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Spiritualität


"Worte können Irrlichter sein, und ich habe den Eindruck, Spiritualität ist ein solches geworden. Es ist oft zu einem Versprechen geworden, das nicht eingelöst werden kann. Ich verstehe die Sehnsucht der Menschen, die nach einem solchen Wort greifen. Sie sind es müde, mit der banalen Oberfläche des Lebens zufrieden zu sein. Sie sind es müde, in der Kirche einer Rhetorik ohne Erkenntnis ausgeliefert zu sein. Sie sind es müde, in ausgeleuchteten Räumen zu leben, die kein Geheimnis mehr bergen. Sie sind es müde, Sinn durch Funktionieren zu ersetzen. So greifen sie zu dem neuen Wort, dessen Versprechen manchmal nur seine Neuheit ist."  (Fulbert Steffensky, Schwarzbrot Spiritualität, Radius, 2005, S.7)


Stand: 16.11.2016

Hintergründe und Links

Standpunkte:  
Die große Sehnsucht/Von Fulbert Steffensky (Auszüge)

Spiritualität als gebildete Aufmerksamkeit

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Was aber ist dann Spiritualität? Es ist geformte Aufmerksamkeit. Zunächst: Spiritualität ist Aufmerksamkeit. Ich möchte auf eine Legende von Elisabeth von Thüringen zurückgreifen, die uns diese Aufmerksamkeit erschließen kann. Auf ihrem Weg nach Eisenach sah Elisabeth mitten in einem Unwetter ein Kind auf einem Holzstoß sitzen, das in Lumpen gekleidet war und aus dessen Kopf zwei Augen sie anblickten, als ob die Not der ganzen Welt aus ihnen spräche. Sie neigte sich zu dem Kind und fragte: „Kind, wo ist deine Mutter?“ Die Legende fährt fort: Da wuchs an dieser Stelle ein Kreuz empor, an dem mit ausgespannten Armen Christus hing, der sie mit den Augen des Kindes ansah. Was ist eine spirituelle Erfahrung? Es ist die Erfahrung der Augen Christi in den Augen des Kindes. Es ist die Erfahrung der Nacktheit Christi im nackten Bettler, den Martinus trifft; die Erfahrung des hungernden Christus im Hunger unserer Geschwister. Wer in Gott eintaucht, taucht neben den Armen wieder auf, sagt der französische Bischof Galiot. Es gibt keine Gotteserkenntnis an der Barmherzigkeit vorbei.

Spiritualität ist nicht nur Aufmerksamkeit für das Unglück, sie ist auch die Wahrnehmung Gottes und seines Spiels im Glück der Menschen, in der Schönheit der Natur und im Gelingen des Lebens. Ich möchte mit einem Satz von Bonaventura einen Geist zitieren, der eher im Katholizismus als im Protestantismus seine Heimat hat: „Alles Geschaffene ist Schatten, ist Echo, ist Bild, Spur, Ebenbild und Aufführung.“ (Omnes creaturae sunt umbrae, resonantiae et picturae, sunt vestigia et simulacra et spectacula.) Nichts also ist nur, was es ist. Es hat Anteil an der Heiligkeit Gottes, weil es sein Echo und seine Spur ist. Die Heiligkeit des Lebens will unsere Ehrfurcht und Ergriffenheit. Vielleicht bewahrt uns nur diese Auffassung vom Leben und von den Dingen davor, dass wir sie benutzen, als hätten sie kein Geheimnis und als ständen sie uns nur zur Verfügung. Als Echo Gottes sind sie für sich da, und sie sind für Gott da. Vielleicht hat die Entzauberung der Welt dazu geführt, dass wir in grenzenlos imperialer Geste uns alles unterwerfen. Wer kein Tabu kennt und die Heiligkeit der Dinge nicht sieht, wird zu ihrem Zerstörer. Der Satz von der Heiligkeit der Dinge hat also durchaus eine politische Bedeutung. Sie hindert uns daran, die reinen Verfüger und die ungebremsten Herrn zu sein. Könnte es sein, dass wo Gott der einzig Unverfügbare ist, alles andere bedenkenlos zur Verfügung steht?

