22.03.2020 - "Noch recht bei Trost?" - Jes. 66, 10-14 - Lätare

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

es gibt Worte, die so kraftvoll sind, dass sie zu beständigen Begleitern werden.
Wir wissen sofort, wovon in dem Satz aus dem Buch des Propheten Jesaja die Rede ist. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Und selbst wenn unsere Lebensgeschichte so verlaufen ist, dass wir den mütterlichen Trost vermisst haben, dann kennen wir vielleicht umso mehr die Sehnsucht nach diesem Trost.
Vermutlich spricht dieses Bild auch deswegen so viele Menschen an, weil es Geborgenheit vermittelt.
Selbst der Heiland der Welt ist als verletzliches kleines Kind auf die bergenden Arme der Mutter angewiesen gewesen.
Wie wunderbar ist es, bergende und schützende Arme um sich zu spüren, seien es väterliche oder mütterliche.
Und wie sehr vermissen wir das alles zurzeit!
Die Corona-Krise verbietet menschliche Nähe, wie ich finde zurecht; damit wird die Verbreitung des Virus verlangsamt und unser Gesundheitswesen nicht überlastet.
Aber trotz aller vernünftigen Gründe: Der Händedruck, das Schulterklopfen und die bergende Umarmung fehlen mir.

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Vielen von uns kommen sofort Bilder in den Sinn, wenn wir diesen Satz hören.
Bilder aus der Kindheit.
Von Ängsten, die uns gelähmt haben, die uns vielleicht haben weinen lassen, die uns verzweifelt nach der Mutter haben rufen lassen.
Und dann diese Erfahrung, diese wunderbare Erfahrung, dass das Rufen gehört wird.
Dass die Mutter da ist.
Oder auch der Vater, der ja genauso mütterlich sein kann wie die Mutter.
Und das Gefühl, einfach geborgen zu sein. Zu spüren, wie die Angst vergeht.

Wir mögen durch unsichere und manchmal schwere Zeiten gehen.
Aber wir sind nicht allein, sondern gehalten und getragen in diesen Zeiten.
Nichts weniger verspricht uns Gott aus dem Munde des Propheten Jesaja.
Wie dringend wir den Trost brauchen!
Denn unsere Welt ist nicht bei Trost – auch über die Viruskrise hinaus.
Man kann schon verzweifeln, wenn man mit einem Gefühl der Ohnmacht vor sinnlosen Gewaltorgien steht, deren Brutalität jede Vorstellungskraft übersteigt.
Und wenn man dann sieht, wie Menschen vor dieser Gewalt fliehen, ihr Leben riskieren, es vielleicht bis hierher nach Europa schaffen und dann hier auf eine Situation treffen, in der sich wegen der großen Zahlen Erschöpfung und Verzagtheit auszubreiten beginnt, in der manche die Ängste der Menschen missbrauchen und zu hetzen beginnen oder mit Worten oder sogar mit echtem Feuer Brände legen.

Was wird werden aus uns?
Wird sich unsere Gesellschaft weiter auseinander entwickeln?
Wird der soziale Friede in Gefahr geraten?
Oder werden wir uns in der Krise als Gesellschaft auf unsere Kräfte besinnen?
Auf unsere finanziellen und wirtschaftlichen Kräfte, die schon andere Krisen gemeistert haben?
Auf unsere sozialen Kräfte, die immer noch da sind, und nur unter den Shitstorms und Eigeninteressen verborgen schlummern?
Wird unsere Sehnsucht nach Frieden im Privaten, in unserer Gesellschaft, in unserer Welt, gestillt werden?

Tatsächlich ist die Verantwortung groß.
Ich bete darum, dass die Kräfte des Friedens und der Versöhnung die Oberhand behalten werden.
Ich bete darum, dass die Kriegslogik nicht zur Normalität wird und wir uns daran gewöhnen.
Ich bete darum, dass die Menschen, die jetzt fliehen müssen, irgendwann in ihre Heimat zurückkehren können.
Ich bete darum, dass wir in der Corona-Krise weder hysterisch noch lethargisch werden.

Manchmal wünsche ich mir, dass Gott einfach direkt eingreift, allen Gewalttätern die Waffen aus der Hand schlägt, alle Probleme löst und auf direktem Wege Frieden schafft.
Aber können wir Gott die Verantwortung für die Gewalt zuschieben, die wir als Menschen einander antun?
Möchten wir tatsächlich, dass alle Probleme für uns gelöst werden?
Wollen wir wirklich einen Gott, der uns wie Marionetten führt?
Der das Weltgeschehen so lenkt als ob er ein Theaterstück aufführt?

