21.06.2020 - „Lernt von mir!“ - Predigt Mt. 11, 25-30 2. So. n. Trinitatis

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus!

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.
26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohl gefallen.
27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Haben Sie schon einmal das TPZ, das Therapeutisch-Pädagogische Zentrum in Hof besucht? Oder die Lehrwerkstätten der Lebenshilfe am Südring? Wenn nicht, dann empfehle ich Ihnen einen Besuch dort, wenn es Corona wieder zulässt. Für alle KonfirmandInnen der Hospitalkirchengemeinde gehört der Besuch der beiden Einrichtungen seit vielen Jahren zum Unterrichtsprogramm kurz vor der Konfirmation. Diese Besuche beeindrucken die Kinder sichtlich! Bei diesem „Kirchenpraktikum“ bekommen sie eine Ahnung davon, was „Kirche“ ausmacht und wie „Nachfolge“ praktisch aussehen kann!

Ein Satz aus dem heutigen Predigttext hat mich auf die Idee gebracht, heute mit Ihnen einen Besuch bei den Anfängen dieser Arbeit zu machen.
Nein, die waren nicht in Hof.
Die Anfänge der Arbeit mit Menschen mit Behinderung sind mit dem Namen Friedrich von Bodelschwingh und dem Ort Bethel am Rande des Teutoburger Waldes verbunden.
Noch eine Frage: Haben Sie schon einmal erlebt, dass ein Mensch in Ihrer Nähe einen epileptischen Anfall gehabt hat? Wüssten Sie dann auch, wie damit umzugehen ist?

Im 19. Jahrhun¬dert gab es in Deutschland wohl an die 40.000 Anfallskranke. „Sie waren Ausge¬stoßene und Heimatlose. Das epileptische Kind wurde von seinen Spielgefährten gemieden. Für fallsüchtige Schüler fand sich keine Schule, und der kranke Handwerksgeselle wurde nach dem ersten Anfall von seinem Meister entlas¬sen. Zur Krankheitsnot kamen die wirtschaftlichen Sorgen. Zerrüttet durch die Anfälle und durch das schwindende Selbstbewusstsein in ihrer Persönlichkeit geschwächt, ging es immer rascher bergab. Oft genug war das Irrenhaus die letzte Station.” So erzählt in der Biographie von Bernhard Gramlich über Friedrich von Bodelschwingh.

Klein und einfach waren die Anfänge gewesen. Ein Bauernhaus wurde gefunden, dort wollte man einen Anfang machen, mit Menschen mit Behinderung zusammenleben, ihnen beistehen und helfen. Und mit ih-nen auch beten und glauben und hoffen.

Freilich, es gab Proteste sei¬tens der Bielefelder Bürger. Sie sprachen sogar von einer „Pestbeule”.
Aber die kleine Gemeinde Gadderbaum, auf der der Hof lag, ließ sich nicht beirren. Und die Männer und Frauen vom Anfang wussten um ihren Auftrag, sie hat¬ten den Ruf gehört, sich gerade dieser Ärmsten anzunehmen. Hatte sie Christus nicht gerade zu ihnen gesandt?
So kauften sie den Hof. Und bauten ein Krankenhaus. Und als es am 12. September 1873 bezogen werden konn¬te, predigte Johannes Unsöld, der als Hausvater, Lehrer und Inspektor in der Anstalt wirkte, über die Tageslosung. Sie fiel auf einen Vers aus dem 1. Buch Mose. „Lasset uns aufbrechen und gen Bethel ziehen” (1.Mose 35,3). Und dann sprach er vom irdischen Bethel als von einem Vorhof, einer Pforte zum himmlischen Bethel, „wo man nicht mehr kran¬ket, seufzt und fleht, sondern völlig ausgeheilt an Leib und Seele nur noch Lob- und Danklieder singt”.

Bethel wurde von da an diese Anstalt genannt, und sie wurde vielen zu einem Haus Gottes! In einer Waldlichtung hatte man einen Altar aufgebaut. Hier kamen sie zusammen, alle mit ihren je eigenen „Behinderungen“ und feierten in der Gemeinschaft der Kinder Gottes.
Es war Friedrich von Bodelschwingh, der schließlich auf der Anhöhe eine Kirche baute. „Christus der Grundstein, Christen die Ecksteine, Gott segne den Bau”, mit diesen Worten hat er den Grundstein gelegt. Es war ein schlichter Backsteinbau.

Von Bodelschwingh hatte keinen Zweifel, dass er hierhin gesandt worden war. Sein Auftrag war es, den Ärmsten, den Niedrigsten, den Verach¬teten zu dienen. Sein Leben hat er verstanden als Nachfolge seines Herrn Jesu Christi.
Die Mutter hatte ihm eine Predigt von Ludwig Hofacker, dem Stuttgarter Erweckungsprediger vorgele¬sen, in der es hieß: „Sein in dieser Welt, wie Jesus in der Welt war, heißt mit anderen Worten ein Mensch sein, in dem das Bild Christi widerstrahlt, dem man es ansieht, dass er ein Jünger des Heilands und seiner Schule gewesen ist, dass er von seinem Geist empfangen hat.”
Diese Worte hatte er nicht vergessen, und als er in sich den Ruf ver-nahm, zögerte er nicht lange, er ging zu den Menschen, die in seinen Augen Hilfe brauchten. So kam er eines Tages auch nach Bethel.

