10.05.2020 - „Ein Lied gegen den Abgesang“ - Offb. 15, 2-4 - Kantate

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Coronazeiten – schwere Zeiten!
Zeiten des Verzichts!
Weltuntergangsstimmung?
Abgesang auf unsere Kultur, unsere Lebensweise?
Geschlossene Kirchen öffnen wieder – leider unter strengen Auflagen.
Das Virus lässt uns in den Gottesdiensten gesanglich weitgehend verstummen.
Da denken Viele: Gut, dass da die Bundesliga weitermacht, der Deutschen liebstes Hobby.
Mittlerweilen ja zu einer Art „Ersatzreligion“ geworden.
Doch auch hier: Geisterspiele ohne Publikum, ohne Fangesänge; keine inbrünstige Begeisterung oder Enttäuschung, kein schreien und grölen, keine Arme hochwerfen, kein Umarmen beim Torjubel.
Und sie singen: „Stern des Südens“ und „We are the champions“, das Lied der Gewinner seit über 36 Jahren.
Gesungen bei den großen und kleinen Siegen im Leben.

Singen ist ja in den letzten Jahrzehnten wieder „in“ geworden, auch, wenn unsere Vokalchöre unter chronischem Nachwuchs leiden.
„Singstar“, Karake, Voice of Germany, …
Die Formate besonders für junge Menschen sind zahlreich.
Ja, sie wollen singen! Wie schön!

Singen ist ein besonderer Ausdruck der Seele.
Das hat schon Martin Luther erkannt und eine Fülle von Liedern komponiert.
Singen kann Mut machen und befreien, kann Gefühle zum Ausdruck bringen und Gemeinschaft stiften.
Das Frühstücksradio oder der Kopfhörer des mp3-players im Ohr liefern zwar auch Musik, aber sie machen uns zugleich stumm.
Was dabei verloren geht, lässt sich nur selten noch erahnen – Weihnachten vielleicht, wenn am Ende des Gottesdienstes „Stille Nacht“ oder „O du fröhliche“ gesungen wird, oder eben, wenn die Siegeslieder angestimmt werden.

„Kantate“, das Thema des heutigen Sonntags, ist daher mehr als eine Aufforderung.
Singet, das ist eine Einladung zum Leben.
Den Gefühlen Ausdruck geben, der Seele Flügel verleihen.
Und auch im Predigttext geht es um ein Lied – ein Lied, das im Himmel gesungen wird.
So jedenfalls beschreibt es der Seher Johannes in seiner Schau der kommenden Welt.
In der Offenbarung des Johannes heißt es in Kapitel 15,2-4:
2 Und ich sah, und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt; und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen
3 und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.
4 Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.

Bilder wie ein Traum: ein gläsernes Meer, Feuerzungen, himmlische Harfenmusik: Bilder für das, worin noch niemand war, Bilder für das, was unvorstellbar und unaussprechlich ist: die kommende Welt Gottes, das Himmelreich.
Und auch da ertönt ein Lied der Sieger, das Lied derer, die den Sieg behalten hatten: „Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen?“
Und doch klingt dieses Lied ganz anders als jenes im Fußballstadium gesungene:
Nicht nur, dass ich es mir weniger laut vorstelle – vor allem: Die Geretteten preisen sich hier nicht selbst als Champions, Gott allein wird als der Sieger besungen.
Der alles entscheidende Sieg ist nicht von Menschen gemacht, Gott selbst hat ihn errungen.
Aber wir können teilhaben an diesem Sieg, können einstimmen in das Lied von Gottes Macht und Herrlichkeit.
Sein Sieg ist unser Gewinn.

So schaut Johannes denn, wie sie am Ende der Zeit die Lieder von Gottes Sieg singen.
Gottes Sieg, der im Laufe der Geschichte schon immer von den Glaubenden besungen wurde.
Der Seher sieht sie das Lied des Moses singen – so wie sie es damals gesungen haben, Mose und das Volk Israel.
Damals, als ihnen dank Gottes Hilfe die Flucht aus der Sklaverei, der Aufbruch aus Ägypten gelungen war.
Miriam war es, die das Lied anstimmte, das älteste Lied, das uns in der Bibel überliefert ist: „Lasst uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat an uns getan, Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt“ (2. Mose 15,21).
Und alle stimmten sie mit ein, damals am Schilfmeer, und sie tanzten und sangen von Gottes großem Tun.
Dieses Lied am Schilfmeer ist die Grundmelodie all der Lieder geblieben: Gott befreit uns aus der Macht des Bösen, Gott ist unser Retter, darum sei er gepriesen.
Immer wieder ist es gesungen worden, und all diese Siegeslieder münden ein in den großen himmlischen Lobgesang.
Auch Maria hat die Melodie wieder angestimmt.
Voll Freude hat sie gesungen, weil sie die Mutter Jesu sein soll: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“, und:
„Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“

So wird das Lied von der Befreiung zugleich ein Lied, das von Jesus Christus handelt.
Oder wie der Seher Johannes sagt: das Lied des Lammes.
In seiner Auferweckung hat Gott noch den letzten Feind besiegt, den Tod. Wie gewaltig und zerstörerisch ist die Macht des Todes in unserer Welt, wie sehr ist alles Leben von der Todesmacht bestimmt.
Doch Gott hat den Tod besiegt und lässt uns teilhaben an seinem Sieg.

