28.12.2025 - "Ich steh an deiner Krippen hier" - Liedpredigt (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)
Liedpredigt zu EG 37 „Ich steh an deiner Krippen hier“ von Paul Gerhardt
I Zuversicht: Warum 2026 großartig wird
Liebe Gemeinde,
gestern bekam ich einen Newsletter von der Wochenzeitung DIE ZEIT mit der Überschrift: Warum 2026 großartig wird!
Natürlich war meine Neugier geweckt, denn stehen nicht alle Zeichen genau anders herum?
Korrespondenten aus Kiew, dem Nahen Osten, Washington und aus anderen Orte, die für beklemmende Zukunftsperspektiven stehen, berichten von Aufbruchsstimmung, von Jugendlichen, die mit Mut in eine friedliche Zukunft investieren, von Bürgerinitiativen und verheißungsvoller wissenschaftliche Forschung.
Ich stelle mir vor, dass noch ein Statement hinzukommt, allerdings aus anderer Zeit:
„Warum 1654 großartig wird“ erklärt der Mittenwalder Pfarrer Paul Gerhard und zündet Krippenlicht gegen pessimistische Weltsicht an - in seinem Gedicht und Lied „Ich steh an deiner Krippen hier“. Die Nachwirkungen des 30jährigen Krieges, der ihn fast sein gesamtes Leben begleitet hat, sind noch nicht vorbei. Der Kaiser ruft gerade den Reichstag ein, um die diffusen politischen Verhältnisse zu klären. Die Zukunft ist sehr ungewiss. Das Land ist verbrannt, fast die gesamte Bauernschaft ausgerottet. Paul Gerhardt selbst blickt auf schlimme Zeiten zurück. Alles hat er durchgemacht, seine Lieben verloren. Die Pest in Wittenberg, seinem Studienort überlebt. Mit ansehen müssen, dass seine Geburtsstadt dem Erdboden gleich gemacht. Das steckt ihm alles in den Gliedern. Warum zuversichtlich sein?
Paul Gerhardt lebt eine große Gabe, die eine Ressource ist: Das Staunen. Die Weihnachtsgeschichte ist keine Story, die er Jahr für Jahr rezitiert, sondern die er erlebt. Sie hat Resonanz in seinem Leben. Und führt ihn in den Dialog.
Todesnächte kennt er. Er setzt dagegen: Sein Lächeln, weil er das Licht Gottes sieht. Beim Singen kann man das spüren: Worte wie Licht – mit i – regen zum Lächeln an. Licht, Leben, Freud und Wonne in Strophe 3.
Die Ausrufe des Staunens, machen es weit im Gesicht und damit im ganzen Körper: O… Die O-Ausrufe wiederholen sich: O Sonne, O dass mein Sinn ein Abgrund wär!
Der Grund seines Staunens:
„Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren, und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren.“ So spricht zu Jesus, dem Kind in der Krippe an.
Und verweist da auf eine positive Ur-Bindung. Ein großes JA zu seinem Leben, das von Gott kommt.
Ich denke an Psalm 139 „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, da ich gebildet wurde unten in der Erde.“
Das Staunen über das göttliche Kind regt an, das eigene Gewordensein zu bedanken und sich auf das Ja, das über meinem Leben steht, zu gründen.
Ist das Kind in der Krippe nicht auch ein Spiegelbild? Als nackter Mensch, bin auch ich, bedürftig und bloß, auf die Welt gekommen. Und doch getragen, von genau diesem JA Gottes, das mir mein Leben ermöglicht. Genau wie dieses Krippenkind bin ich ein Wunschkind Gottes.
„Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen.“ Ich sehe mich in diesem Kind, sehe, dass ich getragen und in den Armen gewiegt, gestillt werde – trotz Not und lebenswidriger Umstände.
Und dann sehe ich noch mehr: Ein Du, ein Gegenüber. Das Gott mir in seiner menschlichen Existenz wird:
Das Jesuskind ruft mir zu, dichtet Paul Gerhardt: „Ich bin dein Freund!“
Die Krippe ist ein großes Freundschaftsangebot.
Möchtest du es annehmen, mit diesem DU, das Licht und Lebenssonne ist, in deinem Leben unterwegs sein – in guten und schweren Tagen?
--- kurze Stille ---
Warum 1564 oder - für uns - 2026 großartig werden kann? Weil mir Christus, der Freund und das Lebenslicht, nicht von der Seite weichen wird. In Freud und Leid.
II In Beziehung sein – das Fatschenkind
Wissen Sie, was ein Fatschenkind ist? Ich wusste es nicht, bis ich in meiner Ausbildung zur Pfarrerin mit dieser klösterlich-bayrischen Tradition in Berührung kam. Ein Fatschenkind ist ein kostbar verziertes und in „Fatschen“/Wickelbänder gepacktes Baby - also ein Wickelkind. Seit dem Mittelalter, besonders aber im Barock, gab es im katholischen Bereich eine Bewegung der Verehrung solcher Krippenkinder.
Hintergrund war, dass jede neue Klosterschwester solche ein kunstvoll verziertes Jesuskind geschenkt bekam – häufig von den Angehörigen. Das wurde dann zu ihrem einzigen Besitz. Diese Seelenkinder oder „Trösterlein“ sollten ihr einerseits die unerfüllte Mutterschaft täglich vor Augen führen. Anderseits tröstete es, weil das Jesuskind ihnen ein Gegenüber, ein DU, in mancher Einsamkeit wurde.