Was also ist eine spirituelle Erfahrung? Sie ist keine Selbsterfahrung, sie ist eher Selbstvergessenheit. Elisabeth nimmt sich nicht selbst wahr, sie liest die Augen Christi in den Augen des Kindes. Wenn Paul Gerhardt das Lob des Lebens singt in seinem Lied „Geh aus mein Herz“; wenn er der Gärten Zier besingt, Narzissus und Tulipan; wenn er die Lerche und die Nachtigal, den Wein und den Honig besingt, dann nimmt er sich nicht selbst wahr. Er liest die Spuren Gottes in seiner Schöpfung. Spiritualität ist die Erfahrung der Einheit des Lebens. Der Schmerz der Menschen ist nicht mehr nur, was er ist; die gebildete Aufmerksamkeit liest den Schmerz Gottes im Schmerz der Menschen. Das Glück ist nicht mehr nur, was es ist. Es sind die Spuren Gottes, die in ihm deutlich werden.

Elisabeth ist wie Paul Gerhardt, wenn er seinen Preis der Schöpfung singt, nicht auf Erfahrung aus, aber sie erfahren. Sie sind nicht erlebnisorientiert, aber sie erleben – die Augen Christi in den Augen des Kindes; die Spuren Gottes in der Schönheit des Lebens. Es kann wohl nur der ein spiritueller Mensch werden, der die lebenserleichternde Kunst gelernt hat, sich zu lassen, sich zu vergessen und sich selber nicht zu beabsichtigen. Wer also beabsichtigt, ein spiritueller Mensch zu werden, möglichst sofort, der wird eher ein Komiker. Er hat sich einen Drahtverhau auf den Weg gelegt, die Selbstbeabsichtigung. Spiritualität ist eine Lesekunst. Es ist die Fähigkeit, das zweite Gesicht der Dinge wahrzunehmen: die Augen Christi in den Augen des Kindes; das Augenzwinkern Gottes im Glanz der Dinge. Nicht Entrissenheit, sondern Anwesenheit und Aufmerksamkeit ist ihre Eigenart. Sie ist keine ungestörte Entweltlichung und Einübung in Leidenschaftslosigkeit. Sie ist lumpig und erotisch, weil sie auf die Straße geht und sieht, was dem Leben geschenkt ist und was ihm angetan wird.

Es gibt also einen Vorhof der ausdrücklich religiösen Spiritualität, es ist die Aufmerksamkeit im alltäglichen Leben. Bin ich fähig, wahrzunehmen und zu empfinden? Wie lese ich die Schmerzen der Menschen und wie lasse ich mich von ihnen berühren? Wie gehe ich mit den Dingen des alltäglichen Lebens? Bin ich fähig, sie als Gaben zu ehren oder bin ich ausschließlich Benutzer und Verfüger der Welt? Ehre ich das Wasser, die Stille, die Nacht, die Tiere, die Luft zum Atmen, oder wähne ich alles für mich und meinem Nutzen zur Verfügung?

Gesetze der Bildung der Aufmerksamkeit

Spiritualität ist gebildete Aufmerksamkeit. Der Mensch besteht nicht nur aus seiner eigenen Innerlichkeit und aus seinen guten Absichten. Der Mensch ist nicht nur Seele und Geist, er ist alltäglicher Leib. Er hat nicht einen Leib, er ist Leib. Die Innerlichkeit, die nur sich selber kennt, wird bald ermatten. Wie macht man sich deutlich und langfristig in seinen Absichten? Wie betreibt man das Handwerk der Spiritualität? Ja, Spiritualität ist Handwerk, sie besteht nicht aus der Genialität von religiösen Sonderbegabungen. Man kann das Handwerk lernen, wie man kochen und nähen lernen kann. Aber jedes Handwerk kennt Regeln und man hat nur Erfolg, wenn man sich an die Regeln hält. Ich möchte einige dieser Regeln nennen am Herzstück aller Spiritualität, am Gebet. Regeln und Methoden reinigen uns von der Zufälligkeit des Augenblicks und machen uns langfristig. So möchte ich einige bescheidene Regeln nennen, die uns zur religiösen Aufmerksamkeit verhelfen können. Ich erkläre die Regeln am Gebet, weil es das Herzstück jeder Spiritualität ist.

