02.04.2026 - "Mahlzeiten - Zwischenzeiten" - Predigt am Gründonnerstag zu 2.Mose 12 (Pfarrer Stefan Fischer)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde,
wir sind heute hierhergekommen, um zusammen alles das vor Gott zu bringen, was uns belastet und gemeinsam Abendmahl zu feiern.
Wir werden uns um den Tisch des Herrn versammeln und miteinander essen und trinken.
Miteinander essen und trinken ist wichtig - aus verschiedensten Gründen:
Oft sind die Mahlzeiten die einzigen Zeiten am Tag, an denen sich die Familie gemeinsam um einen Tisch versammeln kann, miteinander redet und hört, was der andere erlebt hat.
Auch über den engsten Kreis unserer Familien hinaus haben gemeinsame Mahlzeiten besondere Bedeutung:
Normalerweise lädt man ja nicht x-beliebige Menschen zum Essen und Trinken ein.
Meist sind unsere Gäste unsere Freunde und Bekannten, die wir bewirten.
Beim guten Essen kommen wir ins Gespräch, erinnern uns an vergangene Zeiten, tauschen Neuigkeiten aus, planen gemeinsame Unternehmungen oder genießen einfach ein paar schöne und unbeschwerte Stunden.
Gemeinsame Mahlzeiten sind wichtig, weil sie Zwischenzeiten sind.
Eine Mahlzeit ist eine Zeit zwischen der Zeit des Kommens und der Zeit des Gehens.
Wir kommen zur Mahlzeit mit dem, was wir erlebt haben, mit dem was uns beschäftigt.
Gemeinsames Essen und Trinken schaffen eine entspannte Atmosphäre, in der Wichtiges gelassener besprochen werden kann als sonst.
Ereignisse, die geschehen sind oder noch geschehen werden, können hier "verdaut" werden.
So ist es kein Zufall, dass oft bei Mahlzeiten Worte gesagt werden, die große Bedeutung haben für die Gegenwart und die Zukunft.
Brechen wir schließlich wieder von der Mahlzeit auf, können wir diesen Aufbruch auch relativ gelassen wagen, denn Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.
Gestärkt können wir an das Bevorstehende herangehen, sind belastbarer, ausgeglichener und zuversichtlicher.
Mahlzeiten sind Zwischenzeiten, Zeiten der Stärkung, der Verarbeitung, der Zurüstung, Zeiten zwischen dem was war und dem was kommen wird.
Von einer besonderen Mahlzeit und handelt auch das heutige Schriftwort aus dem 12. Kapitel des zweiten Buches Mose.
Es ist die Geschichte vom Passamahl, das das Volk Israel zu sich nahm, bevor es aus der ägyptischen Gefangenschaft in die Freiheit zog:
Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron im Land Ägypten:
Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tag dieses Monats nehme ein jeder ein Lamm für ein Vaterhaus, je ein Lamm für ein Haus.
Wenn aber in einem Haus für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Haus am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.
Und ihr sollt es bis zum vierzehnten Tag dieses Monats aufbewahren. Dann soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel zwischen den zwei Abenden schlachten.
Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen.
So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinweg eilen; es ist des HERRN Passa.
Denn ich will in derselben Nacht durch das Land Ägypten gehen und alle Erstgeburt im Land Ägypten erschlagen vom Menschen bis zum Vieh.
Auch an allen Göttern Ägyptens werde ich ein Strafgericht vollstrecken, ich, der HERR.
Dann aber soll das Blut für euch zum Zeichen an den Häusern werden, in denen ihr seid. Und wenn ich das Blut sehe, dann werde ich an euch vorübergehen und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich das Land Ägypten schlage.
Und dieser Tag soll euch eine Erinnerung sein und ihr sollt ihn feiern als Fest für den HERRN.
Als ewige Ordnung sollt ihr ihn feiern, ihr und all eure Nachkommen.
Liebe Gemeinde,
sie werden das Lamm mit gemischten Gefühlen gegessen haben, die Israeliten.
Natürlich zunächst einmal mit Erleichterung und Zuversicht.
Denn schon bald wird die Zeit der Knechtschaft in Ägypten zu Ende sein.
Eigentlich ein freudiger Anlass, den man mit einem Festmahl, zusammen mit der Familie und mit Nachbarn, begehen soll.
