02.03.2025 - "Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast" - Predigt zu Lukas 10,38-42 am Sonntag vor der Passionszeit, Estomihi (Pfarrer Stefan Fischer)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Das Predigtwort für heute steht bei Lukas im 10. Kapitel:
Als sie aber weiterzogen, kam Jesus in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Martha, die nahm ihn auf in ihr Haus.
Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria, die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt alleine dienen? Sag ihr doch, dass sie mir zur Hand gehe.
Es antwortete ihr aber der Herr und sprach: Martha, Martha, du sorgst dich und machst dir Unruhe um Vieles.
Eines aber ist not, Maria hat das gute Teil erwählt; das wird nicht von ihr genommen werden.
1.
Liebe Gemeinde,
Jesus zieht mit Jüngerinnen und Jüngern durchs jüdische Land und predigt seine Botschaft der Liebe und vom Reich Gottes. Sie kommen in ein Dorf.
Da nimmt eine Frau ihn als Gast auf in ihr Haus.
So erzählt der Evangelist Lukas. Und findet nichts dabei.
Sagt nicht, dass es deswegen wahrscheinlich großes Gerede gegeben hat im Dorf.
Oder bei den Jüngern, von denen übrigens in der Geschichte fortan nicht mehr die Rede ist.
Die Frau heißt Martha. Sie kennt Jesus.
Wahrscheinlich ist Jesus auch schon eine hier und da in den Dörfern bekannte Persönlichkeit.
Sozusagen ein ehrenvoller Besuch für Martha, die jetzt seine Gastgeberin geworden ist.
Sie übernimmt diese Rolle - ohne jede Frage. Den geladenen Gast muss man bedienen. Erst recht einen so bekannten.
Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast - wer diese Einladung beim Wort nimmt, muss auch für die Folgen sorgen.
Martha tut das. Sie geht in die Küche.
Wie käme auch sonst das Essen auf den Tisch?
Sie tut das, was sich für eine gute Hausfrau und Gastgeberin gehört.
All das versteht sich eigentlich von selbst, damals wie heute.
Martha lebt nicht allein.
Ihre Schwester Maria wohnt mit im Haus.
Die hat mit Küchen- und Tischdienst gerade nicht viel im Sinn.
Hat sich vielmehr in der guten Stube zu dem geladenen Gast gesetzt.
Wie Schüler damals einem Lehrer zu Füßen saßen, sitzt sie bei dem bekannten Rabbi Jesus aus Nazareth und hört auf seine Worte.
Warum sollen nur Männer einem berühmten Rabbi zuhören, bei ihm lernen oder mit ihm diskutieren - und die Frauen ab in die Küche?
Maria nimmt sich das auch als Frau heraus - in aller Freiheit und Ruhe.
Und Martha arbeitet und arbeitet in der Küche -
bis sie in die Luft geht und platzt.
All das Viele, was sie da macht, um den Gast gut zu bewirten, zehrt an ihr.
Ich sehe sie mit umgebundener Schürze aus der Küche laufen und vor die Beiden treten.
Und höre, wie sie ihrem Ärger Luft macht.
Richtig aufgebracht ist sie und in Wut.
Keine graue Maus, die beleidigt ihren Frust und Ärger in sich rein frisst; und dann vielleicht schmollend die Suppe serviert.
Nein - Martha explodiert vorher und lautstark.
Sie wendet sich nicht an ihre Schwester, über die sie sauer ist.
Sondern gleich an Jesus, den bekannten und weisen Lehrer, den sie eingeladen hat.
An ihm entlädt sich ihr Ärger:
Herr, liegt dir nichts daran, dass mich meine Schwester alleine dienen lässt?
War es der Martha zu viel Arbeit?
Ein Gast! – das musste eine erfahrene Hausfrau doch meistern.
Oder hatte sie sich für diesen Gast unter einen zu hohen Druck gesetzt?
Sich viel zu viel vorgenommen, um es schön für ihn zu machen?
Und all das zerrte nun an ihren Nerven?
Und dann kommt auch noch dazu:
Meine Schwester Maria sitzt bei ihm drin, hört ihm zu, hilft kein bisschen mit.
Die Zwei da im Wohnzimmer merken anscheinend gar nicht, was ich für eine Arbeit in der Küche habe.
Das Vergleichen macht Martha Frust.
‚Herr - sag ihr doch, dass sie mir zur Hand gehe‘ -
Jesus soll's richten.
Er soll nicht zulassen, dass Maria weiter untätig bei ihm rumsitzt.
Vielleicht steckt die bittere Frage dahinter:
Warum lässt du dir das gefallen, Jesus?
Du begünstigst die Ungerechtigkeit auf meine Kosten.
Jesus antwortet ihr. Er spricht sie zweimal mit ihrem Namen an: Martha, Martha!
Jesus zeigt ihr damit, dass er sie ernst nimmt.
Und ihren Einsatz.
Und Jesus will sie zum Nachdenken bringen.
Martha, Martha, du sorgst dich und machst dir Unruhe um Vieles.
Als wolle Jesus ihr sagen: Für wen tust du das? Oder: Wem tust du damit etwas Gutes?