1. Entschließe dich zu einem bescheidenen Vorhaben auf dem Weg zum Gebet! Es gibt das Problem der Selbstentmutigung durch zu große Vorhaben. Ein solcher bescheidener Schritt könnte sein, am Morgen oder am Abend einen Psalm in Ruhe zu beten; sich einige Minuten für eine Lesung freizuhalten; den Losungen einige Minuten seine Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn dies nicht möglich ist, liegt es nicht an der Hektik und der Überlast unseres Berufes, sondern daran, dass wir falsch leben.

2. Gib deinem Vorhaben eine feste Zeit! Bete nicht nur, wenn es dir danach zumute ist, sondern wenn es Zeit dazu ist. Regelmäßig beachtete Zeiten sind Rhythmen, Rhythmen sind gegliederte Zeiten. Erst gegliederte Zeiten sind erträgliche Zeiten. Lineare und nicht gegliederte Zeiten sind öde und schwer erträglich.

3. Gib deinem Vorhaben einen festen Ort! Orte sprechen und bauen an unserer Innerlichkeit.

4. Sei streng mit dir selber! Mache deine Gestimmtheit und deine augenblicklichen Bedürfnisse nicht zum Maßstab deines Handelns! Stimmungen und Augenblicksbedürfnisse sind zwielichtig. Die Beachtung von Zeiten, Orten und Methoden reinigt das Herz.

5. Rechne nicht damit, dass dein Vorhaben ein Seelenbad ist! Es ist Arbeit – labor!, manchmal schön und erfüllend, oft langweilig und trocken. Das Gefühl innerer Erfülltheit rechtfertigt die Sache nicht, das Gefühl innerer Leere verurteilt sie nicht. Meditieren, Beten, Lesen sind Bildungsvorgänge. Bildung ist ein langfristiges Unternehmen.

6. Sei nicht auf Erfüllung aus, sei vielmehr dankbar für geglückte Halbheit! Es gibt Ganzheitszwänge, die unsere Handlungen lähmen und uns entmutigen.

7. Beten und Meditieren sind kein Nachdenken. Es sind Stellen hoher Passivität. Man sieht die Bilder eines Psalms oder eines Bibelverses und lässt sie behutsam bei sich verweilen. Meditieren und Beten heißt frei werden vom Jagen, Beabsichtigen und Fassen. Man will nichts außer kommen lassen, was kommen will. Man ist Gastgeber der Bilder. Setze den Texten und Bildern nichts entgegen! Überliefere dich ihrer Kraft und lass dich von ihnen ziehen! Sich nicht wehren und nicht besitzen wollen, ist die hohe Kunst eines meditativen Verhaltens.

8. Fang bei deinem Versuch nicht irgendwie an, sondern baue dir eine kleine, sich wiederholende Liturgie. Beginne z.B. mit einer Formel („Herr, öffne meine Lippen!“), mit einer Geste (der Bekreuzigung der Lippen), lass einen oder mehrere Psalmen folgen! Lies einen Bibelabschnitt! Halte eine Stille Zeit ein! Schließe mit dem Vaterunser oder einer Schlussformel. Psalmen und Lesungen sollen vor deiner Meditation feststehen. Fange also nicht an zu suchen während deiner Übung!

9. Lerne Formeln und kurze Sätze aus dem Gebets- und Bildschatz der Tradition auswendig! (Psalmverse, Bibelverse ...). Wiederholte Formeln wiegen dich in den Geist der Bilder. Sie Verhelfen uns zur Passivität. Sie sind außerdem die Notsprache, wenn einem das Leben die Sprache verschlägt. Sie sind wie ein Balken, an den man sich nach einem Schiffbruch klammert. Wir verantworten ihren Inhalt nicht, denn wir sprechen sie mit der Zunge der Toten und lebenden Geschwister.

10. Wenn du zu Zeiten nicht beten kannst, lass es! Aber halte den Platz frei für das Gebet, d.h. tue nicht irgend etwas anderes, sondern verhalte dich auf andere Weise still! Lies, setze dich einfach ruhig hin! Verlerne deinen Ort und deine Zeit nicht!

11. Sei nicht gewaltsam mit dir selbst! Zwinge dich nicht zur Gesammeltheit! Wie fast alle Unternehmungen ist auch dieses kleine brüchig, es soll uns der Humor über dem Misslingen nicht verloren gehen. Auch das Misslingen ist unsere Schwester und nicht unser Todfeind.