Die Dozentin im Fach Seelsorge überraschte uns mit der Aufgabe, dass jede*r von uns ein eigenes Fatschenkind herstellen und darin hineinlegen sollte, was des persönlichen Trostes bedarf. Ehrlich gesagt fühlte ich mich, auch als mündige Ordensschwester, ein wenig veralbert. Ich kann doch nicht meine unerfüllten Sehnsüchte auf so eine verniedlichte Puppe projezieren. Und als hoffentlich bestmöglich emanzipierte Frau möchte ich mich nicht auf meine als Defizit verstandene Kinderlosigkeit festlegen lassen. Im Prozess des Gestaltens erlebte ich jedoch bei mir und den anderen, auch männlichen Kollegen, dass an dem Gedanken vom Fatschenkind etwas dran ist.
„Wann oft mein Herz im Leibe weint und keinen Trost kann finden“ schreibt Paul Gerhardt und hört den Trost vom Gegenüber. Es erlebt vermutlich jeder Mensch: Auf sein Leben zu schauen und zu spüren, da ist nicht alles gut: Ich konnte nicht alles verwirklichen, so wie ich es mir vorstellen würde. Es bleiben Leerstellen. Tiefe Traurigkeiten. Etwas, was ich einfach nicht ändern kann. Umstände, meine Taten, mein Gewordensein.
Im Gespräch mit dem Fatschenkind bekommt die Traurigkeit ein Gegenüber.
„Wann oft mein Herz im Leibe weint und keine Trost kann finden, rufst du mir zu: „Ich bin dein Freund, ein Tilger aller Sünden. Was trauerst du, o Bruder, o Schwester mein? Du sollst ja guter Dinge sein!“ Paul Gerhardt nimmt jetzt das Versöhnungsgeschehen von Karfreitag vorweg und sieht im Krippenkind den ganzen Christus. Ihn, der von Schuld befreit. Last wegnimmt. „Du sollst guter Dinge sein!“
Welche Last, welche Untröstlichkeit würde ich dem Jesuskind heute mit in die Krippe legen?
Da bringe ich ein wenig von meiner Armseligkeit. Es können Erfahrungen sein, wo ich mich beschämt fühle, meiner Würde beraubt, oder einfach hilflos, trostlos.
Das lege ich dem hin, der selbst hilflos, arm, nackt in dieser Krippe liegt.
Ein Paradox!
Gott, von Herrlichkeit umwoben, zu dem „Gold, Samt, Seide und Purpur“ gehören würden, ist hier zum anfassen nah und ins Alltagsgrau des Menschlichen gehüllt.
Dagegen stemmt sich der Liederdichter: „Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu, ich will mir Blumen holen!“ dichtet er.
Um dann doch zu verstehen: „Du fragest nicht nach Lust der Welt, noch nach des Leibes Freuden, du hast dich bei uns eingestellt, an unsrer Statt zu leiden.“
Paul Gerhardt hat zu dem Moment vielleicht schon zu hoffen gewagt, dass er als alter Ü40-Jähriger Single noch heiraten wird. Aber ob er den denn Schmerz hat erahnen können, den ihm der Tod von 4 von 5 Kindern bereiten wird?
Er sieht Jesus, Gott im Menschenkind, an seiner Seite. In allem Leid, dem vergangenen und dem kommenden. Und über das irdische Leid hinaus.
Dieses armselige Kind in der Krippe ist ihm „Herrlichkeit“. Es ist Licht und Leben.
Das gesamte Lied ist ein Zeugnis der inneren Zwiesprache, einer besonderen Frömmigkeit, die man auch Mystik nennen kann. Mystiker haben die Gabe zu schauen, wie das Göttliche sich in ihrer Seele inkarniert und in Bildern, Worten und Gefühlen zeigt. Gegenständliches und menschliche Sprache sind dann nur eine Metapher für Größeres, unfassbares Geheimnis, das den Verstand des Menschen sprengt.
Eine mystische Vorstellung ist die der Gottesgeburt im Menschen. Gott kann in mir wohnen. Und der Gedanke vom Lied, dass ich als Mensch Krippe für das Jesuskind sein kann, ist nicht neu. Schon Martin Luther verarbeitet diesen Gedanken im Lied „Vom Himmel hoch“: „Ach mein herzliebes Jesulein, mach dir ein rein sanft Bettelein, zu ruhen in meines Herzen Schrein, dass ich nimmer vergesse dein.“
Doch wenn ich die Botschaft recht verstehe, geht es noch radikaler: Es muss kein liebliches Bettelein sein, in dem das Kind geboren wird. Es darf deine kaltes, lauwarmes oder auch glühendes Herz sein. So wie du bist. Denn die armselige Krippe ist der auserwählte Platz für den menschgewordenen Gott. Die Herzenswärme kommt von Gott. Und mit ihm das Licht in das Dunkel von Herzen und Welt. Mit ihm legt sich ein „lieber Stern“ in unser Herz.
Dieses Lied bleibt ganz in der Situation der Anbetung, der Ich-Du-Beziehung. Man fragt sich, wie der Liederdichter die Welt sieht und sein Sein darin. Das scheint wie ausgeblendet zu sein.
Wie ausgeblendet schien der Alltag möglicherweise auch für die Menschen, die das besondere Kind im Stall fanden und anbeteten. Die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland, auch für Maria und Josef.
Ihr Leben ging dann weiter. Aus dem Lukasevangelium erfahren wir: Die Hirten erzählen, was sie gesehen haben. Maria bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen. Was tun wir?
Im Kind der Krippe soll das Licht Gottes auch uns erscheinen. Paulus spricht von einem hellen Schein, den Gott in unser Herz legt.
Ob wir erzählen oder bewahren, ob jemand begeistert-motiviert ist oder einfach das Herz auf dem rechten Fleck hat, das Gespräch an der Krippe zündet Licht an. In dir und durch dich.
Amen.