24.12.2025 - "Gott auf Wohnungssuche" - Predigt zu Hes 37,24-29 (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)

Predigt in der Christvesper am 24.12.2025
19Uhr Friedenskirche Zedtwitz

Zu Ez 37,24-28

Lasst uns in der Stille um den Segen Gottes bitten…
Gott, dein Wort sei unsres Fußes Leuchte und ein Licht auf unsern Wegen. Amen.


Der Predigttext nimmt uns hinein in eine Zeit lang vor Jesu Geburt. Er steht bei dem Propheten Hesekiel im 37. Kapitel.

24Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.
25Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. 26Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. 27Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, 28damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.

Liebe Gemeinde,
in der letzten Reli-Stunde vor Weihnachten las ich mit den Kindern der 3. und 4. Klasse die Weihnachtsgeschichte im Original. So wie wir sie eben aus dem Lukasevangelium gehört haben. Es gab eine Aufgabe dazu: Was fehlt dir in dieser Weihnachtsgeschichte, was für dich eigentlich mit dazu gehört?
Prominent dachte ich an den Stall von dem überhaupt nicht die Rede ist. Oder Ochs und Esel. Auch davon steht nichts in der Weihnachtsgeschichte.
Was den Kindern jedoch zuerst einfiel: Der Wirt, der Maria und Josef vor der Nase die Tür zu gemacht hat.
Diese Szene ist packend. Und so gemein. Kein Dach über dem Kopf zu haben, keine Bleibe, ist für viele von uns unvorstellbar.

So erging es Gott zur Zeit des Propheten Hesekiel.
Sein Volk hatte ihn missachtet. Im Heiligtum, dem Tempel, wo er wohnte, hatten sie Schindluder getrieben. Gott zieht aus. Der Tempel wird zerstört. Ein Teil der Menschen weggeführt. Ein anderer lebte in den Trümmern der Stadt.
Menschen fühlen sich gottverlassen. Gott fühlt sich – zurückgelassen? Hinausgestoßen?

Tür zu. Hier gibt’s keinen Platz für dich.
Es mag sich angefühlt haben wie im Krippenspiel, wenn der Wirt die Tür zustößt und die Fremden vertreibt.
Keinen Platz zu haben - im besten Fall kennen wir diese Erfahrung nicht direkt. Aber vermutlich auf andere Weise.
„Ich gehöre nicht dazu.“ – „Bin immer draußen.“ – „Die sagen mir ja noch nicht mal, wenns was Neues gibt.“ Solche inneren Sätze und Gefühle kennt wohl jeder von uns.

Das umfangreiche Buch des Propheten Hesekiel erzählt, wie Gott eine neue Bleibe sucht. Der Tempel ist zerstört. Das Heiligtum weg. Wo soll er nun wohnen?
Knapp 600 Jahre bevor Jesus geboren wird, denken Menschen darüber nach, wo Gott wohnt, wenn er kein Zuhause mehr im Tempel hat. Ja, wenn sie selbst gerade kein Zuhause haben. Gott spricht zu ihnen und sagt: Meine Wohnung soll mitten unter euch sein.

Und dann kommt es zu so einer Szene, wie sie in Krippenspielen immer wieder vergegenwärtigt wird: Gott klopft an – an edlen Häusern und Bruchbuden.
Der Moment, in dem für ihn die Tür aufgeht, er eingelassen wird und Menschen mit ihm in der Mitte ihr Leben leben, markiert einen Neuanfang.

Jetzt sollen die Verheißung, die Gott seinem Volk Israel gegeben haben, wieder aktuell, ja erfüllt werden.
Verheißungen aus dem alten Testament haben auch wir heute Abend zu Beginn des Gottesdienstes gehört.

Licht in der Dunkelheit, Neuanfang nach dem Zerbruch, eine Geburt und Frieden!
Das sind die großen Visionen, die Gott schenkt.

Der Bund des Friedens, den Gott schließt, ist kein Bund der Unterdrückung, wie ihn die Geschichte kennt. Israel erlebt es durch die Babylonier und die Perser. Zu Jesu Zeiten waren es die Römer, die mit der Pax Romana einen Frieden zu ihren Gunsten wollten. Heute – wir hören von Verhandlungen um Ukraine und Russland, bleibt es so. Jede Partei möchte die Oberhand gewinnen und ihre Interessen unterstützt sehen.
Gottes Friede ist anders. Gott sieht den Menschen als du – im Gegenüber, auf Augenhöhe. Er möchte nichts haben, er möchte sich verschenken.  

