcen auf Kosten anderer Ebenen (Ortsgemeinden) zu sichern.

Die Bewältigung der fundamentalen Krise der Kirche kann nur durch eine geistliche Neubesinnung und Umkehr aller kirchlichen Verantwortungsträger und mit ihnen der Gemeindeglieder gelingen. Von neuem muss die Kirche dem Ruf des Propheten Amos folgen: "Suchet mich, so werdet ihr leben." (Amos 5,4)   (Rainer Vogels)

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"Als ob alles Beten nichts nützt" - Das EKD Papier zur Reform des deutschen Protestantismus hat theologische Schwächen/ Von Prof. Dr. Wilfried Härle (Zeitzeichen Nr. 10/2006, S. 22 ff , Auszüge)

Am 6. Juli 2006 veröffentlichte der Rat der EKD ein Impulspapier unter dem Titel "Kirche der Freiheit - Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert". Mit ihm setzt sich der Heidelberger Theologieprofessor Wilfried Härle kritisch auseinander.

" ... Die metaphorische Rede vom "Leuchtfeuer", mit der zwölf konkrete Visionen und Ziele bezeichnet werden, ist missraten. Dass Leuchtfeuer "in früheren Zeiten am Strand oder in den Bergen als Orientierungslichter gesetzt wurden, damit Segler oder Wanderer trotz Wind und Wetter, trotz Berg und Tal zu ihrem Ziel finden konnten", klingt zwar wildromantisch. Es trifft aber die Sache im entscheidenden Punkt nicht. Leuchtfeuer haben in der See- und Luftfahrt primär warnenden, abgrenzenden Charakter. Sie bezeichnen nicht ein Ziel, sondern eine Gefahrenquelle, sei es die Küste, an der ein Schiff stranden könnte, oder die Begrenzung einer Landebahn, über die das Flugzeug nicht hinaus geraten darf. Aber so wollen die Leuchtfeuer dieses Textes gerade nicht verstanden werden. Deshalb wäre die ebenfalls mehrfach verwendete Rede von "Orientierungslichtern" genauer, wenn auch nicht wesentlich schöner. ...

Die Formel „Gott vertrauen und das Leben gestalten” ist nicht nur außerordentlich blass geraten, sondern durch das bloß additive „und” ganz unbestimmt. Schon die Formulierung „Im Vertrauen auf Gott das kirchliche Leben gestalten” würde mehr sagen. Vielleicht ist damit ja sogar das Vertrauen auf das unverfügbare Wirken des Heiligen Geistes gemeint, der Glauben weckt, wo und wann Gott will. Das müsste aber im ganzen Text mehr spürbar werden. Und das ist gerade dort nicht der Fall, wo in den Leuchtfeuern von der Situation des Jahres 2030 so gesprochen wird, als sei sie dem Blick des Impulspapiers bereits jetzt zugänglich. Vermutlich soll das nur ein Aufmerksamkeit weckendes Stilmittel sein, um anzudeuten, wie notwendig eine solche Veränderung ist und wie fest der Text an ihre Realisierung glaubt. Aber nicht jedes sprachliche Stilmittel ist auch ein guter theologischer Einfall. Hätten die Verfasser sich nicht durch das „wenn Gott will” aus dem Jakobusbrief davor warnen lassen können, so ungeistlich von der Zukunft zu reden?

Nach meiner Auffassung hat das darin erkennbar werdende Defizit deswegen eine so große (negative) Bedeutung, weil an ihm nicht nur - wider Willen! - abgelesen werden könnte, was und wie wenig die evangelische Kirche für ihre eigene Zukunft von Gott erhofft, erbittet und erwartet, sondern, auch, was und wie wenig sie den Menschen als Grund des Vertrauens auf Gott zu verkündigen hat. Dass wir arbeiten sollen, als ob alles Beten nicht nützte, davon ist in dem Text viel zu spüren. Dass wir beten sollen, als ob alles Arbeiten nichts nützte, das findet sich dagegen allenfalls in Spurenelementen.