Nein, Gott ist kein Marionettenspieler.
Er hat uns, die wir zu seinem Bilde geschaffen sind, die Freiheit gegeben, das Gute oder das Böse zu tun.
Und er wirbt um uns, nicht durch Drohung und Gewalt, sondern durch Fürsorge und liebende Nähe.
Ja, und auch durch Trost und Beistand.

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Der Gott, der so spricht, sitzt nicht hoch oben auf seinem Thron.
Sondern es ist der Gott, der die Verletzlichkeit von uns Menschen kennt, der unsere Ohnmacht kennt, der diese Ohnmacht am Kreuz selbst erfahren hat.
Er zwingt nicht zur Liebe sondern strahlt sie aus und gießt sie durch seinen Geist in die Herzen der Menschen ein
Dieser Gott ist nicht irgendeine abstrakte Größe.
Er ist nicht irgendeine kosmische Kraft.
Er ist auch nicht irgendein Weltprinzip.
Sondern er ist ein sehr persönlicher Gott.
Einer, der Mensch geworden ist, geboren in einer Obdachlosenunterkunft, einer, der als Erwachsener umhergezogen ist und den Menschen vom Reich Gottes und seiner Liebe erzählt hat, diese Liebe selbst in einzigartiger Weise ausgestrahlt hat, Menschen Heilung hat erfahren lassen, am Ende der Gewalt der Menschen zum Opfer gefallen ist und gekreuzigt wurde.
Und dann auferstanden ist und gezeigt hat, dass der Tod am Ende nicht das letzte Wort hat.

Das ist der Gott, an den wir Christen glauben!
Das ist der Gott, den wir nötig haben!
Das ist der Gott, der sagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Diesem Gott, liebe Gemeinde, können wir unser Leben anvertrauen.
Von diesem Gott können wir uns trösten lassen, so wie einen seine Mutter tröstet!

Stellen wir uns einmal einen Moment vor, wir würden das in unserem Land wirklich tun!
Ich bin sicher:
Wir würden unsere Furcht überwinden.
Wir würden das ernst nehmen, was wir aus dem Munde der Engel an Weihnachten gesagt bekommen haben: „Fürchtet Euch nicht!“
Wir würden den Terroristen diesen Triumph nicht gönnen, dass sie uns Angst einjagen.
Wir würden mit nüchternem Blick auf die Probleme schauen, die uns Viren bereiten, oder die mit der Integration vieler Menschen verbunden sind, die als Flüchtlinge hierher kommen.
Wir würden uns davon nicht einschüchtern lassen, sondern anpacken und die Empathie weiter ausstrahlen, die unser Land schon erlebt hat und die es für uns zu einer liebenswerten Heimat gemacht hat.
Wir würden mit einem wachen Blick auf die Menschen schauen die schon lange hier leben, aber auch soziale Not erfahren.
Wir würden uns zu ihren Anwälten machen und damit sichtbar machen, dass Gerechtigkeit ein Volk erhöht.

Wir würden Gott von ganzen Herzen suchen, wie Kinder ihre Mutter suchen.
Wir würden ihm blind vertrauen und uns von ihm versorgen lassen:
Mit Glaube, mit Liebe, mit Hoffnung;
im Gebet, im Lesen seines Wortes, im liebevollen verantwortungsvollen Miteinander.

Auch wenn wir momentan auf körperliche Nähe und gemeinschaftliche Veranstaltungen verzichten müssen.
Die Gemeinschaft mit Gott und mit unseren Mitmenschen besteht weiterhin in Gedanken, Worten und Werken!
Seine Liebe zu uns hört niemals auf!
Lassen wir sie zu!
Lassen wir die Zweifel hinter uns!
Suchen wir die Nähe Gottes, der uns zuruft: „Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet!

Wer getröstet wird, kann selber trösten.
Wer genährt wird, kann selber nähren.
Wer Segen erfährt, kann selber zum Segen werden.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Gebet
Christus,
du hast uns gerufen.
Die Unruhe, die uns ergreift,
wenn wir dein Wort hören, zeigt es.
Du kennst unsere Schwäche.
Du weißt, wie leicht wir den Mut verlieren.
Du kennst unsre Angst, zu erkranken oder zu sterben.
Du weißt, wie ängstlich wir oft unsere Schritte setzen.

Du hast uns gerufen.
Darauf verlassen wir uns.
Du stehst uns bei.
Wirke in uns, wie es dein Wille ist.
Mach uns zum Werkzeug deines Friedens.
Amen.