Unter Menschen, die sich diesem DU öffnen, kann Gott wohnen – in ihrer Mitte.

„Meine Wohnung soll unter ihnen sein und ich will ihr Gott sein.“ Verheißt Gott durch den Propheten Hesekiel.

„Meine Wohnung soll unter ihnen sein.“
Das sagt Gott in Bethlehem, wohin Josef als Nachfahre aus der Familie des Königs Davids reist.

Wo findet Gott eine Bleibe?
Tür zu. Der Wirt schimpft: „Wenn ihr kein Geld habt, dann haut schnell ab!, sonst rufe ich die Polizei.“ – so inszenieren die Krippenspiele die Szene mit dem Wirt.

Wo findet Gott Platz? „Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

Wir wissen nicht, ob Menschen Maria und Josef die Tür vor der Nase zugeschlagen haben.
Aber wir erfahren, dass Gott sich das allerärmlichste Quartier sucht, um unter den Menschen geboren zu werden, das es geben kann: Einen Futtertrog.

Wenn Gott heute Abend wieder geboren werden sollte, wo würde er wohnen? Wir dürfen den Predigttext aus alter Zeit, die Weihnachtsgeschichte von vor 2000 Jahren und die Situation, in der wir uns befinden, nebeneinander legen.
Gott möchte heute in uns und unter uns wohnen!

Welches Quartier findet er bei mir, bei Ihnen vor?
Sicher, es ist alles schön geschmückt und aufgeräumt, für das Fest gerichtet. Alles gut, oder?
Oder gleicht mein Zuhause eher einer „Bruchbude“, weil schon viel in meinem Leben zu Bruch gegangen ist?
Dann sind das auch beste Voraussetzungen, dass es Weihnachten wird bei mir.
Die Gründerin meiner Gemeinschaft schreibt dazu:
„Und wenn dein Leben wie eine arme Bruchbude, wie ein alter Stall ist, dann liegt darüber die Verheißung, dass da „ewig Licht hereingeht“ und durch alle Luken und Ritzen wieder herausdringt und in die Nacht der Menschheit hineinleuchtet.“
Genau dort möchte Jesus geboren werden.

Der schlesische Liederdichter Angelus Silesius sagt:
Wird Christus tausendmal / zu Bethlehem geboren /und nicht in dir, / du bleibst noch / ewiglich verloren.

Weihnachten geht mich etwas an, wenn es in mir geschehen darf, dass Gott Wohnung findet.

Wir singen nachher wieder: „Welt ging verloren, Christ ist geboren…“
„Welt ging verloren“ beschreibt ein Leben, das (Auf-)Rechnung ist – was ich arbeite, was mir zusteht, wer mir was, gönnt, wer nicht. Wieviele Schulden ich habe und wie viel Guthaben. Die Rechnung, wer mehr hat – an Macht oder Geld, oder sogar an guten Tagen, geht bei Jesus nicht auf.
Wie Welt verloren geht – und diese Rechnung nicht aufgeht - , können wir täglich in der Tagesschau analysieren. Es geht um Macht – mit Geld, mit Waffen, in Dokumenten und Prozessen, in Intrigen und Beziehungen.
Dort, wo Gott geboren wird, wird die Verheißung greifbar, die schon Hesekiel zu alter Zeit von Gott bekommen hat:
Frieden ist gegenseitig. Versöhnung. Augenhöhe. Mit Mensch und Gott.
Frieden heißt in meinem Land, Haus, Familie ohne Gefahr leben zu dürfen.
Frieden heißt alle Generationen sind willkommen.
Frieden heißt, im Einklang mit Gott zu leben („in seinen Bestimmungen wandeln.“)

Dieser Friede ist das „ewig Licht“, das aus „allen Ritzen“ wieder herausdringt, wenn es erst einmal bei dir wohnt. Es leuchtet zu allen anderen Menschen hin.

Heute, hier an der Krippe beginnt diese Vision lebendig zu werden. Wenn wir, du und ich unser Ja geben. Ja, Tür auf, Komm herein,  – auch wenn ich nur den erbärmlichsten Stall habe oder gar kein Platz frei ist. Tür auf, Ja, komm herein, du Gott des Lebens. Du Heiland, der Welt.
Welt ging verloren, aber Christus ist geboren – in mir, in dir. Seine Reichweite soll kein Ende haben. Amen.