19.04.2020 - "Auftanken" - Livestream Michaelis - Quasimodogeniti

Predigt

Aufzeichnung des Livestreams: https://www.youtube.com/watch?v=V9FRmSnbUvU
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Unser Predigtabschnitt stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja im 40. Kapitel:
Hebet eure Augen auf in die Höhe und seht!
Wer hat dies geschaffen?
Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?“
Weißt du nicht?
Hast du nicht gehört?
Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;
aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Gott segne unsere Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

Haben Sie auch Probleme mit Frühjahrsmüdigkeit?
Falls nicht, herzlichen Glückwunsch!
Ich bin leider anfällig dafür, und die gegenwärtige Lage setzt mir zusätzlich zu: Die eingeschränkten Möglichkeiten machen müde.
Das Thema „Corona“ selbst macht müde, die Angst, die Hilflosigkeit damit umgehen zu können.
Doch Frühjahrsmüdigkeit hin oder her – jeder von uns kennt das:
Irgendwann fühlt man sich erschöpft und muss wieder Energie auftanken; wer in diesen Tagen intensiv im Garten gearbeitet hat, spürt am Abend seine Knochen;
Kinder mit scheinbar grenzenloser Energie ausgestattet fallen am Abend müde ins Bett.
Eltern kleinerer Kinder im Homeoffice wissen, wie sich Schlafmangel und Müdigkeit anfühlen.
Und alle, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, macht der körperliche und seelische Stress müde.
Vielen Dank an dieser Stelle an Sie alle in den Krankenhäusern, in den Alten- und Pflegeheimen, in der häuslichen Pflege, im Einzelhandel, in den Speditionen, in der Seelsorge und Nachbarschaftshilfe, in Politik und Wirtschaft, und und und. Vielen Dank an Sie alle, die dafür sorgen, dass uns das Nötigste an Versorgung, Fürsorge und Sicherheit erreicht!

Wir werden müde durch das, was uns belastet.
Es ist noch gar nicht so lange her, da haben wir über die Überbelastung und die Folgen von „Born out“ nachgedacht.
Ja, selbst die Starken und scheinbar Stärksten kommen irgendwann an ihre Leistungsgrenze!
Und dann hadern wir schnell mit uns, mit der Welt und mit Gott.

Der Prophet Jesaja nimmt diese Grunderfahrung auf.
Für ihn umfasst die Müdigkeit, heute würden wir sagen, „ganzheitlich“ Körper, Geist und Seele.
Selbst die gesündesten jungen Menschen können stolpern und fallen, mahnt er; können plötzlich aus ihrem manchmal so problemlos scheinenden Leben aufgeschreckt werden.
Alles was stark, gut und richtig erschien, kann auf einmal ganz unwichtig werden.
Der starke Mensch hat tausend Wünsche, der Müde, der Kranke, der Einsame oft nur noch einen.

Und weil das so war und ist, warnt Jesaja eindringlich, vor allem die gesunden Starken: Verlasst Euch nicht nur auf Eure eigenen Kräfte, auch wenn Ihr momentan das Gefühl habt, Ihr könntet Berge versetzen und Bäume ausreißen!
Erweitert Euren Horizont!
Blick auf!
Schaut auf die Quelle des Lebens!
Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft.
Martin Luther hat dieses Wort „harren“ verwendet.
Harren sagen wir heute ja auch nicht mehr so oft, vielleicht singen wir es noch manchmal in dem Lied „Harre, meine Seele“.
Doch im Wort beharrlich und ausharren kommt es noch vor und meint aushalten, geduldig sein, unbedingt vertrauen.
Deshalb kann man diesen Vers auch so wiedergegeben.
Die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft.

Noch ein bisschen Buchstabenzauber:
Ein kleines Wörtchen gewinnt hier besondere Bedeutung; eines, das man leicht übersehen kann, obwohl wir’s so oft verwenden: Das Wörtchen „aber“.
Über fünfeinhalbtausendmal kommt es in der Lutherbibel vor.
Hier an dieser Stelle gehört es zu den ganz wichtigen „Aber“ der Bibel: „Aber, die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft.“
Dieses „Aber“ will uns sagen: Gott stellt allem, was euch müde, traurig und kaputt macht, sein „Aber“ Gottes entgegen: das Neue, Unglaubliche, Unvorstellbare.

Wie oft sagen wir „aber“, z.B. „aber, da kann man doch nichts machen“, oder „aber, ich denke, dass …“?
Mein Aber zielt dabei oft auf den Anderen, leider um seine Meinung abzuwerten und um mich ins bessere Licht zu stellen.
Gottes Aber dagegen will uns zeigen: Es gibt mehr als Du in dieser oder jener Situation vor Augen siehst, mehr, als die Angst des Augenblicks.
Es geht weiter, denn es gibt mich, euren Gott, der euch liebt, der euch neue Kraft schenkt!
Nicht unbedingt für die alten bekannten Wege, aber für etwas Neues, Bedeutendes.
Es gibt immer Grund zur Hoffnung!
Wir brauchen den weiten Blick, Visionen von einer guten gelingenden Zukunft.

