29.03.2026 - "Aufsehen zu Jesus" - Predigt am Palmsonntag zu Hebräer 12,1-3 (Pfarrer Stefan Fischer)
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Das Predigtwort für den heutigen Palmsonntag steht im Hebräerbrief im 12. Kapitel.
Ich lese daraus die Verse 1-3:
Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt,
und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,
und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.
Liebe Gemeinde,
Beschwernisse, Ungeduld, Kampf, Mattheit und Mutlosigkeit.
Nur wenige Worte beschreiben die Situation der damaligen Gemeinde des Hebräerbriefs.
Die Christen damals waren müde geworden; sie hatten Anfechtungen durchstehen müssen und gingen durch mancherlei Verfolgungen.
Nun stehen sie vor der Frage: Können wir sicher sein, dass Gott die Welt regiert?
Beschwernisse, Ungeduld, Kampf, Mattheit und Mutlosigkeit.
Kommt uns das nicht auch bekannt vor?
Der uns unbekannte Verfasser des Hebräerbriefs geht darauf ein - sehr umsichtig und sensibel.
Sein Stichwort heißt „Ermutigung“:
Ermutigung der ganzen Gemeinde, aber besonders auch jedes Einzelnen von ihnen.
Ermutigung in schwierigen und schlimmen Zeiten.
Der Hebräerbrief lenkt unsere Aufmerksamkeit zunächst auf die „Wolke der Zeugen“ - auf den ersten Blick ein schwer verständliches Bild.
Wer und was damit gemeint ist, wird schon im Kapitel unmittelbar vorher ausgeführt; im 11. Kapitel werden sie alle aufgezählt: Abraham und Jakob, Josef und natürlich Mose vor allem, sogar die Dirne Rahab, dazu David, Samuel, die Propheten und schließlich eine ganze Reihe von namentlich unbekannten Zeuginnen und Zeugen des Glaubens an Gott.
Es ist schon bezeichnend, welch großes Panorama von Personen und Begebenheiten da ausgebreitet wird.
Und jede dieser Erwähnungen wird eingeleitet mit den Worten: „Durch den Glauben“ geschah dieses oder jenes; durch den Glauben dieser Menschen an Gott an den wahren Gott.
Wie mag diese Aufzählung auf die Gemeinde damals gewirkt haben?
Hat es sie wirklich ermutigt oder ist angesichts dieser Wolke die Schwermut vielleicht noch schwerer geworden?
Und wir heute? Sind unsere Probleme vergleichbar?
Wir kennen das von der älteren Generation, wenn sie dazu neigt zu sagen:
Früher war alles anders und vor allem besser.
Unser Verstand, weiß, dass die früheren Zeiten nicht besser waren, sondern halt nur anders; doch unser Gefühl überzieht die Vergangenheit mit einem nostalgischen rosarotem Schleier.
Und umso grauer werden dann im Vergleich die Tage im Hier und Jetzt.
Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen – ja!
Die Segnungen der Vergangenheit erinnern – ja!
Aber nicht unsere Gegenwart an den verklärten Eindrücken von einst messen.
Sonst verstärken wir nur unsere Unsicherheit und Ängstlichkeit und resignieren am Ende.
Das aber will der Autor des Hebräerbriefs auf gar keinen Fall.
Sein Ziel ist es, den Blick zu erheben, die Perspektive zu ändern und den Horizont zu weiten.
Die Wolke der Zeugen zeigt Menschen, denen Gott Mut gemacht hat, und die andern Mut machen können.
Sie vertrauen auf Gottes Führung.
Gott war immer treu, und er bleibt es auch.
Daran sollen wir uns erinnern und darauf schauen, dass er hat für uns einen Plan hat.
Wie oft ist es doch der Fall, dass wir nicht weiterwissen, dass wir am Ende sind mit all unserem Latein?
Wie hilfreich kann es dann sein, wenn jemand uns auffordert: Denke doch an manche brenzligen Situationen zurück!
War es nicht so, dass dir da stets neue Kraft zugewachsen ist, so dass es weitergehen konnte?
Mache deine Augen weit auf und nimm die Chancen wahr, die es gibt!
Solche Hinweise können aus der Enge führen, können entkrampfen, können Mut machen für den nächsten Schritt.
Der Blick auf Gott, die Sehnsucht nach ihm und nach seiner Begleitung, befreit und gibt Sicherheit.
Die Erinnerung an Abraham und Mose, an Paulus und Luther, an Albert Schweitzer und Mutter Theresa und auch an so manche Station unseres eigenen Lebens lässt es uns doch wie Schuppen von den Augen fallen:
Gott ist da, immer und überall.
Diese Erinnerung zeigt uns auch, dass er uns auf einen Weg gestellt hat, auf dem er uns längst begleitet.
Und wenn wir gar auf die lange Wegstrecke zurückschauen, die schon die Geschlechter vor uns zurückgelegt haben, dann kann uns klar werden, dass auch wir in unserem Lauf nicht allein sind.
Das gilt für uns persönlich, das gilt für den Lauf der Welt und nicht zuletzt für den weiteren Weg unserer Kirche.
Sicher, da gibt es überall so mancherlei Fragen und Anfragen - wie übrigens schon immer.
Wer aber um die Treue Gottes weiß, der wird jeden schmallippigen Pessimismus und ebenso jeden rosaroten Optimismus hinter sich lassen.
Für ihn gilt - auch gegen manchen Augenschein: Gott bleibt sich und deshalb auch uns treu.
Erinnere dich an die Wolken der Zeugen; schau auf dein eigenes Glaubensleben, denke an Gott.
