31.12.2025 - "Mit festem Herz ins neue Jahr" Predigt am Altjahresabend zu Hebräer 13, 8-9b (Pfarrer Stefan Fischer)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.

 

Wir hören das Predigtwort aus dem Hebräerbrief im 13. Kapitel:

Jesus Christus gestern und heute und derselbst auch in Ewigkeit.

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

 

Liebe Gemeinde,
“Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?“

Dieser markige Vers im Lutherdeutsch aus dem Propheten Jeremia trifft die Gemütsverfassung vieler Menschen an der Schwelle von einem alten zu einem neuen Jahr.

Trotzig und verzagt ist das Herz.

Die vielen Rückblicke machen den einen verzagt, weil er sich fragt: Was kann das neue Jahr schon Gutes bringen?

Nach all dem Schlimmen im zu Ende gehenden Jahr:

Die nicht enden wollenden Terrorwellen, die Hungerbilder, die Bilder von den Bootsflüchtlingen, vom Krieg in der Ukraine, vom Hunger im Sudan, die Klimabilder …;

Hinzu kommen all die Erlebnisse, die jeder persönlich hatte: mit der Gesundheit, mit seinem Beruf, mit seinem privaten Glück, mit Ehepartner, Kindern, mit allem Glück und Unglück.

Da wird dem einen das Herz verzagt: Ach, wie soll das nur werden im neuen Jahr? und dem anderen wird das Herz trotzig: Ach, viel schlimmer kann's im neuen Jahr nicht werden, also die Ärmel hochgekrempelt!

Wem wollen wir folgen: dem Optimisten oder dem Pessimisten? Dem trotzigen oder verzagten Herz?

Welchen Zusagen und Prognosen wollen wir folgen, den positiven oder skeptischen?

Woran können wir uns im Blick auf das neue Jahr 2026 halten?

Das ist die Frage, die sich uns stellt bis tief in unser Zentrum als Person hinein, bis tief ins Herz hinein, das ein trotzig und verzagt Ding ist.

Da ist es ist gut, dass uns für diesen Silvesterabend ein Wort gegeben ist, das unser Herz anspricht:

Jesus Christus gestern und heute und der derselbe auch in Ewigkeit. Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

In drei Schritten möchte ich mit Euch dieses Wort bedenken.

 

Erstens etwas Grundsätzliches: Wir können heute keine sicheren Prognosen für die Zukunft erwarten!

Die Versuchung ist ja groß, dem Bedrohlichen, den Ängsten, dem Pessimismus, den wir alle irgendwie kennen, irgendetwas Positives entgegenzusetzen.

Doch das geht nicht.

Wir können die Zukunft weder voraussehen noch einfach schönreden.

Niemand von uns verfügt über die Zukunft.

Die Zukunft bleibt uns verschlossen trotz aller noch so intelligenten und „hochwahrscheinlichen“ Zukunftsprognosen, die in diesen Tagen angestellt werden.

Auch unser Bibelwort aus dem Hebräerbrief lüftet den Vorhang der Zukunft ja nicht; auch dieses Wort zum Jahreswechsel lässt der Zukunft ihr Geheimnis.
Wovon aber redet das Bibelwort?

Es redet von dem, was in aller Flüchtigkeit und Vergänglichkeit bleibt, was war, ist und sein wird: Jesus Christus!

In allem Vergehen gibt es den Einen, der bleibt, so sagt das Bibelwort.

Noch genauer muss man sagen: In allem Wandel, trotz allem, was im Fluss der Zeit sich wandelt, gibt es eine Macht, die immer gleichbleibt, sich selbst treu bleibt

Und diese Macht heißt Jesus Christus!

Jeder von uns hat das sicher schon einmal erlebt: Du kommst irgendwo hin, bist neu, fühlst die unsicher oder hast sogar riesengroßen Bammel.

Da siehst du einen alten Bekannten, erkennst ihn wieder und schon ist die Unsicherheit vorbei oder zumindest nicht mehr so groß.

Das ist eine bekannte Alltagserfahrung.

Das lässt sich auch auf Jesus Christus übertragen:

Er geht mit uns in das neue unbekannte Jahr.

Er bleibt gleich, ist derselbe auch morgen, ich werde ihn also auch im neuen Jahr an meiner Seite wiedererkennen, und aufatmen: „Ach, wie gut, du bist auch da, das hilft, mich im Neuen zurechtzufinden.“

Jesus Christus ist sozusagen unser treuester Freund und Wegbegleiter, auch im neuen Jahr.

Vieles bleibt zwar dunkel, was im neuen Jahr kommt.

Aber Jesus Christus, wird als das Licht der Welt in dieses Dunkel leuchten.

 

Zweitens: Der Spruch: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“, hat etwas Formelhaftes an sich.

Einerseits haben solche Formeln etwas Gutes an sich:

Formeln kann man sich gut merken.

Solche Formeln erleichtern auch unser Zusammenleben.

Wenn ich z.B. jemanden treffe, brauche ich nicht lange zu überlegen; ich benutze einfach die Formel für Begrüßung, Sage „Grüß Gott“, der andere dankt zurück und der erste Kontakt ist hergestellt.

Doch bergen solche Formeln aber auch eine Gefahr: Man kann sich hinter ihnen verstecken:

Wer erwartet denn schon ernsthaft ein tiefes intensives Gespräch, wenn der den Anderen fragt: „Hallo, wie geht's?“

In den allermeisten Fällen wird er antworten: „Danke, es geht so.“ Oder: „Na, es muss halt gehen.“ Oder: „Danke, gut.“

Das Gespräch bleibt an der Oberfläche, und das ist ja auch verständlich, denn ich erzähl ja nicht jedem von meinen Problemen und Sorgen.