Der verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt sagte im Bundestagswahlkampf 1980: Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.
Er hat recht, wenn man dabei den Blick auf die Realität verliert.
Das meint Jesaja nicht gerade nicht.
Er richtet seine Worte an sein Volk, das schwerste Zeit erlebt hat: Krieg, Zerstörung, Verbannung.
Jesaja setzt die Anklagen der Propheten vor ihm nicht außer Kraft;
die Anklagen gegen die Reichen und Mächtigen aus der Oberschicht, die auf Kosten der Armen herrschten;
die Anklagen gegen sein Volk das, gottlos und menschenfeindlich gelebt hat.

Das schlägt den Bogen unweigerlich in unsere Zeit:
Die Überbetonung des Kapitals, die soziale Ungerechtigkeit weltweit und in unserem Land, die Lieblosigkeit, die Gewalt gegen Mensch und Natur.
Und die Aussicht, dass dies alles durch die momentane Krise noch verstärkt werden könnte – das beschäftigt mich und uns alle zur Zeit.
Es gibt für die Bewältigung der Probleme tatsächlich keine Blaupause, die ich einfach abarbeite und dann wird alles gut.
Wir müssen uns Schritt für Schritt vortasten.
Covid 19 zeigt uns deutlich unsere Grenzen auf, dass alles, auf was wir uns bisher verlassen haben, sehr sehr flüchtig ist.
Aber es zeigt auch, wer gute Werte in sich trägt, wer auf einem festen ethischen und moralischen Fundament steht.
Die Krise bringt auch das Gute wieder zum Vorschein! Gott sei Dank!

Gerade deshalb stimmt Jesaja sein „Aber“ an:
Aber Gott will retten!
Man braucht nicht die Nöte der damaligen Menschen zu kennen, es reicht der Blick auf uns und unsere Leidensgeschichten: hinter vielen Haustüren gibt es Krach, Gewalt, Traurigkeit, Angst um die Zukunft, um die eigene Gesundheit.
Menschen die Schweres durchleben, Menschen die mitleiden, denen ihre Kraft und ihr Mut langsam ausgeht, die müde werden, glaubensmüde, lebensmüde.
Und die aber auch erfahren: Mein Glaube spendet mir Kraft.

Jesaja spricht uns müden Menschen Trost zu.
Die frohe Botschaft lautet: Gott ist hier und er wird hierbleiben.
Hebe Deine Augen auf, steh auf und richte Deinen Blick nach vorne!
Klebe nicht an den Problemen fest, sondern suche in Gottes Namen gemeinsam mit anderen nach guten Lösungen!
Wage den nächsten Schritt, das nächste Wort!
Vertraue auf Gott und Dir wachsen Flügel wie ein Adler.
Welch ein kraftvolles Bild! Vielleicht momentan zu stark!
Aber ein Gedanke dazu: Der König der Lüfte sieht die Welt von oben.
Er breitet seine Schwingen aus und lässt sich tragen – alles unter ihm fest im Blick.
Das könnte auch unsere Perspektive werden.
Es braucht Gottes Kraft, die uns Menschen verändert und wieder aufbaut.
Gottes „Aber“ gegen unser menschliches „Aber“, sein „Ja“ gegen unser „Nein“, dafür steht Ostern!
Jesus ist auferstanden: Das ist Gottes großes „Aber“ zu aller Müdigkeit, zu aller Not, zu allen Grenzen und zu allem Elend in der Welt.
Sein „Ja“ an uns: Ja, Du bist was, Du kannst was, Du wirst gebraucht.

Vertrauen wir auf ihn, lassen wir unsere Schwachheit und Müdigkeit von Gott verwandeln,
damit wir aufstehen voller Hoffnung mit neuer Kraft, voll neuer Ideen.
Wir sollen getröstet sein und wissen: auch heute noch wirkt Gott mächtig.
Unsere Kraft geht irgendwann zu Ende, aber Gottes Kraft nie.
Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbittengebet
Herr, unser Gott: Christus lebt.
Er lässt alles Leben auf der Erde neu werden und schenkt uns Hoffnung.
Seit Ostern ist unsere Welt in ein neues Licht getaucht.
Aber unser Alltag führt uns immer wieder in Enge und Dunkelheit.

Wir bitten dich für die Menschen, die sich aufreiben in ihrem Einsatz für andere und dabei innerlich ausbrennen.

Wir bitten dich für die Menschen, die das Licht am Ende des Tunnels nicht erkennen können, weil ihr persönliches Schicksal ihnen jede Aussicht verdunkelt.

Wir bitten dich für die Menschen, die Leid zu tragen haben, an dem sie verzweifeln: schwere Krankheit oder der Tod naher Menschen.

Wir bitten dich für die Menschen, die vor lauter Arbeit den Sinn in ihrem Leben nicht mehr erkennen und sich von ihren Sorgen den Blick gefangen nehmen lassen.

Für uns selbst bitten wir dich, dass wir die Zeichen deiner Zukunft auch in unserem Alltag aufspüren.
Lass uns selbst zum Zeichen werden für das neue Leben, das unter uns schon begonnen hat. Durch Jesus Christus, unsern Herrn und Bruder.