Mir, dem Gast, wenn dich von deinem Bedienen überfordert fühlst?
Bist du dann überhaupt noch da und offen für den Gast, der in dein Haus gekommen ist?
Bei all dem Vielen, das Martha besorgt, fehlt trotzdem das Entscheidende.
Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Liebe Gemeinde,
Was hat Maria denn getan?
Aus Marthas Sicht: Nichts.
Ändert man den Blickwinkel, dann im Gegenteil sehr viel: Sie hat auf Jesu Wort gehört.
Sie hat den Gast im Haus erzählen lassen - von dem, was ihm am wichtigsten war: Von Gott.
Sie hat ihm zugehört.
Vielleicht nachgefragt und weitergelernt.
Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast... hieß für Maria zuerst: Jesus zum Zuge kommen zu lassen.
Maria bedient Jesus nicht - wie Martha.
Sondern umgekehrt: Maria lässt sich von Jesus bedienen.
Sie lässt sich von ihm das Beste geben, mit dem er sie bedienen kann: mit seinem Wort von der Liebe Gottes. Maria lässt sich's sagen.
Martha, Martha - warum lässt du dich so besetzen von deiner Sorge und Unruhe?
Warum lässt du den Dienst, den du mir tun willst, so an dir zerren?
Ich glaube, Jesus will ihr zu verstehen geben:
So - Martha - tust du mir nichts Gutes.
Und tust dir selbst auch nichts Gutes.
Ich will doch nicht, dass du an deinem Sorgen für mich erstickst.
Ich bin doch dazu gekommen, dass die Beladenen und Belasteten aufatmen und erquickt werden.
Bei dir aber läuft es jetzt gerade umgekehrt.
Das Sorgen erdrückt dich.
Du sorgst jetzt zwar in deinem Ärger auch für dich selbst. Aber es wird für euch beide nicht gut, wenn Maria es jetzt genauso machen soll wie du.
Jesus lädt Martha ein, sich den Gast so gefallen zu lassen wie Maria.
Die hat nämlich das gute Teil erwählt - dabei soll es bleiben.
Und wenn Martha das verstanden hat - warum sollen sie dann nicht auch miteinander essen und trinken.
Dann würde sich Jesus wohl gerne von Martha den Tisch decken lassen oder von Maria und Martha.
Auch wenn es dann statt einem raffinierten Menü nur eine einfache Brotzeit ist.
Und beide Schwestern könnten sagen:
Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne du uns und was du uns bescheret hast.
Du bist unser Gast und wir lassen uns deinen Dienst gefallen.
2.
Kennen wir das nicht auch?
Da ist Besuch eingeladen und wir haben eingekauft, geputzt, gekocht, und bedient - immer begleitet von der Sorge: Hoffentlich schmeckt’s allen und reicht’s denn für alle?
Und wenn dann alles auf dem Tisch oder aufgegessen ist, ist die Kraft weg, die Menschen wahrzunehmen, und keine Reserve mehr, den Menschen gerecht zu werden, die als Gäste gekommen sind.
Und dann wird die erschöpfte Gastgeberin auch sich selbst nicht gerecht.
So will Jesus nicht unser Gast sein und von uns bedient werden.
Er ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe dafür sein Leben.
Damals zu Jesu Zeiten war diese Geschichte besonders eine Frauengeschichte – besser gesagt eine Befreiungsgeschichte für Frauen.
Eine Geschichte, die sie von dem Sorgen freispricht und ihnen Mut macht, all die Bedienungszwänge, unter denen sie stöhnen, abzuwerfen und sich auf das Eine zu konzentrieren, das not ist:
Jesu Wort zu hören, das dem Menschen gut tut - das Wort von der Liebe Gottes.
So sorgt zuletzt am besten für sich selbst, wer sich von Jesus bedienen lässt.
Und dieses gute Teil soll keiner genommen werden.
3.
Liebe Gemeinde,
das Dienen behält seinen Wert.
Das bestreitet auch Jesus nicht!
Doch es darf sich nicht ins Gegenteil verkehren.
Wer vor lauter Dienen nicht mehr zur Ruhe kommt, wer vor lauter Geben das Empfangen vergisst -
Wer immer nur dient, dient letztlich niemandem!
Weil man sich dadurch selbst überfordert.
Das Dienen bleibt wichtig.
Doch vor dem Dienen kommt das Beschenktwerden von Jesus Christus.
Wir sollen doch mit vollen Händen und vollen Herzen zu den Menschen gehen und ihnen dienen.
Lassen wir und doch zu aller erst von Jesus beschenken.
Er will uns dienen.
Er gibt die Kraft, die wir brauchen.
Gott füllt uns die leeren Hände und Herzen neu auf.
Beten wir mit ihm und sprechen mit ihm.
Hören wir auf sein Wort und lassen uns von ihm sagen, was wir tun sollen und sprechen:
Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast,
und segne zu aller erst uns und mach uns fähig zu dienen.
Du bist die Quelle des Lebens.
Aus deiner Fülle leben wir und dienen wir mit Freuden.
Hilf uns, dieses beste Teil zu wählen, wie Maria damals!
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.