12. Birg deinen Versuch in den Satz von Römer 8: "Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, wie wir beten sollen, wie sich’s gebührt. Sondern der Geist tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen." Wir bezeugen uns nicht selber. Der Geist gibt Zeugnis unserem Geist. Wir sind besetzt von einer Stimme, die mehr Sprache hat als wir selber.

Ist das alles, mögen Sie fragen? Warum braucht man das große Wort Spiritualität für so bescheidene Sache? Haben das nicht auch unsere Väter und Mütter gewusst, wenn sie am Morgen und Abend gebetet haben, wenn sie die Losungen gelesen haben, wenn sie sonntags in den Gottesdienst gingen, wenn sie ihre Kinder tauften und ihre Toten beerdigten? Ja, sie haben es gewusst. Aber uns ist vieles von ihrem Wissen verloren gegangen, und wir müssen das einfache Alphabet der Frömmigkeit mühsam lernen. Es ist tröstlich zu wissen, dass wir nicht alles neu erfinden müssen. Es ist auch schön zu wissen, dass das eigene Haus Schätze der Weisheit birgt und dass wir nicht völlig angewiesen sind auf die Spiritualitätskonzeptionen aus anderen religiösen Gegenden. Es ist schön, wenn man über den eigenen Tellerrand schauen kann und die Schätze der anderen nicht verachten und sich selber als einzigartig erklären muss. Komisch aber wirkt man, wenn man nur in den Vorgärten der Fremden grast und der eigenen Tradition nichts zutraut. Wenn man weiß, was die eigenen Schätze sind, dann kann man sich in Freiheit und Gelassenheit den fremden zuwenden.

(Fulbert Steffensky, "Die große Sehnsucht" in: Schwarzbrot Spiritualität, Radius, 2005, S.17-23, Vortrag gehalten am 26.5.2005 auf dem Kirchentag in Hannoverpdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich, Quelle: wdr5)

 

Irene Dilling, Ikone 1990 "Das Erbarmen Christi", mit freundlicher Genemigung der Künstlerin
Meditativer Wochenschluss in der Hospitalkirche (Klicken Sie auf das Bild)

Dominikus in einem Fresko von Fra Angelico in San Marco (Florenz) Bildquelle: Wikipedia
Studienkreis Meister Eckhart
(Klicken Sie auf das Bild)

Die Tageslosung für den PC

 

"Nicht um unseren Geist geht es in evangelischer Spiritualität, sondern um den Geist Gottes."

(Wolfgang Huber)

 

"Das christliche Leben
ist nicht Frommsein,
sondern Frommwerden,
nicht Gesundsein,
sondern Gesundwerden,
nicht Ruhe, sondern Übung.

Wir sind's noch nicht,
wir werden's aber.
Es ist noch nicht getan
und geschehen,
es ist aber im Gang
und Schwang.

Es ist nicht das Ende,
es ist aber der Weg.
Es glüht und glänzt
noch nicht alles,
es bessert sich aber alles."

(Martin Luther)

 

"Es gibt Begriffe, die einem Stern gleichen, der am Horizont aufgeht und heller und heller zu leuchten beginnt. »Spiritualität« scheint mir gegenwärtig so ein Begriff zu sein. Je dunkler eine funktional verwaltete und zielorientiert verplante Welt wird, desto heller leuchtet das Hoffnungswort »Spiritualität«. Es weckt Sehnsucht nach einer Welt, die sich funktional nicht in den Griff kriegen lässt, weil sie zwecklos ist und gerade deshalb das Leben lebenswert macht.

Es gibt freilich auch Begriffe, die einem Stern gleichen, dessen Licht mehr und mehr verblasst und seinen Glanz verliert. »Frömmigkeit« scheint mir gegenwärtig so ein Begriff zu sein, der einmal Glanz hatte, als er soziale Tugend, Sinn für Gerechtigkeit und Ehrfurcht vor Gott in sich vereinigte. Da konnte sogar von Gott gesungen werden: »O Gott, du frommer Gott, du Brunnquell guter Gaben«. Ein »frommer« Gott schenkt einen gesunden Leib, eine unverletzte Seele und ein reines Gewissen (vgl. EG 495). Aber dann verblasste dieses Wort, seit es pietistisch verinnerlicht wurde »Lieber Gott, mach’ mich fromm, dass ich in den Himmel komm’!« Und wenn gar unter Pferdehändlern von einem »frommen Pferd« die Rede ist, so geht es um einen lahmen Gaul. Es gibt Begriffe, die so verblasst sind, dass man von ihrem Glanz nur noch ahnen kann. Solche Begriffe müssen eine Weile ruhen, ehe sie vielleicht in neuem Glanz erstrahlen." (Christian Möller, Reformatorische Spiritualität: Begeisterung für das Alltägliche, Deutsches Pfarrerblatt, Nr. 6/2004)

