17.05.2020 - „Betet!“ - Predigt Mt. 6, 5-15 - Rogate

„Betet!“

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus!
Nun werden wieder Gottesdienste gefeiert. Auch der Kirchenvorstand der Hospitalkirchengemeinde hat jüngst beschlossen, an Pfingsten sowohl in Zedtwitz (9.30 Uhr vor der Friedenskirche) als auch in Hof (11 Uhr hinter dem alten Landkrankenhaus, Schleizer Str.) erstmals nach dem Shutdown wieder zu Gottesdiensten einzuladen – freilich unter den Bedingungen, die die Corona-Epidemie erfordert: Mindestabstand, Mundschutz, begrenzte Teilnehmerzahl, deshalb auch nur mit telefonischer Voranmeldung (im Pfarramt).
Dass die Kirchen – unter diesen eingeschränkten Bedingungen – ein Recht auf Verkündigung im öffentlichen Raum unserer Gesellschaft haben, hat das Bundesverfassungsgericht erst kürzlich bestätigt. Die Gefahr durch den Corona-Virus bleibt trotzdem bestehen. Meine Gedanken hierzu habe ich in meinem „geistlichen Wort“ in der Frankenpost (Ausgabe vom 12.05., Beilage „Land und Leute“) geäußert.
Jetzt sind viele Gemeinden mit Eifer dabei, im Rahmen des vor Ort Möglichen wieder Gottesdienste anzubieten. Die Wenigen, die diese Gottesdienste besuchen können, können sich freuen! Aber es werden vor allem wenn nicht ausschließlich diejenigen sein, die in der Liturgie des gottesdienstlichen Feierns heimisch sind und denen es ein Bedürfnis ist, in der Gemeinschaft mit anderen in Gottes Sieg über den Tod singend miteinzustimmen, sein Wort zu hören und so aus dem Reichtum des Glaubens Trost und Orientierung für ihr Leben zu schöpfen. Aber nur für sie springt ein „Identitätsgewinn“ heraus! Darauf hat schon vor Jahren Manfred Josuttis, Professor für praktische Theologie in Göttingen (geb. 03.03.1936, gest. 09.02.2018), hingewiesen – wobei er sich nicht scheute, auch die Vermutung zu äußern, „dass der Gewinn an sozialer Bestätigung für den professionellen Hauptdarsteller am größten ist.“
Scharf wie in einem Brennglas macht die Corona-Krise diese Tage nicht nur viele Probleme im sozialen und wirtschaftlichen Bereich unserer Gesellschaft (und weltweit!) sichtbar. Auch in den Gemeinden spiegelt sich das Dilemma, dass das „Flaggschiff“ der Kirche, der sonntägliche Gottesdienst, für die Mehrheit unserer Gemeindeglieder gar nicht oder bestenfalls gelegentlich zu ihrem Lebensalltag gehört. Aber daraus zu schließen, dass sie deswegen „schlechtere“, „halbe“ oder gar keine Christen wären, ist kirchliches Pharisäertum!
Jeder Mensch lebt seinen Glauben auf seine Weise. Und die Medien haben doch längst neue Horizonte eröffnet: Fernsehgottesdienste, Hörfunk-Predigten und Besinnungen, soziale Medien wie Facebook, auf denen Predigten mehr Leser finden als Besucher im Gottesdienst auftauchen usw. Glaube speist sich heute aus vielen Quellen! Und wer unter uns wollte sich ernsthaft rühmen, dass sein Glaube besser oder stärker sei, als der des Anderen? Stehen wir nicht alle vor der gleichen Frage, wie wir das zusammenbringen: diese Welt und die vielfältigen Erfahrungen in ihr von Freud und Leid mit dem Glauben an den einen allmächtigen Gott?
Denn darum geht es doch in allem (und bei allen Christen): Gott und die furchtbare, rätselhafte Wirklichkeit der Welt „in einem Satz zusammenzusprechen, wo andere nur den Ausweg sehen, den Gang der Dinge auf die beiden blinden Größen Zufall oder Schicksal zurückzuführen oder die Einheit der Wirklichkeit einem dualistischen Widerspiel eines guten und eines bösen Prinzips zu opfern.“ (Julius Trugenberger, „Von Gott Neues empfangen“, in Dt. Pfarrerblatt 5-2020).
Der „Ort“, wo dieses Wagnis geschieht, eben daran festzuhalten, dass das, was nach Meinung der meisten jäh auseinanderfällt, tatsächlich doch verbunden ist: Himmel und Erde, Allmacht und Ohnmacht Gottes, Heil und Unheil, Leben und Tod, dieser „Ort“ ist nicht nur im Gottesdienst. Er ist - im Gegenteil - zuallererst ein ganz persönlicher, ja, intimer „Ort“! Der „Ort“, wo ein Mensch mit sich und mit Gott alleine ist: im Gebet!