Vermutlich hängt das auch damit zusammen, dass Bibel und Bekenntnis im Impulspapier eine auffällig geringe Rolle spielen. Zwar wird gelegentlich einfühlsam darauf hingewiesen, welche Bedeutung es haben kann, dass Christenmenschen, die nicht mehr an einem Gottesdienst teilnehmen können, zum Lesen und Auslegen der Heiligen Schrift zusammenkommen. Aber als Quelle und Kriterium für sein eigenes Argumentieren macht dieser Text von Schrift und Bekenntnis erstaunlich wenig Gebrauch. Die Bibelstellen, die in den Text eingestreut sind, haben eher illustrative als argumentative Funktion. Und außerdem hat ausgerechnet dabei das Impulspapier keine glückliche Hand. So wird auf Seite 35 die Rede vom „Beweis des Geistes und der Kraft” aus dem 1. Korintherbrief Gotthold Ephraim Lessing zugeschrieben, der sie doch seinerseits von Paulus übernommen hat. Auf Seite 82 wird die Aussage aus der Weisheit Salomos, wonach „die Weisheit den Mund der Stummen öffnete”, wiedergegeben durch die These, die Diakonie sei der Mund der Stummen. Offenbar liegt hier eine Verwechslung mit Sprüche 31, 8 vor: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.” Das hätte gepasst. Der wenig glückliche Umgang mit biblischen Texten taucht schließlich noch einmal ganz am Ende auf, wo ausgerechnet das bekannte Bibelwort aus dem 2. Korintherbrief (5,19), das den Abschluss des ganzen Impulspapiers bildet, mit einer falschen Stellenangabe zitiert wird. ...

Der Rat der EKD hat sein „äußeres Wort” zur Zukunft der Evangelischen Kirche in Deutschland gesagt. Was daraus und aus der EKD im 21. Jahrhundert wird, liegt in Gottes Hand. Wie gut!
" Lesen sie hier den ganzen Artikel...pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich

 

"Die beschriebenen Leuchttürme könnten sich eher als das erweisen, was Leuchttürme im Zeitalter von GPS nun einmal sind: nostalgische Relikte der Vergangenheit, so wie manche Kirchen im Jahr 2030 stumm Zeugnis geben werden von einem einstmals blühenden christlichen Abendland, in dem die Lichter längst ausgegangen sind." (Thomas Braun)

"Denn es weiß, gottlob, (schon) ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören. Denn so beten die Kinder: Ich glaube eine heilige christliche Kirche. Diese Heiligkeit besteht nicht in Chorhemden, Tonsuren, langen Röcken und ihren andern Zeremonien, von ihnen über die heilige Schrift hinaus erdichtet, sondern im Wort Gottes und rechtem Glauben."
(Martin Luther: Die Schmalkaldischen Artikel, 1537, Luther-W Bd. 3, S. 366)

"Immer wieder wird betont: Jetzt sei noch Zeit und Möglichkeit zum Gestalten, später könne die Kirche nur noch mühsam reagieren. Deshalb sei jetzt ein Mentalitätswechsel nötig, „gegen den Trend wachsen zu wollen“.
Der Druck, der freilich von diesem Papier ausgeht, ist gewaltig. Er äußert sich in vielen Appellen und Forderungen, in Zielvorstellungen und Zielvorgaben, die ja auch offene oder versteckte Forderungen sind. Aber gerade dieser Druck weckt wohl nicht nur bei mir eine gewisse Distanz, ja eine kritische Einstellung gegenüber diesem Impulspapier. Das fängt schon bei der Parole an: „Gegen den Trend wachsen wollen“. Ist Wachsen wirklich eine Sache des Wollens? Ich musste an jenen fiktiven Bauern denken, der unbedingt das Wachstum seiner Pflanzen fördern wollte und deshalb immer wieder aufs Feld hinausging und an den Pflänzchen zupfte, weil er nichts von ihrem Wachstum sah. Was er bewirkte, war die Zerstörung seiner Pflanzen. Ist Wachsen nicht eine Gabe des Gedeihens, die Gott schenkt? „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“(1.Kor.3, 6) Wenn doch die Appelle von der wachsenden Kirche bald wieder aus der Kirche verschwänden, oder wenigstens durch den Geist des Gleichnisses von der selbstwachsenden Saat aus Mk 4 evangelisch verändert und gelassener würden! Dann ginge ein Aufatmen durch die Kirche, und es würde tatsächlich etwas wachsen!
(Christian Möller)

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Als Tiger gesprungen... /Von Johannes Taig (Auszug aus einem Beitrag vom August 06 bei Kanzelgruss.de )

... Aufschlussreich ist folgender Abschnitt:

