16.03.2025 - "Glaubenszeichen" - Predigt zu Matthäus 12,38-42 am 2. Sonntag der Passionszeit Reminiszere (Pfarrer Stefan Fischer)
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wenn wir doch mehr Anzeichen in dieser Welt finden würden, dass es Gott wirklich gibt.
Irgendein Wunder, ein eindeutiges Zeichen, dann wär' das mit dem Glauben einfacher zu vermitteln.
So, liebe Gemeinde, wünschten sich auch die Zeitgenossen Jesu von ihm Zeichen, durch die bestätigt würde, dass Gott in ihm wirkt, dass er der wahre Messias ist.
Besonders die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Hüter der Religion, waren ja darauf bedacht, dass niemand zu Unrecht im Namen Gottes auftrat; deshalb forderten sie von Jesus ein Zeichen seiner göttlichen Autorität.
Aber Jesus antwortet darauf schroff und zurückweisend, und seine Antwort ist auf den ersten Blick nicht einfach zu verstehen.
Ich lese den heutigen Predigttext aus dem Matthäusevangelium im 12. Kapitel die Verse 38-42:
Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.
Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.
Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.
Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.
Liebe Gemeinde,
sprechen uns die Schriftgelehrten und Pharisäer nicht aus dem Herzen?
Wir würden so gerne Zeichen sehen von Gott.
Kann er nicht unseren Angehörigen heilen.
Ein Wunder geschehen lassen.
Ein Naturereignis, damit auch wirklich alle Gottes Kraft sehen und an ihn glauben.
Oder auch eine Naturkatastrophe rückgängig machen?
Den Krieg in der Ukraine stoppen?
Oder überhaupt die selbsternannten Autokraten und Diktatoren ausbremsen?
Ein Zeichen, dass es Gott wirklich gibt!
Ein Machtwort gegen die politischen und sozialen Ungerechtigkeiten in der Welt.
Der Wunsch nach Klarheit und unumstößlichen Beweisen ist verständlich angesichts des Leids und des Unheils in der Welt.
Genau das ist es, was Jesus schroff zurückweist.
Es gibt kein Zeichen, kein Ausweis, keine Beweise, weil Jesus seine göttliche Autorität so nicht beweisen will.
Er will keinen solchen Glauben, der auf einem außergewöhnlichen, außerirdischen Zeichen beruht.
Ein solcher Glaube wäre bestenfalls ein Für-wahr-Halten, ein Glaube nach dem Augenschein, ein Sonntagsglaube, ein „Scheinglaube“ der aber wenig Konsequenzen im alltäglichen Leben hat.
Jesus aber geht es um eine lebendige Gottesbeziehung und nicht um einen „Schein-Glauben“.
So wie eine Liebesbeziehung nicht allein davon lebt, dass zwei Leute voneinander wissen, dass sie irgendwann einmal „Ja“ zueinander gesagt haben.
Liebe will gelebt sein.
Vielleicht würden wir in Ehrfurcht vor Gott, vor Jesus erstarren, wenn wir große Zeichen sähen, aber die Frage bleibt doch: „Was bedeutet das für mein weiteres Leben?“
Und - mal ehrlich - hätten wir überhaupt Augen für solche Zeichen Gottes?
Wie viele Zeichen gäbe es nicht schon zu erkennen, wo Heilsames und Bewahrendes geschieht.
Wie viele Warnzeichen brauchen wir denn noch, um umzudenken?
Verändern uns diese Zeichen denn wirklich?
Nein, wir würden kräftig staunen, das Ereignis als ein Highlight oder Mega-Event feiern und dann, wenn sich der Hype gelegt hat, wahrscheinlich wieder zum Alltag zurückkehren.
Deshalb gibt es keine solchen Zeichen.
Es sei denn ..., sagt Jesus.
Es sei denn ...?
Also doch ein Zeichen?
Jesus bringt zwei biblische Geschichten in Erinnerung, die den Schriftgelehrten und Pharisäern wohl sehr vertraut waren.
Die erste zeichenhafte Geschichte ist die des Propheten Jona.
Jona floh aus Angst vor Gottes Auftrag, der heidnischen und berüchtigten Stadt Ninive das Gericht zu predigen.
Ninive war schon damals bekannt für ihre Ungläubigkeit.
Er versuchte, mit dem Schiff zu entkommen; doch als die Besatzung in ein Unwetter kam, warfen die Abergläubischen Jona als schlechtes Omen über Bord.
Ein Wal verschlang Jona und rettete ihn somit.
Nach drei Tagen spukte ihn der Wal wieder aus;
Jona gehorchte und erfüllte endlich den Auftrag Gottes.
Er ging in die große gottlose böse Stadt Ninive und predigte den Einwohnern ihren Untergang in 40 Tagen – es sei denn sie würden sich ändern und sich zu Gott bekehren.
Und siehe da, es funktionierte!
Die Menschen von Ninive änderten sich zum Guten und Gott zeigte sein Erbarmen.
Das aber gefiel Jona überhaupt nicht und er klagte Gott an: „Ach, Herr, das ist's ja, was ich dachte“, sagte er, „... und weshalb ich auch ... fliehen wollte; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.“ (Jona 4,2)
Das also ist das Jona-Zeichen – das „Es sei denn“ - Zeichen:
Dort, wo sich Menschen durch Gottes Wort bewegen, ihren alten bösen Weg verlassen, dort kann eine lebendige Gottesbeziehung entstehen und wachsen.
Und wo Umkehr geschieht, da mischt sich Gottes Barmherzigkeit ins Leben.