Aus den einfachen Anfängen ist heute eine riesige Einrichtung geworden: Kranken¬häuser und Therapieeinrichtungen, Kindergärten und Schulen, Ausbildungsstätten und Betriebe, Begegnungs-möglichkeiten und Freizeitanlagen, mehrere tausend Men¬schen leben hier zusammen.
Der Weg führt an all den Gebäuden vorbei zu der kleinen Anhöhe, auf der die Zions¬kirche steht. Die Glocken läuten von den beiden Türmen, die eine Spende aus Afrika möglich gemacht hat. Und alle Gottesdienstbesucher ziehen durch das Portal, über dem jenes Wort aus dem Matthäusevangelium steht: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.” (11,28)

Man mag sich kaum vorstellen, wie viele Sorgen und Mühen sich durch die Zeiten in diesem Kirchenschiff gesammelt haben?

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.”

Diese Einladung unseres Heilands Jesus Christus gilt allen, die den Weg zu dem gefunden haben, der von sich gesagt hat: „Alles ist mir übergeben von meinem Va¬ter; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.” (Mt. 11,27)
In seinen Händen ruhen Gegenwart und Zukunft!
Der Vater kennt den Sohn und der Grund dieses Kennens ist die Liebe, diese einzigartige Lie¬be zwischen Vater und Sohn! Und sie bleibt nicht bei sich, sie sprudelt und schäumt über. Sie lässt sich nicht aufhalten, sie bezieht den Men¬schen mit ein, indem sie sein Herz erweicht, es reinigt von allen Verkrustungen und mehr und mehr durchlässig macht für die Liebe – eine Liebe, die allem Lebendigen gilt! Sie gilt mir und sie gilt Ihnen. Sie bejaht meine Person und Persönlichkeit und verändert mich dabei – um mich letztlich meinen Weg der Nachfolge finden zu lassen.

„Lernt von mir”, sagt Christus. Und wir lernen, indem wir auf ihn schauen und auf sein Wort achten.
Friedrich von Bodelschwingh hat seinen Weg der Nachfolge beschritten. Dabei hat er Barmherzigkeit gelernt - was für ihn eine schwere Lehre gewesen ist! So hat er es selbst gesagt.
Als er seine Gemeinde ver¬ließ, um nach Bethel zu gehen, ließ er auch vier Gräber zurück. Von ihm ist der Ausspruch überliefert: „Als unsere vier Kinder gestorben waren, merkte ich erst, wie hart Gott gegen Menschen sein kann, und darüber bin ich barmher¬zig geworden gegen andere.”
Er hat zur Barmherzigkeit ge¬funden. Und hat Barmherzigkeit geübt.

Unter den Händen von Friedrich von Bodelschwingh ist Er¬staunliches entstanden! Aber es wäre nicht denkbar und für ihn erst recht nicht vorstellbar ohne das Wort Christi - ohne seinen Zuspruch, den er spürte, und ohne seinen An¬spruch, den er hörte.
Es ist Jesu Aufruf zur Sanftmut und zur Milde, der durch die Zeiten Herzen immer wieder zur Umkehr bewegt hat und immer wieder bewegen will!
Das gilt auch und gerade für unsere Zeit! In fast allen unseren Lebensbereichen ist ja seit Jahren zu beobachten, dass Aggressivität allenthalben zunimmt.
Dem als Jünger und Jüngerin Jesu Christi entgegenzutreten und zu deeskalieren, wo auch immer möglich, war und ist auch für uns das Gebot der Stunde! Unsere Zeit braucht Friedensstifter und keine Hassprediger, Vermittler und keine Spalter! Und unsere Welt braucht Gerechtigkeit statt Ausbeutung, braucht endlich Erbarmen mit den millionenfachen Nöten von Menschen überall in der Welt statt globaler Aufrüstung (auch atomar!) und Waffengeklirre! (Auf der Weltuntergangsuhr, auch Atomkriegsuhr genannt (siehe Wikipedia) ist es jetzt 100 Sekunden vor 24Uhr!)

Beim Apostel Paulus können wir die „geistliche Waffenrüstung“ nachlesen, mit der ein Christ gegen alle Gewalt(en) in dieser Welt kämpft (Eph. 6. 10-17) – letztlich mit seinem Glauben, seiner Liebe und seiner Hoffnung! Dass das der „schmale Weg“ ist, daran hat schon unser Herr Jesus Christus keinen Zweifel gelassen. Und dass die einzige Autorität, die uns unser Herr Jesus Christus übertragen hat, angesichts aller Gewalt in dieser Welt die Autorität der Bitte ist: Lasst euch versöhnen…

Das ist das „Joch“, von dem unser Herr Jesus Christus sagt, dass wir es auf uns nehmen sollen. Denn es ist sanft und seine Last ist leicht.
Weil er ja schon alles ertragen hat – für uns!
Und weil ihm der Vater alles übergeben hat: Raum und Zeit und Ewigkeit!
Amen.