23.02.2025 - "Gottes Plan für Europa" - Predigt zu Apostelgeschichte 16,9-15 am 2. Sonntag vor der Passionszeit, Sexagesimä (Pfarrer Stefan Fischer)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.

 

Wir hören das Predigtwort aus der Apostelgeschichte des Lukas im 16 Kapitel:

In unserem heutigen Predigtabschnitt nun geht es um Gottes Plan für die Welt; es geht um eine folgenreiche Weichenstellung in der Mission, das Evangelium auszubreiten: nämlich den Übergang des Christentums von Kleinasien nach Europa.

In Mazedonien hat das Christentum in Europa angefangen. :

Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!
Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
Da fuhren wir nach Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis
und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt.
Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.
Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so dass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde.
Als sie aber mit ihrem Haus getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

 

Liebe Gemeinde,

Gott hat einen Plan für Europa.

Auf den ersten Blick erscheint alles ganz unspektakulär.

Doch, wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass die Teile sehr kunstvoll gestaltet und zusammengefügt sind.

 

Schauen wir zunächst auf die Geschichte der Ankunft von Paulus und seinen Begleiter.

Sie ist ein wichtiger Teil unserer europäischen Geschichte.

Paulus verlasst mit dem Schiff Kleinasien, also die heutige Türkei, und kommt in Europa, in der mazedonischen Stadt Philippi an.

Mit Paulus setzt der christliche Glaube nach Europa über.

Allerdings war hier auch aller Anfang schwer.

Für Paulus muss der ziemlich enttäuschend gewesen sein - jedenfalls zunächst.

Nach der nächtlichen Erscheinung, nach der Traumvision mit dem Hilferuf des Mannes konnte Paulus ja annehmen, dass man ihn und seine Begleiter als christliche Missionare erwartet.

Als sie aber ankommen, werden sie von den Menschen überhaupt nicht beachtet.

Das Leben in dieser durch und durch griechischen Stadt bleibt davon ganz unberührt.

Niemand erwartet sie; Niemand begrüßt sie; Niemand freut sich über ihr Kommen.

Sie müssen schließlich selber etwas unternehmen, um irgendwie mit Menschen Kontakt aufzunehmen.

Und so beschließen sie, den Sabbat abzuwarten und dann eine jüdische Gebetsstätte aufzusuchen – so, wie sie es sonst auch immer getan haben.

Aber es gibt keine Synagoge; also versuchen sie es am Fluss; Vielleicht könnte sich ja dort etwas ergeben.

Und tatsächlich – sie haben Erfolg.

Sie treffen auf einige Frauen.

Eine von ihnen, mit Namen Lydia, öffnet ihr Herz, kommt zum Glauben, lässt sich taufen und nimmt die Missionare in ihr Haus auf.

Das ist – nüchtern betrachtet – der Anfang des Christentums in Europa.

Das Haus der Lydia ist die erste Missionsstation Europas.

Dort versammelt sich der erste christliche Hauskreis in Europa.

Auch wenn dieser Anfang eher unspektakulär und bescheiden wirkt – was daraus erwächst, ist überwältigend.

Der Verfasser der Apostelgeschichte Lukas hat ja dann auch erzählt, wie es weitergegangen ist.

Mit zunehmendem Staunen erfahren die Leser, wie aus diesem winzigen Anfang in einer glaubensfeindlichen Umwelt eine große Bewegung gewachsen ist, die immer noch nicht an ihr Ende gekommen ist;
eine Bewegung, die weitergeht, in der wir selbst heute hier in Zedtwitz auch dabei sind;
eine Bewegung, durch die Gott immer wieder zu neuen Anfängen führt:
Menschen öffnen ihr Herz für das Evangelium, fangen an zu glauben, finden ihren Lebenssinn und ihre Ausrichtung auf Gott, suchen Gemeinschaft und bieten Gemeinschaft für andere.

Zugleich wird auch deutlich:
Paulus und seine Gefährten lassen sich durch die Gleichgültigkeit, auf die sie bei ihrer Ankunft gestoßen sind, nicht beirren.

Mit großem Vertrauen folgen sie Gottes Weg und halten an ihrer Berufung fest, Menschen für den Glauben an Jesus Christus zu gewinnen.

Sie sind und bleiben uns damit ein leuchtendes Beispiel.

Ich komme zu einem zweiten Aspekt dieser Geschichte:

Diese Erzählung von der Bekehrung und Taufe der Heidin Lydia hat einen wichtigen Platz in Gottes Heilsplan.

Sie steht im großen Zusammenhang der Beziehung von Gott zu uns Menschen; ich muss genauer sagen: von Gottes Ringen um uns Menschen.

Denn Gott hat die Trennung, die wir Menschen wollten, nie akzeptiert.

Auch wenn Menschen Gott los und unter sich sein wollten, Gott hat immer wieder neu um die Verbindung mit uns gekämpft; hat immer wieder neue Anfänge gesetzt: Nach der Sintflut zum Beispiel.

Gott setzt seinen Regenbogen in den Himmel als Zeichen eines neuen Anfangs und Bundes.

Später fordert er Abraham auf, sein Heimatland in Mesopotamien zu verlassen und in ein anderes fremdes Land aufzubrechen.

Mit Abraham erwählt sich Gott ein Volk aus allen Völkern.

Doch auch dieser Anfang war bald wieder verbraucht.

Schon die Enkel Abrahams zogen nach Ägypten.

Dort blieben sie über 400 Jahre.

Am Ende hatten sie ihren Gott fast vergessen.

Aber Gott hatte sie nicht vergessen.

Er berief Mose, befreit sein Volk aus der Sklaverei Ägyptens und schließt mit ihm am Berg Sinai wieder einen neuen Bund.

