15.03.2026 - "Trost- und Rastplatz bei Gott" - Predigt am Sonntag Lätare zu Jes 66,10-14 (Prädikantin Stephanie Gerstner)

Predigt Jesaja 66, 10-14
am 15.03.2026
von Prädikantin Stephanie Gerstner

Gnade sei mit euch, von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde, Trost ist etwas anderes als Heilung. Trost bringt keinen Zaubertrank, der alles ungeschehen macht, sondern Taschentücher, eine Tasse Tee und vor allem Zeit. Wir Menschen brauchen Trost, jede und jeder von uns, mal mehr mal weniger. Mal bin ich dran mit Trösten, mal kommt jemand zu mir, um mich zu trösten. Himmlischen Trost hat Gott uns versprochen. Das können wir nachlesen am Ende der biblischen Schriftrolle des Propheten Jesaja. Hier schreibt einer, der wusste, wie trostbedürftig wir Menschen sind.

Hört Worte der Ermutigung und des Trostes aus dem letzten Kapitel im Buch des Propheten Jesaja:

 10Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

 

Das Kind schreit, zappelt, ist unruhig. Hochrot und nass vor lauter Tränen die Wangen, der zahnlose Mund weit aufgerissen. Die Beinchen haben die Decke weggestrampelt, halb hängt sie aus dem Kinderwagen. Der Papa ist ratlos. Alles hat er versucht: Den Kinderwagen hin- und hergeschoben, Faxen gemacht, die Kleine auf den Arm genommen, beruhigende Worte geflüstert, das Lieblingsschnuffeltuch zum Kneten und In-den-Mund-Nehmen gegeben, sogar gesungen hat er – obwohl er das so gar nicht kann und in der Öffentlichkeit schon gleich gar nicht!

Manches hat kurz geholfen und das Weinen und Schreien hat aufgehört – aber eben nur kurz, um dann in unverminderter Lautstärke weiterzugehen. Die anderen Gäste an den Nachbar tischen im Café schauen schon ganz genervt. Das anfängliche Entzücken über das kleine Baby hat sich mit jeder Minute Geschrei mehr und mehr verflüchtigt.

 Aber dann atmet der junge Papa auf: »Gott sei Dank, da bist du ja!«, ruft er erleichtert einer jungen Frau entgegen. Sie tauschen einen kurzen, aber zärtlichen Kuss. »Entschuldige, es hat etwas länger gedauert. Was ist mit der Kleinen?«, fragt sie. Darauf er: »Keine Ahnung. Ich habe wirklich alles versucht.« »Dann bleibt eigentlich nur eines«, sagt sie und lächelt, nimmt den kleinen Schreihals aus dem Kinderwagen, setzt sich in eine ruhige Ecke und gibt der Kleinen die Brust. Sofort hört das Geschrei auf und weicht einem beglückten und eifrigen Glucksen. Zärtlich streichelt die Mutter ihrem Baby über den Kopf: »Alles ist gut, kleiner Schatz. Trink dich nur satt. Alles ist gut.

Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Es ist eine Ur-Erfahrung, die wir fast alle gemacht haben, als wir Babys gewesen sind: An der Brust unserer Mutter zu liegen und gestillt werden. Es ist zum einen überlebensnot wendig. Wir brauchen die Muttermilch, um groß zu werden, die ersten Monate unseres Lebens zu überstehen. Zum anderen ist das Stillen aber auch Zeichen größter Intimität und ganz oft auch von großer Zärtlichkeit. Eine engere Bindung kann es fast nicht geben als die zwischen einer stillenden Mutter und ihrem Kind. Das Gottesvolk braucht beides, sagt Jesaja: Denn wie ein Kind muss es wieder ganz von vorn anfangen nach den langen Jahren der Ent wurzelung, dem Babylonischen Exil. Fern der Heimat waren die Menschen unterwegs, zwangsweise von den Siegern weggeführt aus einem kriegszerstörten Land. Jetzt durften sie wieder zurückkehren und müssen neu anfangen. Das braucht zum einen Kraft, zum anderen braucht es Trost für alles, was in der Vergangenheit passiert ist. Da wurden viele Tränen vergossen über den Verlust von lieben Menschen, von Hab und Gut. Da wurde geschrien in hilfloser Trauer, geschluchzt über die verlorene Heimat.

Es ist ihre ganz persönliche Passionsgeschichte gewesen – und sie wiederholt sich bis heute bei allen Menschen, die Kriegserfahrungen erleben müssen. Ganz gleich wo auf der Welt

 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Gott zeigt seine mütterliche Seite: Genau das ist es, was die Menschen jetzt brauchen. Keinen Gott der himmlischen Heerscharen, der mit starker Hand zeigt, wo es langgeht. Keinen Gott des Krieges mehr, der für sie streitet. Keinen alten Mann mit weißem Bart, wie er viel zu oft dargestellt ist auf Bildern an Kirchen decken und in unseren Köpfen. Nein, manchmal braucht es die Mut ter, die Mama, die zärtlich auf den Arm nimmt oder tröstend umarmt. Auch ich brauche diese zärtliche Berührung, die mir wortlos sagt, dass alles gut werden wird – allen Realitäten zum Trotz.

Auch wenn kein Stein auf dem anderen geblieben ist in meiner Seele, diesen Worten kann ich glauben und vertrauen: Von Anfang an haben wir sie gehört, wenn unsere eigene Mutter sie zärtlich gesagt hat. Jetzt sagt sie uns Gott zu durch die Stimme des Propheten Jesaja. Er sagt sie seinem Volk und damit auch uns zu: Wir können aufatmen, uns bergen in seiner tröstlichen Umarmung, die Worte in uns auf saugen und den Trost auskosten, bis wir satt sind

Das Kind ist eingeschlafen. Satt und zufrieden liegt es im Kinderwagen. Die Wangen immer noch rot, diesmal aber vor Müdigkeit. Beide, Mama und Papa, sitzen daneben und schauen es liebevoll an. »Wenn sie so da liegt, unsere Kleine, dann schaut sie fast aus wie ein Engel«, meint ihr Papa versonnen. »Ja, aber das bleibt nicht so«, lächelt seine Frau. »Wenn sie erst wieder wach ist, dann wird sie wieder umtriebig werden, unsere kleine Entdeckerin!« Wer sich satt getrunken hat, Geborgenheit und Liebe aufgetankt hat, der kann die Dinge wieder anpacken. Er kann neu anfangen, auch nach großer Erschöpfung, auch nach großem Leid. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Neu anfangen, so wie dürres Land durch die Kraft des Wassers aufblüht oder die Knospen aufspringen nach dem Winter. So wie das Weizenkorn, das in die Erde fällt…

Diese Verheißung gilt auch uns, gilt dir und mir. Sie gibt Hoffnung, auch wenn nicht alles gut ist. Und ist doch ein Rastplatz für die Seele mitten in der Zeit des Leids. So wie jeder Sonntag ein Trost- und Rastplatz für die Seele ist, gerade auch in der Zeit der Passion, der Leidenszeit Jesu, die alles Leid der Welt miteinschließt. Wir dürfen uns bergen in einer tröstlichen Hoffnung, in einer verhaltenen Freude, die in ihrer ganzen Fülle noch auf uns wartet, auf die wir zugehen mit jedem Osterfest. Freilich, bis dahin wird noch oft geweint werden und noch oft muss dieser mütterliche Gott kommen und uns mit Trost satt machen, damit wir die Kraft haben, neu anzufangen, aufzublühen, weiterzugehen.

 Und uns mitten in der Passionszeit zu freuen. Lätare

Amen.