Von diesem Sieg können auch wir singen.
So ist es also kein Zufall: Viele unserer Osterlieder sind ausdrücklich Siegeslieder.
„Erschienen ist der herrlich Tag, dran niemand g'nug sich freuen mag: Christ unser Herr, heut triumphiert, sein Feind er all gefangen führt. Halleluja.“
So hat es Nikolaus Herman gedichtet.
Starke Lieder: Lieder vom Sieg des Lebens, Lobpreis der wunderbaren Taten Gottes – ja, das ist es, was der Seher Johannes schaut.
Das Bild von Gottes Reich.
Doch ich muss zugeben: Es kommt häufig vor, dass mir nicht nach solchen Liedern zumute ist.
Und ich nehme an, vielen geht es genauso.
Die Macht des Todes ist oft so bestimmend in unserem Alltag.
Die Nachrichten, die ich nicht einfach an mir vorbeiziehen lassen kann.
Menschen, die an den Folgen von Gewalt und Terror leiden.
Menschen, bedroht von Hunger, Aids oder Covid 19.
Da bleiben mir die Lieder vom Sieg über den Tod in der Kehle stecken.
Oder wenn ich an das persönliche Umfeld denke.
Wie der Tod eines nahen Menschen mich umtreibt.
Wie Krankheit und Schmerz fesseln können.
Wie die Zweifel an einer besseren Zukunft laut werden.
Da werde ich ganz kleinlaut, und die großen Lieder erscheinen mir alle viel zu vollmundig.

Aber ist das je anders gewesen bei den Christen?
Viel schwieriger noch war jedenfalls die Lage der Menschen, an die sich Johannes mit dem Bericht seiner Offenbarung wendet.
Die Christen, die Mitte des 2. Jahrhunderts in verschiedenen Gemeinden Kleinasiens lebten, sahen sich schweren Anfechtungen ausgesetzt.
Noch war das Ziel ja nicht erreicht.
Noch galt es sich zu bewähren gegen bedrohliche Mächte, die erst am Ende besiegt sein werden.
Noch war der Feind so stark, dass er nicht einmal beim Namen genannt wird.
Johannes spricht nur von dem Tier und seinem Bild, und der Zahl seines Namens.
Verschlüsselte Bilder, die vom römischen Reich und seinen Kaiser handeln, und von blutigen Christenverfolgungen, die er angeordnet hatte.
Der Kaiser ließ sich und seine Standbilder wie einen Gott verehren, und wer dem nicht folgte, hatte mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Für die Christen gehörte schon etwas dazu, im Glauben durchzuhalten.

Was sie durchhalten ließ, war die Hoffnung.
Die Hoffnung, die ihnen Johannes mit seiner Vision in Bilder fasste.
Die Vision, dass der römische Staat, das Tier aus der Tiefe, vergehen wird; und wer jetzt durchhält, wird teilhaben an der Freude des Reiches Gottes, einer Freude, die sich nicht anders beschreiben lässt als in Bildern und dem Lied vom Sieg: „Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen?“

Ja, in ihrem Alltag war davon noch nichts zu spüren, aber umso glühender war ihre Hoffnung.
Diese Hoffnung war es, die ihnen Kraft geben konnte.
Und in Vorahnung der großen Freude haben sie die Siegeslieder schon angestimmt bei ihren Versammlungen.
Manchmal vielleicht etwas zaghafter, aber voll Gewissheit: das Lied der Mirjam und das Lied des Lammes, die Lieder von den großen Taten Gottes.
Das Singen konnte ihnen Mut geben und Kraft, damit sie durch das Leiden hindurch schon etwas ahnen konnten von der künftigen Herrlichkeit.

So ist es wohl immer mit unseren Liedern: Wir singen mehr, als wir sagen können.
Die Lieder sind es, die unsere Hoffnung lebendig werden lassen, die uns schon jetzt etwas erahnen lassen von dem künftigen Sieg.
Darum „Kantate“. Singt!
Nicht leichtsinnig und gefährlich ansteckend.
Chorproben müssen leider noch ausfallen, was vernünftig ist.
Aber warum nicht selbst einmal ein Lied summen?
Oder pfeifen?
Vielleicht mal das Gesangbuch in die Hand nehme und die Liedtexte eintauchen; sich umfangen lassen von der Tiefe der Gedanken, der Schönheit der Verse und dem Reichtum an Glaube, Liebe und Hoffnung.
Unsere Stimmen mögen klein und schwach sein wie unser Glaube manchmal, aber sie können sich aufschwingen zu Gott.
Unsere Stimmen können in hoffnungsarmer Zeit die Hoffnung auf die neue Welt zum Leuchten bringen.
Mitten in unseren Anfechtungen und unserer Angst bekommt unsere Seele Flügel.
Wir können frei atmen und fühlen neue Kraft. Wir können unser verletzliches und verletztes Leben annehmen mit all seinen Brüchen.
Nun freut euch, lieben Christen g’mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen,
was Gott an uns gewendet hat
und seine süße Wundertat;
gar teu’r hat er’s erworben. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 
Wochenspruch
Psalm 98,1:
Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Gebet
Gott, du Herr des Lebens,
dich wollen wir preisen, denn du hast in Jesus Christus die Macht des Todes besiegt und lädst uns ein zu einem Leben in deinem Licht.

So bitten wir dich für diese Welt,
in der es noch so viel Dunkel und Leid gibt:
Für alle, denen es am Notwendigsten fehlt im Leben,
dass sie Gerechtigkeit erfahren.
Für alle, die an den Folgen von Hass und Krieg leiden,
dass sie Ruhe finden für ihr Leben.
Für alle, die mühselig und beladen ihre Tage bestehen,
dass sie Erquickung finden durch deine Nähe.
Für alle, die verstummt sind in ihrer Ratlosigkeit,
dass sie Worte finden, ihr Leben zu bejahen.
Und für uns alle bitten wir dich:
Sei bei uns auf dem Weg in die Zukunft.
Lass uns leben in der Erwartung deines Reiches, bis wir einstimmen können in den Lobgesang der Geretteten:
Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott.
Amen.