"Es ist ein unverzichtbares Lebenszeichen christlicher Spiritualität, die Spiritualitäten zu unterscheiden. Sie tut das im Zeichen des im Kommen befindlichen Gottesreiches: Wo der Geist Jesu Christi herrscht, dort wird die Kontrolle anderer Geister aufgebrochen; dort macht religiöse Gesetzlichkeit spiritueller, unbedingter Liebe Platz. Um nicht weniger als um den wahren Weg zu innerster Befreiung geht es. Insofern ist »Spiritualität« christlich verstanden viel eher ein Kampfbegriff denn ein Signalwort für jene narzisstische Religiosität, die den Menschen süße Göttlichkeit zuspricht und dabei die Möglichkeit, ja Pflicht evolutiver Selbsterlösung im Zuge spirituellen Wachstums auferlegt. Kurz: Gerade der allseits so beliebte Spiritualitätsbegriff fordert zur Unterscheidung heraus, nämlich auf der Basis der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium - in theologischer Theorie ebenso wie in pfarramtlicher Praxis." (Werner Thiede, "Spiritualität" - Wes Geistes Kind? - Aspekte eines inflationären Begriffs religiöser Gegenwartskultur, Deutsches Pfarrerblatt, Nr. 6/1998)

"Vor Jahren, es mag an die zwanzig Jahre her sein, erzählte Bischof Lohse, damals Ratsvorsitzender der EKD, einmal folgende Geschichte:

Eine Delegation amerikanischer Kirchenmänner besuchte auch die Universität Göttingen in ihrer theologischen Fakultät. Voller Stolz zeigten die Göttinger Theologieprofessoren das neuerrichtete und neueingerichtete Göttinger theologische Seminar. Die amerikanischen Gäste waren voller Bewunderung ob des vorzüglich organisierten und ausgestatteten Seminars. Plötzlich die Frage eines der Gäste an Bischof Lohse: »And what about the spiritual life of your students?«

Ich stelle mir den Schreck von Bischof Lohse vor. Was sollte der Arme antworten? An amerikanischen Hochschulen gibt es selbstverständlich eine Kapelle: Für Gottesdienste, für Andachten, für einen persönlichen »stillen Augenblick« - aber an deutschen Universitäten? Wer käme auf den Einfall, einem neuerrichteten und neueingerichteten theologischen Seminar einen Andachtsraum anzufügen?

Die kleine Geschichte ist exemplarisch und symptomatisch: Sie zeigt, daß es nicht gut bestellt ist um die Übung und Pflege und das Leben des persönlichen Glaubens unter unseren deutschen Theologiestudenten und Vikaren. Bei uns Pastoren wird es kaum besser sein! " (Walter Stock, Wie steht es um die Spiritualität der Pastoren?, Deutsches Pfarrerblatt, Nr. 1/2001)

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"Spirituelle Kompetenz" - Anmerkungen zu einem höchst missverständlichen Begriff/ Von Pfr. Johannes Taig

Von "spiritueller Kompetenz" ist heute immer wieder bis in die Kirchenleitung hinein die Rede. Von Lehrpfarrern wird verlangt, sich im Dienstzeugnis  zur "spiritueller Kompetenz" ihrer Lehrvikare eingehend zu äußern. Pfarrer sollten sie also sowieso haben. In einem Gemeindebrief las ich in einem Artikel zur Kirchenvorstandswahl: "Evangelische Kirchengemeinden kommunizieren das Evangelium unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft. Die 'Kommunikation des Evangeliums' setzt ihrerseits eine 'spirituelle Kompetenz' bei denen voraus, die sie betreiben." Also sollte sie eigentlich jeder evangelische Christ haben. Aber was soll das eigentlich sein: "Spirituelle Kompetenz"?