„Unternehmerische, betriebswirtschaftliche und marketingorientierte Methoden und Einsichten werden auch in den Kirchen aufgegriffen, gemäß dem paulinischen Grundsatz, alles zu prüfen und das Gute zu behalten (1. Thessalonicher 5,21). Der Einwand, dass ein Lernen von den wirtschaftlichen Kompetenzen zwangsweise zu einer Angleichung der Kirche an die Marktwirtschaft führt, wird heute nur noch selten vertreten. Stattdessen setzt sich die Auffassung durch, dass die Kirche bei bestimmten Aufgaben (Immobilienbewirtschaftung, Haushaltssteuerung, Qualitätsmanagement usw.) das Lösungsniveau nicht unterschreiten darf, das in anderen gesellschaftlichen Bereichen erreicht wird.“ (S.42)

Polemisch formuliert: Die Begrenztheit menschlichen Handelns, die Grenze zwischen Menschenwerk und Gottes Werk, die Kirche als Geschöpf des Wortes Gottes, wird zwar am Anfang des Impulspapiers KdF hochgehalten. Das Evangelium hat aber in der Folge in dem Papier und in einer evangelischen Kirche 2030 keine kritische Kraft mehr. Es ist mitsamt dem biblischen Zeugnis verkommen zum Ramschladen „biblischer Bilder“, verhackstückt worden in Leitbildprozessen. Das Evangelium wird als Norm faktisch entmachtet zugunsten der Norm, „dass die Kirche bei bestimmten Aufgaben (Immobilienbewirtschaftung, Haushaltssteuerung, Qualitätsmanagement usw.) das Lösungsniveau nicht unterschreiten darf, das in anderen gesellschaftlichen Bereichen erreicht wird.“ Das ist ein "Wir-auch-Protestantismus" von der schlechtesten Sorte.

Dass es sehr wohl „Unternehmerische, betriebswirtschaftliche und marketingorientierte Methoden“ gibt, die dem Evangelium widersprechen, von diesem her zu kritisieren sind und die Kirche sich hier von anderen wohltuend zu unterscheiden hat, wird einfach unterschlagen. Nirgends ein Hinweis, was man auf diesem Gebiet mit Paulus geprüft und für gut oder schlecht befunden hätte.

„Mit der Übernahme der Kirchenführung durch Berater – man spricht heute von Visionsmanagement (wie Kdf auch! z.B. S. 32, Anm.d.Red.)  – wird ein verräterisches Signal gesetzt. Die Denkhoheit in Sachen Weg und Ziel gehört damit weithin sichtbar nicht mehr den Theologen, sondern den Technokraten. Sie definieren Ziele und kontrollieren die Wege. Controlling, die McKinsey-Königsstrategie, wird zum Maß allen Handelns der Kirche, also der Gemeinschaft der Gläubigen. Indem McKinsey den Kirchen entscheidende Ratschläge gibt, haben die Unternehmensberater ihr Ziel, Marktführer auch des Sinngeschäftes zu werden, erreicht. Ihre implizit religiöse Rede, der theologische Unterton ihrer Beratung wird durch die Kirche selbst, die ihren mental-strategischen Bankrott eingesteht, symbolisch abgesegnet.“ (Gert Scobel)

„Gefahr droht, wenn das Lob für „Effizienzaspekte“ Anleihen nimmt beim Neoliberalismus. Solche Überlegungen mögen angebracht sein auf eng begrenzten innerkirchlichen Feldern, etwa beim zersplitterten deutschen Protestantismus, sobald aber von Kirchenseite eine öffentliche Debatte mit den Begriffen des Lean Management geführt wird, büßt die Frohe Botschaft ihre Leuchtkraft ein. Sie wird ununterscheidbar, wenn über sie im Stile eines Produktes geredet werden kann. Die Produkt- und Werbesprache ist die schlechthin substanzlose Rede und borgt sich den Schein des Wesentlichen bei der Religion: Ein Damenrasierer „weckt die Göttin in Dir“, ein Cabrio ist ein „Tempel für den Gott des Windes“, ein Mobilfunkbetreiber verspricht Transzendenz, „es sollte keine Grenzen geben, die uns unsere Möglichkeiten nehmen. Wie frei sind Sie?“ (Alexander Kissler) Das kann wohl kaum die Freiheit sein, die in "Kirche der Freiheit" gemeint ist!

Die Freiheit zu einer „situations- und zeitgemäßen Gestaltung der Kirche“ , die sich KdF theologisch erstreiten zu müssen meint, wird sich deshalb dann als Bumerang erweisen, wenn das Evangelium in ihr seine kritische Kraft verliert, die die Kirche zu allen Zeiten (Kirchenkampf und Barmen!) vor dem Reinfall auf falsche Ideologien leider nicht bewahrt hat, ihr aber immer kritische Geister gab, die den Nachgeborenen zum Vorbild dienen konnten. Die Gefahr ist auch heute nicht gebannt, als Tiger zu springen und als Bettvorleger in einem ideologischen Überbau zu landen, mit dem die Kirche herzlich wenig am Hut haben sollte.

