12.04.2026 - „Wie Mondumrundung und Adlerflug ermutigen“ - Predigt zu Jes 40,26-31 am Sonntag Quasimodogeniti (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)

Predigt zu Jes 40,26-31 am Sonntag Quasimodogeniti, 12.04.2026

Hospitalkirche Hof, Pfrin. Sr. Elise Stawenow

 

Der Predigttext steht beim Propheten Jesaja im 40. Kapitel:

26Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? 28Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 31aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Lasst uns in der Stille um den Segen Gottes bitten. -
Gott, schenke uns ein Herz für dein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

In der letzten Woche zog ein positives Thema weltweit Aufmerksamkeit auf sich: Die Mondumrundung der Artemis 2. Beeindruckend, wie die Raumkapsel im Schatten des Mondes verschwand, und 40 min. lang gar keinen Kontakt hatte. Faszinierend, die Bilder, die wir zu sehen bekamen: „Können wir uns über diese Bilder freuen?“ titelt ein Artikel der Zeit.
(Stefan Schmitt, 08.04.2026, DIE ZEIT)

Es sind zwei Ebenen, die auf den ersten Blick schwer zusammenzubringen sind: die Faszination für die Schönheit von Erde und All und eine amerikanischen Geo-Politik, die verzweckt, ausbeutet und mit Kriegsrhetorik untermalt. Trotzdem sagt der Kommentator: Ja, das geht zusammen.

Der Sonntag Quasimodogeniti bringt Gegensätze zusammen:
Das Entsetzen über das Elend der Welt - sogar Gott erliegt dem Unrecht am Kreuz steht der Nachricht gegenüber: „Jesus lebt!“
Gottes ermutigende Kraft trifft auf hoffnungslose Stimmung resignierter Menschen, die in der Fremde Leben.

Ich stehe nicht selten auf der Seite der Resignierten und Müden, die sagen:
»Mein Weg ist dem Herrn verborgen, mein Gott bemerkt nicht, dass ich Unrecht leide! (Jes 40,27 BB)

Weil ich die Welt nicht verstehe:
Die große Welt:
kriegstreibende Herrscher, Bomben über Beirut, ein brennender Nahen Osten und unzählige Menschen die plötzlich ihrer Existenz bedroht sind.
Und die kleine Welt nebenan:
Menschenverachtenden Parolen, weil sich jemand zu kurz gekommen fühlt. Die Alleinerziehende, die den Sprit nicht zahlen kann. Die Frau im besten Alter, an deren Sterbebett ich stehe.
Ich stehe auf der Seite des Jüngers Thomas, weil meine Vorstellungskraft zu klein ist, um zu denken, dass all der Terror, die Gewalt und so viel Leiden nicht das letzte Wort haben werden.

Thomas darf die Wunden Jesu berühren, um zu erfahren, dass es wirklich ist: Jesus hat den Tod überwunden. Gott behält die Macht.

Wie erfahren wir heute, dass Gott in unserer Welt wirkmächtig ist?

Dazu habe lese ich aus Jes 40 zwei An-Sprüche heraus. Ich lese sie als Sätze, die auch mich heute an-sprechen wollen:

1. Schau nach oben und sieh: Wer hat dies alles erschaffen? (Jes 40,26)

Ein Blick aus dem All: Da liegt die Erde blau-grün so friedlich hinter dem Mond. Leuchtende Punkte erzählen vom Leben. Obwohl die Menschheit fähig ist, den Mond zu umrunden, hört das Staunen nicht auf. Heiko Falcke, der als Astrophysiker an einem Foto vom schwarzen Loch mitgearbeitet hat, antwortet auf die Frage, wann seine Faszination für das All bei ihm begann:

„Es war bei mir die Mondlandung, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Ich habe hinaufgeschaut und mich gefragt, was dahinter ist und was dort oben passiert. Der Himmel als Sehnsuchtsort und als etwas, das einem durch seine Existenz Fragen stellt.“ (https://www.sonntagsblatt.de/artikel/menschen/astrophysiker-falcke-gott-schoepfung-urknall-weihnachten, abgerufen am 11.04.2026)

Heiko Falcke sucht auch als Christ nach Antworten auf die Frage der Existenz des Kosmos:
Muss neben den Energieexplosionen des „BigBang“ nicht noch eine andere Kraft am Werk sein? Die einer größeren Macht?
Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. (Jes 40,29)

Trotz der Mondlandung bleibt die andere Kraft, die in der Welt steckt, unerforschlich. Sie übersteigt den menschlichen Verstand. Und genau das macht ihre Faszination aus. Seit meinen Jugendtagen beeindruckt mich das Zitat, das von Hildegard von Bingen überliefert ist:
„Hebe deinen Finger, und berühre die Wolken. Was dann? Du kannst es nicht. Die Gräslein können den Acker nicht begreifen, aus dem sie sprießen. Denn sie haben nicht Sinn und Verstand und kennen weder ihr eigenes Wesen noch die Wirkung ihres Samens und doch umgeben sie den Acker mit der Anmut ihrer Fruchtbarkeit… Wieviel weniger kannst du erkennen, was im Wissen Gottes ist.“ (zitiert aus: Kerner, Charlotte: Alle Schönheit des Himmels. Die Lebensgeschichte der Hildegard von Bingen, Weinheim/Basel 1993/2000, 36)

Um Gott zu erfassen, ist – trotz aller Forschungsergebnisse – der menschliche Verstand zu klein. Aber das, was wir in und von der Schöpfung erkennen können, gibt Hinweise.