"Es wird heute häufig übersehen, dass der Begriff 'Spiritualität', wie er heutzutage verwendet wird, nicht aus der christlichen Tradition stammt, sondern gegen Ende des vorigen Jahrhunderts im englischsprechenden Reformhinduismus bei dem Bemühen entstanden ist, der westlichen Welt das geistige Erbe des Hinduismus zu vermitteln. (...) Heute ist der Begriff geradezu inflationär geworden: Er schillert in bunten Farben - beinahe so bunt wie die Welt der Religionen! Selbst Pseudo- und Postreligiöses schwingt mit, wenn ihn Psycho-Kulte, Öko-Freaks und Politiker für ihre Programme in Beschlag nehmen. Alle sprechen sie von Spiritualität - aber wissen sie jeweils wirklich, was sie damit meinen - und was andere hören, wenn sie dem Begriff begegnen?"  (Werner Thiede, "Spiritualität" - Wes Geistes Kind? - Aspekte eines inflationären Begriffs religiöser Gegenwartskultur, Deutsches Pfarrerblatt, Nr. 6/1998) Eine Klärung der Begriffe ist angesagt.

"Spirituell" ist ein anderes Wort für "geistlich". Spiritualität meint im christlichen Kontext nichts anderes als "geistliches Leben". Zu "Kompetenz" findet man im Wörterbuch "Sachverstand, Fähigkeit, Vermögen". Der Theologe Fulbert Steffensky kann schreiben: "Spiritualität ist Handwerk, sie besteht nicht aus der Genialität von religiösen Sonderbegabungen. Man kann das Handwerk lernen, wie man kochen und nähen lernen kann." (Fulbert Steffensky, "Die große Sehnsucht" in: Schwarzbrot Spiritualität, Radius, 2005, S.20, siehe oben) Er meint damit das Handwerk der eigenen Glaubenspraxis (praxis pietatis): das sich Einüben in feste Formen und Rhythmen des Gebets und des Hörens auf das Wort Gottes. Man muss kein Prophet sein, um zu vermuten, dass dieses Handwerk, angefangen vom Wochenrhythmus (Sonntagsgottesdienst) bis zum Tagesrhythmus (feste Gebets- und Bibellesezeiten) beim durchschnittlichen evangelischen Christen heute nicht eben in voller Blüte steht. Warum dann das Wort von der Spiritualität und der "spirituellen Kompetenz"?

Ein zweiter Einwand wiegt schwerer: Auch der, der das Handwerk der eigenen christlichen Glaubenspraxis (Spiritualität) beherrscht, weiß, dass das eigene Tun hier nichts anderes als Vorbereitung sein kann. Es ist das sich Öffnen, Bitten, Hören und Warten auf ein Handeln Gottes, das der eigenen Kompetenz, dem eigenen Vermögen, dem eigenen Sachverstand und der eigenen Fähigkeit ganz entzogen ist. In seiner Auslegung zum dritten Glaubensartikel, der vom Heiligen Geist (spiritus sanctus) handelt, schreibt Martin Luther: "Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten." Im Augsburger Bekenntnis ist in Artikel 5 vom Heiligen Geist die Rede, "der den Glauben, wo und wann er will, in denen, die das Evangelium hören, wirkt." Christliche Spiritualität ist einerseits Handwerk. Andererseits versteht sich christlicher Glaube ganz als Geschenk Gottes. Menschliche "Kompetenz" in Sachen Spiritualität hat also dort ihre klare Grenze, wo das Vermögen und Handeln Gottes ins Spiel kommt. Hier hat unser menschliches Handeln und Reden ganz Gott die Ehre zu geben. "Nicht um unseren Geist geht es in evangelischer Spiritualität, sondern um den Geist Gottes." (Wolfgang Huber)

Es ist mehr als eine Vermutung, dass der Begriff der "spirituellen Kompetenz" diesen Sachverhalt - vielleicht sogar bewusst - unterschlägt und verschleiert und zu Missverständnissen in der Frage, was es mit dem christlichen Glauben auf sich hat, an einer ganz entscheidenden Stelle, geradezu einlädt. Es ist in einer Kirche, die sich auf dem Feld der Moderne behaupten zu müssen meint, inzwischen Methode, durch wohlfeile Schlagworte, die auch anderswo angesagt sind, auch noch die letzten Interessierten einzusammeln. Dass das eigene Profil dabei oft bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen wird oder ganz auf der Strecke bleibt - was soll's, wenn die Teilnehmerzahlen stimmen.