Was das Gute ist, das die Kirche nach Paulus behalten sollte, kann die Kirche sich nicht selber sagen und sich schon gar nicht von anderen sagen lassen. Sie muss es im Licht des Evangeliums erkennen und nicht am messbaren und versprochenen Erfolg. "Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten". (1.Kor. 6/12) Die einfache Wahrheit, dass wir das Leben nur nach vorne leben, aber nur im Rückblick verstehen können, scheint den Fortschrittsoptimisten in unserer Kirche weitgehend abhanden gekommen zu sein. Ihren Visionen fehlt Demut. Sie stellen sich damit einer Welt gleich, die sich in diesem Bereich täglich übertaktet, bis wieder einmal Menschen in den Trümmern ihrer Visionen (und ihrer Welt) nach Haltbarem suchen. Wo die Kirche solches findet, weiß sie seit Urzeiten. Sie sollte sich wieder darauf besinnen. Die Zeit ist gekommen.

 

"Schaut man sich die Liste der Mitglieder der Perspektivkommission an, dann beschleicht einem doch die Angst, daß die theologische Reflexion des Wandels auch in diesem Impulspapier nicht weiter führt als zu den seit einem guten Jahrzehnt immergleichen Empfehlungen und Änderungskonzepten: Pfarrstellen reduzieren, verstärkt Prädikanten und Lektoren einsetzen, Zahl der Landeskirchen verringern, betriebswirtschaftliche Führungskultur einführen sowie die EKD als zentrale Agentur des Protestantismus stärken.

Verantwortlich für „Kirche der Freiheit“ ist ein Kreis von 12 Personen. Der Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, hat selbst den Vorsitz übernommen. Einer der beiden Geschäftsführer ist der EKD-Oberkirchenrat Thies Gundlach. Um es gleich vorwegzunehmen: Gundlach ist der einzige in der Kommission, der über Erfahrungen als Gemeindepfarrer verfügt, die weniger als zehn Jahre zurückliegen. Neben Huber und Gundlach gibt es noch drei weitere Theologen: Den sächsischen Landesbischof Jochen Bohl, den Systematiker Klaus Tanner, derzeit Professor in Halle, sowie den badischen Oberkirchenrat Michael Nüchtern. Dessen Reputation gründet allerdings weniger auf seiner derzeitigen Tätigkeit, sondern auf vergangenen Funktionen, u. a. als Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, und einigen wichtigen Publikationen über die Zukunft der Kirche in einer Situation des weltanschaulichen Pluralismus.

Unter den anderen sieben Mitgliedern sind zwei Unternehmensberater: Peter Barrenstein von McKinsey Deutschland und Bernhard Fischer-Appelt, Geschäftsführer einer Hamburger Consulting-Firma. Prominentestes Mitglied neben Huber und Barrenstein ist Renate Köcher, die Direktorin des Instituts für Demoskopie in Allensbach. Dann gibt es drei Kirchenjuristen: den ehemaligen Präsidenten des Kirchenamts der Hannoverschen Landeskirche, Eckhart von Vietinghoff, der vor Jahren einen mittlerweile in vielen Punkten umgesetzten Plan zur EKD-Reform vorstellte, die Direktorin des Kirchenamtes der Württembergischen Landeskirche und juristische Stellvertreterin des Landesbischofs, Margit Rupp, sowie den EKD-Finanzdezernenten OKR Thomas Begrich (neben Gundlach als zweiter Geschäftsführer der Perspektivkommission). Aus dem wirtschaftlichen Bereich kommt noch Marlehn Thieme dazu, die aufgrund ihrer leitenden Position in einer großen Bank in den Rat der EKD berufen worden ist.

Man setzte bei der Berufung der Kommission also gezielt auf wirtschaftlichen Sachverstand, und demzufolge ist „Kirche der Freiheit“ weniger theologischer als betriebswirtschaftlicher Rationalität verpflichtet. Diese Verpflichtung gegenüber zweier unterschiedlicher Rationalitäten, deren Verhältnis zueinander an keiner Stelle des Impulspapiers so ganz genau geklärt wird, führt dann leicht zu Aporien, die kaum auflösbar sind."