„Lehre uns beten!“ (Lk. 11, 1) – So die Bitte der Jünger damals. Hier die Antwort unseres Herrn Jesus Christus (Mt. 6. 5 -15):
5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
„Rogate!“, „Betet!“ – so ruft uns der Name des heutigen Sonntags zu. Und unser Herr Jesus Christus sagt uns, was wir bitten sollen und wie wir Himmel und Erde, Gott und Mensch, unser Leben und den lebendigen Christus „zusammensprechen“ sollen. Denn beim wörtlichen Nachsprechen und herzlichen Einstimmen in den Wortlaut des Herrengebets wird der Beter bewegt „weg von den Defätismen der Resignation, die alles fahren lässt, und der Ataraxie (Unerschütterlichkeit), die alles stumpf und passiv entgegennimmt, hin zur Konformität mit dem göttlichen Willen“ (Julius Trugenberger, ebd.). Im Herrengebet klopft also der lebendige Christus selbst an die Herzenstür des Beters, bittet freundlich und geduldig um Einlass, auf dass die Fülle seiner Gnadengaben im Beter einwohnen kann.
Man kann das Beten mit guten Gründen als den „Trainingsplatz“ des Glaubens ansehen. Nicht umsonst hat Martin Luther feste tägliche (!) Gebetszeiten gefordert. Für ihn war das Gebet einerseits Ausdruck des kindlichen Vertrauens auf Gott, den der Beter nun „Vater“ nennen darf. Andererseits ist ihm das Vaterunser zugleich auch Aneignung dessen, was wir von Gott erhalten haben, und gibt Gott auf rechte Weise die Ehre.
Also betet! Denn wer anhält am Gebet, der darf von Gott Neues erwarten: eine neue Perspektive, neue Handlungsoptionen, neuen Mut… - So und nicht anders will Gott in dieser Welt gegenwärtig sein: durch den Geist, der vom Vater und vom Sohn ausgeht, der uns anspricht im Vaterunser und uns zu Mitarbeitern Gottes machen will, der Christen zu allen Zeiten und an allen Orten verbindet zu der einen, heiligen, weltumspannenden, apostolischen Kirche! Das Gebet Jesu ist ein ökumenisches Gebet im weitesten Sinn des Wortes, „das Gebet, das die Welt umspannt”, das alle Menschen einbezieht und mit Gott in Beziehung bringt – am Sonntag im Gottesdienst der Gemeinde ebenso wie (täglich) im „stillen Kämmerlein“ zuhause!
Das Vaterunser braucht deshalb in meinen Augen auch keine Auslegung. Es ist selbst-redend! Es will einfach von Herzen gebetet werden, immer wieder, bis unser Herz und Gottes Geist mit einer Stimme sprechen.
Auf meinem Schreibtisch steht seit Jahrzehnten das Bild meiner schon in den 80-er Jahren verstorbenen „Tante“. Sie war der Engel meiner Kindheits- und Jugendtage. Die Wochen, die ich bei ihr bzw. mit ihr in ihrem Häuschen in Waldtrudering bei München verbringen durfte, gehören zu meinen schönsten Erinnerungen! Sie war damals schon Witwe und lebte allein. Ende des 19. Jahrhunderts in einer Familie mit 11 Geschwistern aufgewachsen musste sie bereits als 12-Jährige ihr Bündel schnüren und sich ihren Lebensunterhalt als Haushaltsmädchen verdienen. Sie wurde schwanger, lernte später einen Mann kennen, der sie heiratete – allerdings nur unter der Bedingung, dass das Kind in ein Heim gegeben wird.
All das habe ich erst als junger Erwachsener erfahren. Mir ist sie als ein durch und durch gütiger und liebevoller Mensch in Erinnerung, der mich als Kind abends ins Bett gebracht und mit mir in einfachen Worten gebetet hat. Ob sie zum Gottesdienst in die Kirche gegangen ist, weiß ich nicht. Aber einmal ist sie mit mir in die Kirche gegangen, hat sich mit mir in eine Kirchenbank gesetzt, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen und kaum hörbar gebetet – ein Bild, das sich mir eingeprägt hat!
Heute glaube ich zu verstehen, dass sie im Gebet die Kraft und den Trost gefunden hat, die es ihr ermöglichten, trotz böser Schicksalsschläge nicht bitter zu werden. Das galt auch noch dann, als sie ihrem Sohn in hohem Alter das Haus überschrieb und der sie wenig später ins Altenheim abschob. Bei meinen Besuchen dort als Student legte sie alles und zuletzt sich selbst in Gottes Hand – und dankte mir mit lachenden Augen und liebevollen Worten für mitgebrachten Bohnenkaffee, Schwarzbrot und Schinken.
Gebe Gott, dass alle unsere Kinder solche „Tanten“ haben! Und gebe Gott uns allen Mut zum Beten!
Amen!