Dazu passt die Beobachtung, dass es bei vielen "spirituellen" Gemeindeveranstaltungen eben nicht um die mühevolle Arbeit der Einübung in eine eigene Glaubenspraxis und um die Anstrengung des Verstehens von Texten der Bibel geht, sondern um ein möglichst freies Angebot, das sich nach Möglichkeit den Besuchern (jeden Alters, jeden Glaubens) ganz selbstverständlich erschließen soll. Viel Mühe meint man heute dem aufgeklärten religiös Interessierten nicht mehr zumuten zu dürfen. Hinterher ist man meistens nicht schlauer: Man weiß weder, was daran wirklich "spirituell" war, noch weiß man, worin denn die Kompetenz des Veranstalters in Sachen Spiritualität eigentlich lag.

Die Kirche, die (zurecht) als kompetent in Glaubensfragen wahrgenommen werden will, erweist sich damit einen Bärendienst. "Einbildung ist auch eine Bildung", sagt der Volksmund spöttisch. In der Postmoderne darf sich bekanntlich jeder einbilden, was er will und das sogar auf das Firmenschild schreiben. Und es heißt dann auch nicht mehr "Einbildung", sondern "Selbstkompetenz". Man gebe nur einmal bei Google diesen Begriff ein und staune über das (Ausbildungs-) Angebot. In dieser Gesellschaft hat die Kirche aus guten Gründen nichts verloren. Sie sollte deshalb ihre Rede von der eigenen Spiritualität und der eigenen "spirituellen Kompetenz" auf die Goldwaage legen. Um Gottes Willen!

  Ein Beispiel aus dem Internet:

"Vom ICH zum DU zu GOTT (personale, soziale und spirituelle Kompetenz)

Die Orientierungstage werden von unseren Schülerinnen und Schülern sehr gerne genützt. Im Rahmen des Religionsunterrichtes fahren die Schülerinnen und Schüler seit vielen Jahren nach...  Dabei erleben die Schülerinnen Spaß, Spiel und Gemeinschaft.

Orientierungstage sind Veranstaltungen im Rahmen der “religiösen Übungen“.

Auch der Elternverein unterstützt diese Veranstaltungen finanziell.
Die Entfaltung der Persönlichkeit, Suche nach Identität, Zweifel und Ängste in einem vertrauensvollem Rahmen ansprechen, aus den Kraftquellen schöpfen und Lebensmut tanken sind weitere Anliegen dieser abwechslungsreichen Tage." ..

"Dieses neue alte Christentum der Intellektuellen ist eine Wellness-Religion, die von der Aufklärung das Anrecht auf Glücksmaximierung geerbt hat und dieses Glück über die irdischen Grenzen hinaus ausdehnen möchte, die ihm die Aufklärung zog. Die Kirchen ihrerseits kommen mit Rockkonzerten, Kulturprogrammen und langen Kirchennächten den vage ansakralisierten Gefühlskonsumenten entgegen, die gern die bunte Vielfalt ihrer Erlebniswelt steigern möchten, ohne daraus Konsequenzen für ihre praktische Lebensführung zu ziehen. Wer dieser kommoden Religion anhängt, gewinnt hinzu, ohne etwas aufzugeben, weder vor- noch außereheliche Verhältnisse, weder Hurerei noch Sodomiterei (wie die altdeutschen Christen solche Todsünden genannt hatten). Erwünscht ist eine Religion, die nicht mit Verboten, sondern mit Gratifikationen aufwartet.

Jeder bastelt sich, häufig unter Zuhilfenahme esoterischer und fernöstlicher Elemente - auch die Religion unterliegt der Globalisierung - eine Gelegenheitsreligion zusammen, die gerade seine Gewohnheiten respektiert und seine Nöte beschwichtigt. Wie in der astrologischen Welle, die der religiösen voranging, verlangt der Einzelne Bedeutungen, die speziell auf ihn, den Einzelnen, zugeschnitten sind, also ein individuelles religiöses Design. Darin bleiben die aufklärerischen Prinzipien der individuellen Freiheit und des gegenseitigen Tolerierens in Kraft. Kaum einer wäre bereit, die theologische Jurisdiktion einer Kirche über seinen Lebenswandel anzuerkennen, kaum einer wäre bereit, auch nur die Pflichten des regelmäßigen Kirchenbesuchs, der Beichte und Buße auf sich zu nehmen. Akzeptabel ist für diese religiösen Schwärmer lediglich ein Christentum in der aufgeklärten, das heißt durch die Aufklärung modernisierten, also harmlosen Gestalt. Wo, zum Teufel, ist der Teufel hingekommen?"
(Ferien von der Aufklärung/Von Heinz Schlaffer, DIE WELT, vom 18.02.06)

 

"Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" (Matthäus 16,26).