Das Erinnern an Gottes Treue und an seine Wohltaten setzt neue Kräfte frei:
Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.
Besonders diejenigen von uns, die selber gerne gehen und laufen, wissen darum: Bewegung tut gut, macht den Kopf frei und bringt die Seele in Schwung.
Das Laufen im Glauben ist kein Extremsport.
Eher ein besonnenes, aber auch zugleich konsequentes und hoffnungsvolles Voranschreiten.
Mit Geduld - ein Begriff, der heutzutage und vielerorts nicht gerade hoch in Kurs steht!
Geduldig will und darf kaum jemand sein.
Was zählt, ist Beschleunigung.
Und nicht ohne Grund antworten wir schnoddrig auf manche Terminanfrage: am besten schon gestern!
Wir können nur schwer darauf warten, bis sich etwas entwickelt:
Das Abitur am besten schon mit 17, den Osterhasen bereits Ende Januar und den frischen Spargel seit Wochen.
Beschleunigung ist geradezu zu einem Markenzeichen unserer Tage geworden.
Doch die Frage sei erlaubt:
Was bleibt dabei nicht alles auf der Strecke?
Hat nicht auch die geduldige Erwartung ihren tiefen Sinn?
Ist nicht bei mancherlei Anlass die Geduld nach wie vor eine große Tugend?
Deshalb wehe denen, die dabei in Ungeduld fallen: bei der Begleitung von heranwachsenden Kindern, beim Umgang mit hinfällig gewordenen Alten, beim langsamen Reifen einer Liebe, bei der langwierigen Genesung und ebenso beim Wachsen des Glaubens.
Geduld bringt Qualität hervor; wer geduldig ist, der nimmt sich Zeit, die Probleme und Lösungen richtig abzuwägen.
Schon im Alten Testament heißt es: Ein Geduldiger ist besser als ein Hochmütiger (Prediger Salomo 7,8) oder auch: Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein (Klagelieder 3,26).
Ja, Gott selbst wird mit Geduld in Verbindung gebracht.
Wie könnte er es auch anders mit seinen Geschöpfen aushalten?
Wir lesen dazu: Der Herr ist geduldig und von großer Kraft (Nahum 1,3) oder: Er ist geduldig und von großer Barmherzigkeit (4. Mose 14,18).
Deshalb auch der Appell an uns, seine Gemeinde: Lasst uns laufen mit Geduld!
Gott hat jedem von uns genau das Maß an Zeit gegeben, das wir brauchen.
Und noch eines ist wichtig im Lebens-Lauf von uns Christen, nämlich das Wissen um seine Richtung.
Einfach drauflos laufen sollen wir nicht.
Das führt in die Irre und frustriert.
Die Richtung muss schon stimmen, wenn wir uns auf den Weg machen.
Aber wissen wir, wohin unser Weg läuft?
Von wem aber lassen wir uns Richtung und Ziel vorgeben?
Wer oder was bestimmt unser Ziel?
Zu wem wollen wir aufsehen?
Es sind heute so wahnsinnig viele unterwegs, die dabei „hierhin“ oder „dahin“ rufen und gerade ihren Weg als Königsweg preisen – auch innerhalb der Kirche:
Traditionell oder innovativ?
Geistlich oder geistig?
Visionär oder ökonomisch?
Realistisch oder optimistisch?
Die Qual der Wahl ist groß.
Sinnangebote gibt es zuhauf, so dass der Zielkonflikt längst vorprogrammiert ist.
Und auch die Frustration unter Haupt- und Ehrenamtlichen.
In unserem Bibelwort heißt es programmatisch und fast eher schlicht und bescheiden: Lasst uns ... aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.
Das ist alles andere als Erfüllung jetzt oder Vollendung pur - und doch ist dies der Königsweg!
Und doch ist dieses Aufsehen Bedingung - auf lateinisch heißt „Bedingung“ „Kondition“ - für das Bestehen unseres Laufes.
Der Schreiber des Briefes gaukelt seiner Gemeinde nicht das Paradies auf Erden vor.
Für ihn ist klar: Die Wartezeit ist nicht beendet.
„Jerusalem, die hochgebaute Stadt“ liegt nicht vor den Füßen und ist auch nicht mit Händen zu greifen.
Das himmlische Jerusalem bleibt Verheißung.
Aber Jesus ist unsere Kondition dorthin unterwegs zu sein.
Unser Blick wird auf diesen Jesus gelenkt, der mit Palmzweigen in die Hauptstadt einzieht und wie ein König gefeiert wird.
Aber nicht nur darauf, sondern auch und vor allem auch auf das Wesentliche an diesem Jesus von Nazareth, denn wir als den Christus verehren.
Die vor uns liegende Karwoche erinnert uns daran: vom Palmenstreuen geht es weiter über den abgrundtiefen Zweifel im Garten Gethsemane bis zu der erbarmungswürdigen Szenerie auf Golgatha.
Doch das alles hat auf Jesu Weg nicht das letzte Wort.
Denn das letzte Wort ist - Gott sei Dank! - die Freude an Ostern, ist die endgültige Bestätigung seiner Botschaft.
Deshalb bleibt unsere Hoffnung auf ihn nicht leer.
Sie richtet sich mit gutem Grund an alle Welt und gibt auch uns die Richtung unseres Laufes vor.
Gott wird uns genug Kondition schenken, den unseren Lebens- und Glaubenslauf zu bestehen und zu vollenden.
Daran lasst uns festhalten, darauf lasst uns hoffen:
damit wir nicht matt werden und den Mut nicht sinken lassen.
Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.
Amen.
Der Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.