Der „An-Spruch: Schau nach oben und sieh: Wer hat dies alles erschaffen? (Jes 40,26) gilt Menschen, die schwer enttäuscht sind. Sie hofften, das Leben das Leben in der Fremde in Babylon hätte ein Ende. Auf den persischen König Kyrus hatten sie alle Hoffnung gesetzt.
Doch die Situation bleibt aussichtslos.
Dass Hoffnung und Perspektive ausgehen, kennen viele von uns. Wie können wir im Blick auf Gottes Macht mit der Situation umgehen

2. Lass dich tragen! (Jes 40,31)

Ist der zweite An-Spruch, den ich aus dem Text herauslese.

Gott bietet uns mehr als einen Blick zum erhabenen Sternenzelt.
Er bietet ihnen die Flügel des Adlers, des Königs der Lüfte.

31aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Vermutlich meint das Hebräischen Wort nicht „Adler“, sondern „Gänsegeier“.
Geier klingt deutlich weniger erhaben, ist dafür aber eine umso bedeutendere Metapher.
Ein Geier ernährt sich von Aas – von totem Tier. Im Orient stand er für regenerative Kräfte: Aus Totem wird Leben.

August Hermann Francke wählte 1701 dieses Bibelwort, um es über sein Lebenswerk zu stellen.
Ein Adler mit darüber aufgehender Sonne thront auf dem Giebel des Haupthauses der Franckeschen Stiftungen in Halle bis heute. Dass aus Totem Leben wird, und aus Perspektivlosigkeit Lebensmut, das war sein Ansinnen, als er mit dem Waisenhaus und den Schulen jungen Menschen Halt im Leben gab. Generationen gingen nun unter dem Bibelvers „Die auf den Herrn vertrauen kriegen neue Kraft…“ hier ein- und aus.

Es braucht Vertrauen, um an der göttliche Energie Anteil zu bekommen, die Tod und Leben, Schwachheit und Kraft, Zweifel und Hoffnung verbindet. Das hat man nicht von allein. Das dürfen wir lernen. So wie Thomas in der Begegnung mit Jesus.
Das Bild vom Adler will in dieses Vertrauen locken. In der alten Luther Bibel heißt es: „Die auf den Herrn harren.“ Vielleicht kann man auch übersetzen: trotzen, „mit innerer Erwartung sehnsüchtig warten“.

Über 250 Jahre nach der Errichtung der Franckeschen Stiftungen steht 1964 der 26jährige Rudolf davor.
Er wurde zwecks Musterung und Einberufung vorgeladen. Vor kurzem war in der DDR die Wehrpflicht eingeführt worden und hier befand sich nun das Wehrkreiskommando.
Für Rudolf war das ein Moment des Zitterns und Zagens: Wie an Gott festhalten, wenn ein Bekenntnis zu Gott und gegen die Staatsideologie seine werdende Familie und seine Berufstätigkeit gefährden könnte? Als bewusster Christ der Nachkriegszeit konnte er einen Dienst an der Waffe nicht mit seinem Gewissen vereinbaren.
Bewusst erinnert er sich, dass er den Adler sieht und liest: „Die auf dem Herrn harren, kriegen neue Kraft, sie werden auffahren wie Adler.“
Ganz gleich, ob Adler oder Gänsegeier: der mächtige Vogel überlässt sich mit seinem ganzen Gewicht der Thermik der Luft. Dieses Sinnbild wird für den jungen Mann ein Zeichen des Himmels: Er entscheidet bewusst, sich mit allen Risiken in diese Situation zu begeben, sich zu überlassen.
Auf den HERRN vertrauen heißt jetzt für ihn, nicht aus dem Blick zu verlieren, dass Gott noch andere Möglichkeiten hat.
Er geht in die „Höhle des Löwen“. Er kommt nicht umhin, sich für den Wehrdienst registrieren zu lassen. Wie ein Damokles-Schwert schwebte der Wehrdienst und die drohende Konfrontation mit dem System nun über ihm. Bis er – wie durch ein Wunder – unter der Hand erfuhr, dass die DDR dabei sei, sogenannte „Bautrupps“ einzuführen, wo Menschen ohne Waffen Wehrdienst leisten könnten. Sie wurden später „Bausoldaten“ genannt.
Diese Wendung ist für ihn bis heute eine „Führung Gottes“, die er eng mit diesem Bibelwort verbindet.

Mein Opa Rudolf Stange musste den ersten Schritt wagen, um die Erfahrung zu machen, dass die Flügel tragen.
Thomas, der Jünger Jesu, musste eingestehen, dass er nicht glauben könne, ohne die Wunden Jesu zu berühren. Dann spürte er: Jesus lebt.
Jeder erste Schritt geht in der Unsicherheit, auf Hoffnung hin. Erst der nächste oder übernächste wird es zeigen.
So lange leben wir im Dazwischen. Wir brauchen Zeichen. Ermutigung. Hoffnung.

Schluss:

Als zu Weihnachten 1968 die erste Mondumrundung der Mission Apollo 8 gelang, sandten die NASA-Astronauten am Heiligen Abend eine Botschaft per Funkgerät von der Raumkapsel zur Erde. Sie lautete: „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde…“ Die Astronauten lasen aus dem 1. Buch Mose vor. Die Botschaft landete nicht in einer heilen Welt. Die Welt war zerrüttet wie eh und je. Und die Botschaft war sicher inszeniert. Doch sie wurde für viele zum Zeichen:
Denn mit der Schöpferkraft, die Himmel und Erde gemacht hat und den Tod besiegt, fliegen wir nicht nur auf den Mond, sondern dürfen immer wieder den ersten Schritt gehen:
Vom Zweifel zum Vertrauen.
Von der Müdigkeit zur Kraft.
Von der Angst zum Mut.
Vom Tod zum Leben.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm HERRN.


 

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