Doch immer wieder fallen die Menschen von Gott ab.

Trotz der Proteste der Propheten, die Gott zur Warnung aussendet.

Es folgt die Verbannung ins Exil nach Babylon.

Dorthin zurück, wo mit Abraham die Geschichte des Volkes Israel begann.

Doch auch das war nicht das Ende.

Gott holt sein Volk aus der Gefangenschaft in die Heimat zurück.

Aber die Herzen der Menschen verhärten sich immer wieder; es ist fast unerträglich, wie sich die Fehler der Geschichte immer wiederholen.

Gott muss zum letzten Mittel greifen, wird Mensch in Jesus Christus und zeigt uns mit dem tödlichen Ernst des Kreuzes, wie sehr er uns Menschen liebt.

Wieder ein neuer Anfang mit uns Menschen.

Dieses Friedensangebot an alle Völker dieser Welt – wir nennen es das Evangelium von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi – erreicht dann auch Europa, das damals noch gar so heißt.

Von Mazedonien ist die Rede, einer griechischen Provinz.

Das Evangelium wird unsern Kontinent verändern.

Wenn wir auf die großen Zusammenhänge blicken, sehen wir also: Hinter allen diesen Neuanfängen steht: Gott ist treu; Gottes Name heißt im Hebräischen „Jahwe“ und das kann man übersetzen mit „Ich bin der ich bin“ – über alle Zeiten hinweg.

Auf Gott ist Verlass.

Er hat einen langen Atem, denkt und plant langfristig und verlässlich.

Für mich ist das ist sehr tröstlich.

Wir Menschen sind kurzsichtige Wesen.

Doch aus der Bibel können wir den großen, übergreifenden Heilsplan Gottes erkennen.

Jeder, der zu Christus gehört, ist ein wichtiger Teil dieses Plans.

Wir sind Teil von Gottes großem Plan: Er gibt uns nicht auf; Gott hat auch Europa nicht aufgegeben.
Sein Evangelium der Versöhnung mit Gott und Versöhnung der Menschen; sein Plan von Frieden und Gerechtigkeit unter allen Menschen und Völkern steht.

 

Ich komme zum letzten Punkt: die Folgen für uns.

Wir wissen heute: Europa ist mit dem Christentum groß geworden.

Menschen im Glauben und in der Kirche haben immer wieder entscheidende Impulse gegeben; und Gott sei Dank auch wichtige Korrekturen, wenn im Namen Gottes von Menschenhand großes Unheil angerichtet wurde –auch das dürfen wir hier nicht verschweigen.

Dass in Europa hervorragende kulturelle Leistungen gewachsen sind, hängt zutiefst mit dem christlichen Glauben zusammen.

Doch gerade deshalb sind wir umso mehr zu großer Demut aufgerufen – das zeigt uns unser Predigtwort; und damit steht unsere Programm gegen all die momentanen Herrscher, die nur ihr Ego-Predigen und sich selbst für Erwählte Gottes halten:

Bleiben wir demütig, weil wir wissen:

Der Glaube an Jesus Christus ist keine Erfindung Europas; Europa hat das Christentum weder erfunden noch entwickelt.

Das Evangelium von Jesus Christus kam von außen.

Es ist uns von Gott geschenkt und damit alle Leistungen, die sich daraus entwickelt haben.

Ja, berufen wir uns ruhig auf das „christliche Abendland“, aber bitte in aller Bescheidenheit und, vor allem, in aller Dankbarkeit.
Seien wir dankbar, das Gott damals in Philippi den Anfang gesetzt hat.
Seien wir dankbar, das Gott uns immer wieder Auswege aus den Irrungen und Verwirrungen von Kirche und Staat gezeigt hat, wie in der Reformation zum Beispiel.
Die Bitte des Europäers im Traum von Paulus ist deshalb ein bleibender Wunsch: „Komm herüber... und hilf uns!"

 

Wir sehen auch: das Europa von heute hat sich von Gott emanzipiert, hat sich von Gott immer mehr entfernt.

Europa – das heißt wir Europäer haben größtenteils wieder einmal Gottes Wege verlassen.

Gott scheinen wir bei all den wichtigen Fragen in der Wirtschafts- und Friedenspolitik oder in wichtigen ethischen Fragen wie der Gentechnik oder der Begleitung Sterbender nicht mehr zu brauchen.

Es werden menschliche Maßstäbe geltend gemacht: Was bringt’s, was kostet’s, ist’s bequem genug?

Gott sei’s gedankt, dass er seinem Plan treu bleibt.

Gott setzt weiterhin Menschen in Bewegung, setzt weiterhin Anfänge und deshalb wird der Glaube an Jesus Christus nicht aufhören – trotz aller Warnzeichen und Ängste, die bestehen.

Das können wir aus der Bekehrung der Lydia lernen:

Gottes Wege sind oft nicht unsere Wege, doch wer auf ihnen geht und sich wie Paulus von Gott führen lässt, der kommt auch ans Ziel.

Gott selbst ist A und O – Anfang und Ende.

Seine Liebe will auch das A und O unseres Lebens sein.

 

Für uns heißt das dann auch: Achten wir nicht zu sehr auf das, was Menschen wollen oder nicht wollen.

Achten wir vielmehr auf das, was unser himmlischer Vater will oder nicht will – und dann tun wir mit großem Herzen unsere Christen- und Bürgerpflicht.

Gott an die erste Stelle unseren Denkens und Handelns zu setzten macht uns innerlich frei, gelassen, geborgen, zuversichtlich und hoffnungsvoll; genau das, was wir uns in diesen Zeiten brauchen.

Amen.

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.