(Dr. Martin Schuck, "Kirche der Freiheit?", Pfälzisches Pfarrerblatt, 6/7, 2006)

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Das Gemeindeprinzip wird aufgegeben .../Von Johannes Taig (Beitrag im Intranet der ELKB)

In dem Papier "Kirche der Freiheit" wird das Gemeindeprinzip faktisch aufgegeben zugunsten von kirchlichen Zentren. Nicht mehr 80% sondern allenfalls 50% der Kirchenmitglieder sollen in Ortsgemeinden organisiert sein. Dies bedeutet einen Rückzug der Kirche aus der Fläche und ist überhaupt nicht theologisch begründet, sondern durch die erwarteten demographischen und vor allem finanziellen Rahmenbedingungen.

In der Bayerischen Landeskirche (ELKB) hat man sich in den fetten Jahren einen personellen Wasserkopf in allerlei überparochialen Diensten zugelegt, was dazu führt, dass über ein Viertel der PfarrerInnen auf Funktionsstellen und nicht auf Gemeindestellen arbeiten. Zurecht wird kritisiert, dass diese Dienste inzwischen so abgehoben und fern arbeiten, dass die Kirchengemeinden sich fragen, was sie davon haben. Kürzungen in den Gemeinden fallen leichter, als in diesem Segment, da die Gemeinden auch in der Synode immer die schwächere Lobby haben. Nach Lektüre des EKD-Papiers wird der Überparochiale Dienst nicht nur in Bayern jubeln und in St. Sebald in Nürnberg wird man Sack und Asche ablegen und sich darauf freuen, ein Tourismuszentrum der EKD zu werden, statt mit über 60 % Kürzung beim innerkirchlichen Finanzausgleich leben zu müssen. Der stellt in seiner überarbeiteten Fassung in Bayern nämlich fest, dass solche Zentralkirchen bereits in der Vergangenheit (z.B. gegenüber mitgliederstarken Stadtgemeinden) unverhältnismäßig hohe Zuweisungen erhielten.

Geistliche Zentren und Kommunitäten haben die Landeskirchen schon heute. Sie sind über Jahrzehnte gewachsen und weisen ihre Existenzberechtigung immer wieder auch dadurch nach, dass sie Dienste für die Gemeinden am Ort leisten. Sie können die Gemeinde am Ort aber nicht ersetzen. Es könnte so kommen, dass die kirchlichen Zentren, die sich das EKD-Papier wünscht, als die potemkinschen Dörfer der zukünftigen Kirche erweisen. Es mag ja sein, dass es beispielsweise in Mecklenburg aufgrund geringer Mitgliederzahlen ohne solche Zentren nicht geht. Dies ist aber nicht auf die Situation z.B. in Bayern übertragbar und aus der Sicht der bayerischen Kirchengemeinden am Ort auch nicht wünschenswert. In diese fließen bereits heute nur 24% der Kirchensteuereinnahmen zurück. Sie gehören gestärkt und nicht weiter abgewertet!

Hier gilt und muss auch in Zukunft gelten: "Die ekklesiologische Findungsregel oder Grundnorm kann in einer evangelischen Kirche nur das Gemeindeprinzip sein. Es drückt das Priestertum aller Gläubigen als Konsequenz der Rechtfertigung allein aus Glauben aus. Das Gemeindeprinzip enthält die Gedanken der Freiheit und Würde des Einzelnen, gestiftet durch die Verkündigung der Botschaft von der freien Gnade Gottes, der Gleichheit der Gemeindeglieder, verbürgt durch die Taufe sowie der Teilhabe an Leitungsvollzügen des Volkes Gottes und der Solidarität und gegenseitigen Fürsorge, verankert im Geschehen des Abendmahls. Aus diesem Prinzip bzw. aus dieser Findungsregel lassen sich sowohl Prioritäten in der künftigen Aufgabensetzung als auch Richtlinien für den Systemwandel der Kirche entwickeln.

Das Gemeindeprinzip führt zu einer Rückgabe der Verantwortung an die Gemeinden am Ort. Die Finanz-, Personal- und Bauhoheit sowie die Aufgabe der inhaltlichen Schwerpunktsetzung gehört in die Hände der gewählten Gemeindevertreter. Vor Ort müssen die entsprechenden Entscheidungen getroffen werden und nur hier sind sie möglich. Was in Berchtesgaden richtig ist, kann in Naila falsch sein. Wo in Kempten eine Schwerpunktsetzung in der Arbeit nötig ist, kann in Weiden eine Kürzung nötig sein. Ob im Dekanat Rosenheim ein Bildungswerk oder ein Jugendwerk nötig oder sinnvoll ist, ob man sich beides leisten will und kann oder nur eines oder keines von beiden, das kann nicht in bayernweiten Beschlüssen der Landessynode geregelt werden. Dafür braucht es die Situationskenntnis und Kompetenz vor Ort. Der hermeneutische Zirkel funktioniert nur im überschaubaren Kontext: Auftrag der Kirche, Situation vor Ort, Ressourcen an Raum, Zeit, Geld und Personen müssen miteinander ins Spiel gebracht werden, um sinnvolle Handlungsziele und -inhalte zu entwickeln." (Dr. Martin Hoffmann, Vortrag auf der Hesselbergkonferenz der Dekane und LKR, Sept. 2005) pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich

   

"Zurückhaltend reagierte Bischof Knuth auch auf die EKD-Pläne, die Zahl der Ortsgemeinden zugunsten sogenannter Profilgemeinden (zum Beispiel Citykirchen) zu reduzieren. "In der Nordelbischen Kirche halten wir am Prinzip der Ortsgemeinde fest. Wir sind keine Kirche mit begrenzten Zielen für begrenzte Zielgruppen, sondern eine Volkskirche mit flächendeckender Verantwortung für die gesamte Bevölkerung." (Die Welt vom 07.07.2006)

"Auch Kardinal Lehmann zeigt sich zurückhaltend. "Ich bin ein zu nüchterner Mensch, um eine Vision der Kirche der Zukunft zu erträumen." Er lege die Zukunft lieber zuversichtlich in Gottes Hand. (epd, 02.11.06)

 

"Die ekklesiologische Findungsregel oder Grundnorm kann in einer evangelischen Kirche nur das Gemeindeprinzip sein. Es drückt das Priestertum aller Gläubigen als Konsequenz der Rechtfertigung allein aus Glauben aus. Das Gemeindeprinzip enthält die Gedanken der Freiheit und Würde des Einzelnen, gestiftet durch die Verkündigung der Botschaft von der freien Gnade Gottes, der Gleichheit der Gemeindeglieder, verbürgt durch die Taufe sowie der Teilhabe an Leitungsvollzügen des Volkes Gottes und der Solidarität und gegenseitigen Fürsorge, verankert im Geschehen des Abendmahls. Aus diesem Prinzip bzw. aus dieser Findungsregel lassen sich sowohl Prioritäten in der künftigen Aufgabensetzung als auch Richtlinien für den Systemwandel der Kirche entwickeln. Das Gemeindeprinzip führt zu einer Rückgabe der Verantwortung an die Gemeinden am Ort. Die Finanz-, Personal- und Bauhoheit sowie die Aufgabe der inhaltlichen Schwerpunktsetzung gehört in die Hände der gewählten Gemeindevertreter."
(Dr. Martin Hoffmann)

 

"Die Möglichkeiten, die die traditionelle Parochie bietet, sind noch lange nicht ausgeschöpft. Bevor man also eine so weitreichende und an den Grundfesten evangelischer Tradition rüttelnde Umstrukturierung ins Auge fasst, sollte man den Mut haben, „evangelischer“ zu glauben, zu denken und zu handeln. Und das heißt, entsprechend dem Priestertum aller Gläubigen den einzelnen Menschen und ihren Gemeinden ... mehr zuzutrauen."
(Andreas Reinhold)

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Hintergründe und Links

Presse

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"Das Manko des Impulspapiers sehe ich in seinem Aktivismus. Allein wie oft es das Wort „muss“ gebraucht! Der Druck, der hier auf Pfarrerinnen und Pfarrer ausgeübt wird, nach dem Motto „ihr müsst alle noch viel mehr machen“, ist nicht förderlich. Und dann dieses Unwort „missionarische Innovationskompetenz“! Da spürt man die Vorstellung, dass etwas nur gut ist, wenn es etwas Neues ist. Dagegen sollte viel deutlicher gesagt werden: Der Glaube geht davon aus, dass Gott das Entscheidende schon getan hat. Und deswegen können wir darauf vertrauen, dass die Kirche bestehen bleibt. Natürlich können wir in einem bestimmten Rahmen dazu beitragen, dass es der Kirche ein bisschen schlechter oder ein bisschen besser geht. Aber die Vorstellung, die im Impulspapier manchmal durchscheint, wir müssten dafür sorgen, dass es überhaupt weitergeht, ist unchristlich." (Jan Hermelink)