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Hintergründe und Links

Artikel

Bücher

  • Fulbert Steffensky, Schwarzbrot Spiritualität,
    Radius, Stuttgart, 2005 (bestellen)
  • Bernhard Müller, Meditative Übungen für unruhige Geister - Gelassenheit und Konzentration – für Jung und Alt,
    Kösel, München,1997
  • Pierre Stutz, Alltags Rituale - Wege zur inneren Quelle,
    Kösel, München, 2002 (bestellen)
  • Pierre Stutz, Heilende Momente, Gebärden Rituale Gebete,
    Kösel, München, 2000 (bestellen)
  • Willigis Jäger und Beatrice Grimm, Der Himmel in dir, Einübung ins Körpergebet,  Kösel, München, 2000 (bestellen)
  • 111 Inspirationen - Spirituell Leben - von Achtsamkeit bis Zufall (Ein Lesebuch). Hg G. Hartlieb, Ch. Quarch und B. Schellenberger, Herder, Freiburg, 2002
  • Erhard Domay, Spiritualität leben, GTB 1168

Sonstiges

   

"Biblisches Menschenbild lebt elementar von der Tatsache eines Gegenübers. Coram Deo dachten und erfuhren die Reformatoren den Menschen. Die Entdeckung der«promissio«, des »verbum externum« geschah bei Luther auf dem Hintergrund der Erfahrung der Gnadenlosigkeit einer historisch anderen »Entwicklungsspiritualität«. Er entdeckte: Ohne das »äußere Wort« gibt es keine Gewissheit. Das Gegenüber, also die heilvolle Tatsache, dass es nicht nur die Selbstentwicklung des Menschen gibt, ist die elementare Bedingung dafür, dass es so etwas wie Rechtfertigung des Sünders, ja auch die Auferstehung der Toten gibt.

Der »Sitz im Leben« christlicher Beziehungsspiritualität ist gleichwohl nicht schon das Hören des Evangeliums, sondern die subjektive Reaktion darauf, also das Gebet als Antwort auf Gottes Wort. Grundmuster christlicher Spiritualität ist das Gebet, weil in ihm das göttliche Du angesprochen wird und das Ich sich vor Gott ausspricht. Es begreift und positioniert sich selbst und sein Tun und Denken im Gegenüber zu dem, was Gott tut und getan hat und tun wird. Das christliche Gebet ist immer mehr als Selbstreflexion, weil es zugleich Gott reflektiert. In ihm wird der dreieinige Gott –, der die Welt erschaffen hat und erhält, der die gefallene Welt in Christus versöhnt hat und dereinst erlösen und vollenden wird, – erinnert, also ins Innere gezogen: »Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir …« Wer christliche Spiritualität entwickeln will, wird das Gebet in all seinen Formen pflegen und seine Welt- und Menschensicht aus der Haltung und den Formen des Gebets entwickeln. Anrede und Erinnerung Gottes bilden das Lebenselixier in der Übung christlicher Spiritualität. Sie garantieren, dass spirituell Suchende nicht dem Stress einer unendlichen Selbsttranszendenz ausgesetzt werden, sondern an der Position Gottes ihre eigene Position finden. Die Anrede Gottes gibt Gewissheit. Sie begrenzt das Ich und gibt ihm eine Gestalt, die es bei den unendlichen und beliebigen Möglichkeiten der Entwicklungsspiritualität so nicht findet. Ohne Gegenüber, ohne konturiertes und konturierendes Du verschwimmt auch das Ich."

(Michael Nüchtern, Spiritualität – ein Zauberwort, Deutsches Pfarrerblatt, Nr. 7/2002)

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© Pfr. Johannes Taig

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