 

Mit unserem Predigtwort verhält es sich ähnlich:
Jesus Christus gestern und heute und der derselbe auch in Ewigkeit.

Das lässt sich gut merken und wie eine Parole skandieren.

Es ist dabei sogar etwas Fundamentales über den Glauben ausgesagt.

 

Und doch: Die Gefahr ist groß, dass ich dieses Wort bloß noch sage, ohne groß darüber nachzudenken, was ich denn da überhaupt sage.

Denn dann kann diese Glaubensformel „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“ auch missverstanden werden, z.B. in der Hinsicht, als ob dadurch alle bestehenden Verhältnisse gerechtfertigt würden: Wenn Jesus immer der gleiche bleibt, bräuchte ja auch ich mich, oder die Kirche sich nicht mehr zu ändern.

Lasst uns deshalb genauer fragen, und immer mitbedenken: Wer ist dieser Christus eigentlich, der gleich und treu bleibt und uns ins neue Jahr begleitet?
Hier ist es wichtig, auch einmal selbst das Neue Testament aufzuschlagen und nachzulesen.

Das weiß ich von Jesus Christus:

- Er war für die Menschen da in Wort und Tat, mit seinem tröstenden Wort und mit seiner helfenden Liebe. Darin bleibt er sich und uns auch im neuen Jahr treu.
- Jesus diente den Menschen vor allem dadurch, dass er sie ins Vertrauen rief, in den Glauben: Er rief sie heraus aus ihren Sorgen, vermeintlich wichtigen Beschäftigungen, aus inneren Bindungen und äußeren Zwängen und rief sie hinein in die Beziehung zu ihm.

Eine Beziehung, die die Menschen befreite.

Die Beziehung zu Jesus Christus befreit von den zerstörerischen Mächten.

Auch darin bleibt Jesus Christus derselbe, sich und uns treu im neuen Jahr: dass er uns immer wieder herausruft aus falschen Bindungen, uns freimacht für Gott, für den Glauben, sodass wir trotz Ängsten voll Vertrauen in die unbekannte Zukunft gehen können.

Und er wird es auch in aller Zukunft bleiben.

Deshalb kann sich, ja wird sich durchaus im Neuen Jahr etwas in meinem Leben verändern.

Vielleicht will ich es auch gar nicht, oder erwarte es ganz anders.

Doch ich brauche deshalb keine Angst zu haben, weil Jesus Christus ja mit mir ist, weil er alle Veränderungen mitgeht und mitträgt.

In seiner Nähe kann unser Herz, „dieses trotzig und verzagt Ding“, gelassener leben.

 

Drittens: Unser Herz ist ein „trotzig und verzagt Ding“.

Aber es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

Auch die Wendung „festes Herz“, ist eine Art Formel und kann deshalb auch missverstanden werden.

Wie ist es also hier zu verstehen?

Das „feste Herz“ darf nicht mit Sturheit verwechselt werden.

Wer stur ist, sieht nicht nach links oder rechts.

Oft ist Sturheit ein Zeichen für verborgene tiefe Ängste.

Jede Veränderung wird prinzipiell als Bedrohung verstanden und abgelehnt.

Im Gegensatz dazu ist ein „festes Herz“ ein Herz voller Vertrauen, fest gegründet im Glauben an Gott.

Herz ist auch ein Bild für die Mitte unseres Lebens.

„Woran du dein Herz hängst“, hat Luther gesagt „da ist dein Gott.“

Damit meinte er natürlich nicht nur einen Teil, sondern unser ganzes Leben.

Natürlich wird unser Herz, unser Leben, immer wieder durch persönliche Krisen, durch das Böse, durch das Leiden angefochten.

Und sie machen dem Herzen auch Angst.

Aber diese Ängste sind nicht mehr so allmächtig!

Denn Christus ist ja dabei.

Wenn Christus – bildlich gesprochen – im Herzen wohnt, dann ist der Kern fest.

Dann kann das Herz nicht weich werden.

Wenn wir Christus im Herzen tragen, dann bekommen wir in all den Stürmen unseres Lebens sicheren Stand.

Und wir brauchen nicht ständig nach den berühmten Strohhalmen zu suchen, die wir greifen können.

 

Das „feste Herz“, so können wir in unserem Predigtwort hören, ist nicht unser Eigentum!

Vielmehr ist es Gottes Geschenk an uns – seine Gnade.

Die Verheißung lautet also: Wir dürfen in einem lebenslangen Prozess immer wieder die Gnade Gottes erfahren.

Wir dürfen spüren, dass unser Herz, dies trotzig und verzagt Ding, fest werden kann, weil Jesus Christus als derselbe treue Bruder und Herr uns beisteht in allem Wandel, in aller Veränderung, in allen Ängsten, in allem Auf und Ab unseres Lebens.

Wann immer das passiert, dass unser Herz fest wird, empfangen wir das als ein reines Geschenk von Gott und nicht als Ergebnis unserer religiösen Kraftanstrengung, nicht als unser eigenes Werk – allein durch die Gnade unseres Gottes.

Gehen wir also getrost und hoffnungsvoll, vor allem ohne Angst ins Neue Jahr.

Lassen wir es uns immer wieder neu gesagt sein:

Jesus Christus gestern und heute und der derselbe auch in Ewigkeit.

Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.