"Die institutionelle Domestizierung der pastoralen Individualität scheint ein wesentliches Anliegen des Impulspapiers zu sein. ... Der sachliche Grund des geistlichen Lebens besteht jedoch gerade in der Einsicht, dass der Mensch nicht in seinen Zielen und Zwecken aufgeht; zur Vorbildlichkeit des pastoralen Berufs gehört ... eine zweckfreie geistliche Existenz." (Jan Hermelink)

"Obwohl das Impulspapier die Parochie-Gemeinde als zentrale Grundlage kirchlich-religöser Beheimatung, insbesondere durch die Kasualien, ausdrücklich anerkennt und auf die extrem wichtige Beziehungsarbeit der GemeindepastorInnen mahnend hinweist, sollen aufgrund kirchenleitenden Selbstlobes ohne jede Erfolgskontrolle die Finanzmittel für Ortsgemeinden halbiert, für »Profil-gemeinden« mehr als verdoppelt und für sog. »netzwerkorientierte« Akademie-, Tourismus- und Passantengemeinden sogar verfünffacht werden: abenteuerliche Vorschläge, die man wirklich nur mit Klaus Weber als »Abschied von der Volkskirche« entlarven kann!"  (Herbert Dieckmann)

Prof. Eberhard Jüngel in seiner Bibelarbeit zu Gen. 13 beim Zukunftskongress der EKD in Wittenberg:

"(Der) Appell an die Vernunft wird jedenfalls immer dann notwendig, wenn Macht zur Supermacht entarten will, wenn Lebenshunger lebensbedrohend wird, wenn geistige Stärke zur ideologischen Fessel wird und wenn geistlicher Mut zu geistlichem Hochmut, evangelischer Zuspruch zu klerikalem Anspruch entartet. Dann ist es dringend geboten, Abstand zu nehmen, Distanz zu gewinnen. Dann wird der Appell "Wir sind doch Brüder!” zum Ausdruck einer elementaren Entkrampfung: Wir wollen uns leben lassen.

Höchste Verantwortung spricht sich also in dieser Aufforderung zur Trennung aus; auf keinen Fall zu verwechseln mit einem "laissez faire, laissez aller”. Im Gegenteil: es geht um brüderlichen Abstand voneinander, es geht um brüderliche Distanz. Es geht darum, daß Brüder und Schwestern einander leben lassen.

Hoffen wir, daß auch bei dem in unserer Kirche unerläßlichen "Mentalitätswandel” so viel Verantwortung zur Stelle ist, daß wir uns diesem Appell an die Vernunft bei aller theologischen Gegensätzlichkeit und Polemik nicht verschließen: Wir, die angeblich Modernen und die vermeintlich Orthodoxen, die allzu Kritischen und die allzu Unkritischen, wir, die angeblich Reaktionären und die vermeintlich Fortschrittlichen, wir sind doch Brüder. Wir sollten uns entkrampfen. Wir sollten nicht gegeneinander zu Felde ziehen, sondern brüderliche Distanz gewinnen. Wir sollten uns denken und leben lassen."

Dr. Hans Christian Knuth, Bischof, Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Schleswig
auf dem Zukunftskongress der EKD in Wittenberg


„Kirche der Freiheit“ - das klingt verführerisch und vielversprechend, das klingt nach Aufbruch, Revolution und Zukunft. Jedoch, liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie uns genau achten auf das, was wir sagen: Wir sind „Kirche Jesu Christi“, und nicht „Kirche der Freiheit“. Wir beten nicht die Freiheit an, die Freiheit ist nicht unser „höchster Wert“, der unserer Kirche Daseinssinn und Berechtigung gibt. Sondern wir sind Kirche Jesu Christi, und in diesem Namen liegt genau so viel Bindung an die Liebe und an die Wahrheit - wie in ihm auch die Freiheit gegeben ist von Sünde, Tod und Höllenangst. Weil wir Christen von der Angst des Todes und darum von den Mächten der Sünde befreit sind, darum können wir als Kirche auch in der Gesellschaft eine „Institution der Freiheit“ sein (wie Trutz Rendtorff und Dietrich Rössler es entfaltet haben1).

Das Schlagwort der „Freiheit“ wird in dem Impulspapier der EKD verwendet, um ein gutes berauschendes Gefühl zu erzeugen - und um einen starken Begriff zu haben für die Legitimation von „Freiheitlichkeit“ oder Beliebigkeit, was die Gestaltung der äußeren, weltlichen Formen unseres Kirche-Seins angeht.