Dennoch: Zum Aufbruch bereit sollen sie sein, die Reisekleidung am Leib, die Schuhe an den Füßen und den Wanderstab in der Hand.
Eigentlich alles andere als eine zwanglose Atmosphäre.
Und nicht zu vergessen: Draußen vor den Häusern ist die Lage todernst.
Während die einen essen, hält Gott über die Feinde Gericht, erschlägt die Erstgeborenen unter Menschen und Vieh Ägyptens.
Allein das Blut am Türrahmen schützt vor dem Zorn Gottes.
Eigentlich auch ein sehr düsteres Mahl.
Dieses Passamahl ist für das Volk Israel Zwischenzeit.
Es beschließt zunächst ein trauriges Kapitel in der Geschichte des Gottesvolkes: die Knechtschaft in der Fremde.
Dann steht ja der Aufbruch in eine neue Zukunft bevor.
Dazwischen liegt eine nur kurze Zeit der Sammlung, der Zurüstung und der Stärkung.
Wie vertraut wirkt dagegen das Abendmahl, das wir auch heute wieder feiern werden.
Kein Blutvergießen, keine Hektik des Aufbruchs.
Wenn wir aber den Hintergrund unseres Abendmahls bedenken, ist die Situation nicht weniger aufregend: Jesus sitzt mit seinem Jüngern zu Tisch.
Es ist der Vorabend des Passafestes.
Er weiß, dass sein Tod nahe bevorsteht.
Jesus und seine Gefährten werden nie mehr so zusammenkommen.
Ihr Leben wird sich in kurzer Zeit entscheidend ändern.
Der Verräter, der seinen Verrat längst geplant hat und die Hebel bereits in Gang gesetzt hat, sitzt mitten unter ihnen.
Jesus reicht den Tischgenossen Brot und Wein mit den Worten: „Dies ist mein Leib... dies ist mein Blut...“.
Kein Passalamm wird geopfert, keine Erstgeburt getötet.
Stattdessen wird einer allein sterben, einer für alle.
In einer friedlosen Zeit geht er allein den Weg zum Kreuz - stellvertretend für alle anderen.
Die Jünger haben ihr Erlebnis dieser letzten Mahlzeit mit ihrem Herrn in die Welt weitergetragen bis heute.
Auch die jüdische Gemeinde feiert bis heute das Passafest.
Wir brauchen die Erinnerung, um Zukunft neu gestalten zu können.
Innehalten, das Geschehene betrachten, bedenken und beurteilen.
Aus dem Vergangenen dann die richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen.
Wir brauchen diese Zwischenzeiten, besonders für unsere Zukunft mit Gott.
Auch die Beichte, die wir im Anschluss begehen werden ist so eine Zwischenzeit.
Wir ziehen Zwischenbilanz für unser Leben.
Wir kommen vor Gott als die, die Befreiung begehren.
Befreiung von Schuld, die uns belastet, die uns niederdrückt und den Blick nach vorne verwehrt.
Und im Glauben empfangen wir diese Befreiung.
Gott richtet uns auf, ergibt uns einen weiten und unbeschwerten Blick nach vorne.
Wir Menschen brauchen diese Zwischenzeiten.
Wenn wir heute miteinander das Abendmahl feiern, dann geschieht das - wie bei den Israeliten in der Passageschichte – mit der Erinnerung an das, was wir mit Gott erlebt haben.
Und wir brechen mit Gott gemeinsam dorthin auf, was kommen wird.
Wir haben zwar nicht unsere Reisekleidung an und sitzen auf gepackten Koffern, aber wir werden nach diesem Essen und Trinken hoffentlich als andere Menschen aufbrechen, als die wir gekommen sind.
Die Mahlzeit am Tisch unseres Herrn ist eine Zwischenzeit.
Sie lädt uns ein, zur Ruhe zu kommen und über unser Leben nachzudenken.
Sie lädt uns auch dazu ein, einen neuen Aufbruch zu wagen, einen Aufbruch mit Gott, der uns seine Nähe verheißen hat.
Möge uns das Abendmahl am Tisch unseres Herrn Jesus Christus reinigen und stärken für den Weg, der vor uns liegt, den Weg mit ihm.
Amen.