Die eigene Vorgeschichte spielt dann keine Rolle mehr.
Ninive ist nicht Vergangenheit.
Jesus lässt uns nach unserem Ninive fragen, dort wo wir im Unreinen sind mit uns, mit anderen.
Noch vierzig Tage werden Ninive von Jona gegeben, dann wird es untergehen, wenn sich nicht etwas verändert.
Mal Hand aufs Herz: Wissen wir etwa nicht genau, wo es eigentlich so nicht weitergehen darf und welche Stunde es geschlagen hat?
Das fängt schon bei unserer alltäglichen Lebensweise an.
Und das hört bei den großen sozialen und ökologischen Problemen in unserer Zeit noch lange nicht auf.
Wir wissen doch schon längst, dass sich das Klima verändert hat und dass viele Bodenschätze und Rohstoffe aufgebraucht sind, wenn wir so weiter machen wie bisher.
Wenn die Preise durch die Decke gehen, sind wir schnell hellwach!
Sinken die Preise, dösen wir wieder ein.
Braucht es wirklich immer erst den Wert des Preises um Dinge wertzuschätzen?
Und im persönlichen Bereich ist das genauso: Wie lange gibt mir mein Partner oder meine Partnerin noch die Chance mit ihm oder ihr zusammenzubleiben, wenn ich weiter so mit ihm oder ihr umgehe?
Wie lange verträgt die Freundschaft, dass wir noch miteinander im Unreinen sind?
Jede und jeder mag bei sich selbst nach seinem Ninive suchen und danach fragen, wie lange das noch gut gehen kann.
Die kritische Gerichtsansage des Jona kann uns dabei aufrütteln.
Es braucht Mut, so wie Jona zu reden.
Es ist aber auch mutig, sich das sagen zu lassen, und sich damit auch infrage stellen zu lassen.
Die zweite zeichenhafte Geschichte, die Jesus erwähnt, handelt von der Königin des Südens, die unsagbar reiche Königin von Saba, von der ebenfalls im Alten Testament erzählt wird, im 1. Buch der Könige Kapitel 10:
Sie stieg von ihrem Thron herab - als Heidin wohlgemerkt – und reiste den langen und beschwerlichen Weg zu König Salomo.
Sie wollte ihn und seine legendäre Weisheit kennenlernen, von der sie bisher nur gehört hatte.
Also ließ sie ihren Machtbereich, ihren Reichtum, ihre Komfortzone zurück, um sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens zu machen.
So groß war ihre Sehnsucht nach Lebensweisheit.
Und als sie „alle Weisheit Salomos sah“, fand sie zu Gott: „Gelobt sei der Herr, dein Gott, der an dir Wohlgefallen hat“.
So nach Gott suchen, nach seiner Weisheit und sich ihr öffnen, die bisherigen Reichtümer verlassen, vertrauensvoll losziehen, mutig aufbrechen - das sind Zeichen einer lebendigen Gottesbeziehung.
Und diese Sehnsucht, Gott zu finden, bewegt und verändert mehr als irgendein außergewöhnliches Wunder.
Die aus ihren untergehenden Verhältnissen wachgerüttelten und aufgeweckten Niniviten und die von ihrer Sehnsucht geleitete Königin des Südens:
Ihnen erweist sich Gott nicht durch ein majestätisches Zeichen, sondern:
Gott wird ihnen zum Weg, der ins Leben führt.
Dort ist Gott lebendig und gegenwärtig.
In der Gottesbeziehung erfährt meine Untergangsangst Barmherzigkeit und meine Sehnsucht wahren erfüllenden Reichtum.
Jesus vergleicht die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk - gut biblisch - mit der Ehe.
Es besteht ein Treueversprechen zwischen Gott und dem Volk Israel, an das Jesus erinnert.
Doch das Volk ist aus der Beziehung zu Gott herausgefallen. „... Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen ...“, sagt Jesus.
Auch bei der Ehe geht es nicht um einen herausragenden, sich einmal vergewissernden Moment der Hochzeit, sondern um eine über den Moment hinaus bleibende Beziehung.
Wie viele Ehen scheitern daran, dass die Partner voneinander Beweise und Zeichen ihrer Liebe fordern.
Sie setzen sich gegenseitig bewusst oder unbewusst unter Druck, denn ihre Liebe soll ja stehts Hoch-Zeiten erleben, vielleicht aus Angst davor, dass sonst die Liebe nicht mehr das sein könnte, was sie einmal war.
Es ist nicht die Hochzeit, das Großereignis, das einmalige Wunder, das eine Beziehung und Liebe lebendig hält.
Es ist vielmehr die Treue, die sich diesen Augenblick über den Moment hinaus bewahrt;
die Treue über diesen Augenblick hinaus, die bleibende Zusammengehörigkeit, das Band, das einen in auf den Durststrecken und in den Wüstenzeiten zusammenhält.
Wir Glaubende sollen nicht auf außergewöhnlich erscheinende Glaubenszeichen bauen.
Also kein Schein-Glaube!
Und so dreht Jesus die Frage an ihn nach dem Zeichen um und fragt stattdessen nach unserem Glauben.
Woran macht sich denn bisher dein Glaube fest?
Brauchst Du wirklich spektakuläre Glaubensbeweise, die dich dann letztendlich doch nur in untätigem Staunen erstarren lassen?
Oder bist du offen für eine Begegnung mit dem lebendigen Gott – bewegt durch Einsicht, Umkehr und Sehnsucht nach Weisheit und Barmherzigkeit, nach Gottes Liebe, Gerechtigkeit und Frieden?
Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.