Diese Freiheitlichkeit jedoch entlässt sich selbst aus der Bindung an Liebe und Wahrheit im Namen Jesu Christi - und schlägt sogleich um in ihr Gegenteil: Die Dialektik dieser Freiheit führt in Zentralismus und Hierarchisierung, in die Konzentration der Macht an privilegierten Orten und in den Versuch der Steuerung und Lenkung aller kirchlichen Lebensprozesse nach einer einheitlichen Strategie. Unter dem Vorwand der Profilierung des Evangelischen bzw. einiger Evangelischer treten Kopfgeburten an die Stelle der lebendigen Erfahrung und der lebendigen Selbstorganisation.

Dabei hängt sich die gepriesene „Kirche der Freiheit“ an ein im weltlichen Bereich längst überholtes Modell der Organisationstheorie; die „Kinder dieser Welt“ sind auch darin klüger als wir „Kinder des Lichts“, dass sie den Glauben an die zentrale Steuerung sozialer Großsysteme längst hinter sich gelassen haben!2

Evangelische Kirche als „Institution der Freiheit“ lebt vielmehr aus den Charismen der Kirchengemeinden und der einzelnen Glaubenden, die durch das lebendigmachende Wort Gottes auf den Weg gebracht wurden, jeweils an ihrem Ort, in ihrer unverwechselbaren Situation, die Wahrheit zu sagen und die Liebe zu tun. Nur aus der lebendigen Bewegung dieser vielen Einzelnen speist sich auch das, was wir dann evangelisches Profil oder evangelische Identität unserer Kirche nennen können; Kirchenleitung und kirchliche Zusammenschlüsse haben nur die Funktion, öffentlich bekannt zu machen, zu würdigen, zu pflegen und notfalls zu verteidigen, was sich im kirchlichen Leben selbst in der Bindung an Christus als Freiheit gestaltet.

Das Impulspapier der EKD atmet jedenfalls nicht den Geist der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, sondern lediglich den Geist jener „Freiheit“, die die Zentralmächte in der Weltgeschichte bei ihrem Griff nach dem Ganzen immer wieder gerne für sich beanspruchten.

1 Siehe z. B.: Volkskirche - Kirche der Zukunft? Leitlinien der Augsburgischen Konfession für das Kirchenverständnis heute. Eine Studie des Theologischen Ausschusses der VELKD, Hamburg 1977.
2 Siehe z. B.: R. Nagel u.a., Systemische Strategieentwicklung, Stuttgart 2002, S. 335ff.

Bischof Knuth rügt massiv Reformdebatte in evangelischer Kirche

Frankfurt a.M. (epd). Der Schleswiger Bischof Hans-Christian Knuth hat abermals in massiver Form die Reformdiskussion in der evangelischen Kirche gerügt. Die Zukunftsperspektiven müssten von unten kommen und nicht von oben verordnet werden, forderte Knuth in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Mittwochausgabe). Die Reformvorstellungen des Impulspapiers "Kirche der Freiheit", das die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Juli 2006 vorgelegt hatte, seien zu stark von Zentralismus und ökonomischem Denken und zu wenig von Glaubensfestigkeit bestimmt.

"Die EKD sollte nicht versuchen, die Kirche zentralistisch zu steuern", warnte der Vorsitzende der nordelbischen Kirchenleitung. Für die kleinen Landeskirchen stelle das Reformpapier eine "massive Bedrohung" dar, da es auf eine Stärkung der EKD-Kompetenzen abziele. "Zentrale Rechte der 23 Landeskirchen, die nach dem Papier auf zwölf reduziert werden sollen, dürfen nicht auf die EKD übertragen werden", forderte Knuth. Bereits auf dem EKD-Zukunftskongress Ende Januar in Wittenberg war der Schleswiger Bischof öffentlich als Kritiker der Reformvorschläge hervorgetreten. Auch die Bischöfe von Schaumburg-Lippe und Braunschweig teilten diese Vorschläge nicht, so Knuth.

Er trat dafür ein, bei den Reformüberlegungen stärker von den Bedürfnissen der Kirchengemeinden, "von unten und nicht von oben" auszugehen. Die Vorstellung einer Kirche für ganz Deutschland, in der die großen die kleinen Landeskirchen schluckten, sei nichts anderes als kirchenfremdes "Konzerndenken". Der Bischof ergänzte: "Bei VW mag es für die Effektivität auf allen Ebenen eindeutige Kriterien geben. Für die Kirche geht das nicht." Kooperationen und Fusionen müssten partnerschaftlich "von unten" in Gang gesetzt und nicht von oben verordnet werden. (01822/14.2.2007)

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