10.05.2026 - „Mutter und Vater unser?“ - Predigt zu Mt 6,10–13 am Sonntag Rogate/Muttertag (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)

Liebe Gemeinde,

für den heutigen Sonntag Rogate ist als Predigttext das Vaterunser vorgesehen. Das Vaterunser am Muttertag – passt das? Ich finde ja, das passt.
Jesus nimmt alle, die in Verbindung zu Gott leben wollen, in den Beziehungsraum zwischen Gott und Sohn, zwischen Eltern und Kinder hinein.
Ich möchte das Vaterunser in drei Teile teilen. Jeder stellt in meiner Interpretation ein Teil unseres Seins als Gotteskinder auf dem Lebensweg dar. Die Einheit mit dem Ursprung im Mutterleib, der Aufbruch ins freie eigene Leben und das Heimkehren.

 

(1) Eins-Sein mit Gott: Vater und Mutter unser?

 

Eine junge Mutter, deren Kinder in Kita und Grundschule gehen, hat die Familienplanung sehr klar abgeschlossen. Ich komme mit ihr ins Gespräch. Ob sie nicht manchmal doch noch Sehnsucht habe nach einem Baby? Vor kurzem, sagte sie, habe sie das Baby einer Freundin auf dem Arm gehabt. Und erinnerte sich: Was das für ein Wunder ist, das Kind an der Brust, so ganz selbstverständlich und tief eins zu sein mit dem Kind und sich und dem Universum. Als stünde die Zeit still. Und alles ist erfüllt, in Frieden, vollkommen. Aber – ein Moment, der einmalig ist und absolut unverfügbar.

In solch ein Eins-Sein nimmt uns Jesus mit dem Gebet hinein.

Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt.
10Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe

wie im Himmel so auf Erden.

 

Jesus spricht Gott mit „Vater“ an. Er gewährt allen seinen Freunden, dass sie/wir mit ihm sagen dürfen: „Unser Vater!“
Könnten wir auch sagen „Unsere Mutter?“
„Vater“ ist im Neuen Testament die häufigste Bezeichnung für Gott. 260mal kommt sie vor. Dagegen wird im Alten Testament Gott nur 17mal als Vater bezeichnet. Warum? In den alten Religionen zur Zeit des AT werden Götter selbstverständlich als Väter gesehen. Die Jüdinnen und Juden grenzen sich ab. Sie sind zurückhaltend den Gott, dessen Namen unaussprechbar und dessen Wesen  unverfügbar ist, so menschlich als Vater anzureden. Für Jesus und nach ihm die Christusgläubigen wird die Anrede „Vater“ eine existenzielle Wesensbezeichnung: Gott ist nahbar. Gott steht in Beziehung. Gott ist eine Autorität.
Gleichzeitig tauchen Bilder auf, die erzählen, dass Gott gebärt und stillt mit seinem Wort. Aus dem Schoß des Vaters ist der Sohn geboren (Joh 1,18). Das steht analog zu Vergleichen aus dem Propheten Jesaja – wir haben sie in der Lesung gehört - Gott tröstet wie eine Mutter. Schaukelt auf Knien. Birgt im Mutterschoß (Jes 66,10-14).
Schon Kirchenvater Clemens Alexandrinus (ca. 150-215) kommt Ende des 2. Jh. zur Erkenntnis: „Als Liebender weist der Vater weibliche Wesenszüge auf.“
(zitiert in FELDMEIER/SPIECKERMANN, Gott der Lebendigen, 85).


Das Vaterunser nimmt uns hinein in die Einheit von Eltern und Kind.
Doch nicht jeder Mensch hat eine schützende Mutter erlebt oder einen liebenden Vater. Schmerzlichen Erfahrungen des Leides und des Verlassenseins stellt die Bibel das Bild der Barmherzigkeit Gottes entgegen. Gottes Erbarmen verortet sich - im Hebräischen – im Mutterleib (Erbarmen hebr.„rachamim“ bedeutet auch Mutterleib). Und Jesus bringt das zum Ausdruck, wenn es  in der Lutherbibel heißt „es jammerte ihn“, dann sind es seine Eingeweide, die zu sprechen beginnen, seine mütterlichen Anteile, die in eine innere Beziehung des Mitgefühls aufbauen.

Rembrandt stellt auf seinem Gemälde zum „Verlorenen Sohn“den Vater dar. Der Vater umarmt seinen zurückgekehrten Sohn. Man sieht eine kräftige väterliche Hand und einer schmalere, weiblich – mütterliche Hand. Gottes Erbarmen ist die Umarmung von Mutter und Vater.
Das ist Gebet. Wenn Einheit ist/ entsteht zwischen Gott und uns. Deshalb dürfen wir zu Gott rufen „Unsere Mutter!“ und „Vater unser!“

Die ersten Bitten des Vaterunsers bringen das zum Ausdruck. Der Name Gottes, der heilig sei. Das Reich Gottes, das anbricht, wenn wir in dieser Einheit leben. Gottes Wille, der Liebe ist, möge gestaltet werden.

Aber: Das Kind will leben, frei sein, sich entfalten. Das gehört zum Willen Gottes:

(2) Frei und verantwortlich und verletzlich leben

11Unser tägliches Brot gib uns heute.

12Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.13Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

 

Diese nächsten Bitten nehmen das Leben des freien Menschen auf: Er muss um seine Existenz, sein täglich Brot, ringen. Er wird schuldig an seinem Mitmenschen. Er erlebt Lebensumstände, die ihn an Gott und der Welt irre werdenlassen. (Vgl. „und führe uns nicht in Versuchung.“) Der Mensch erlebt verletzt Werden und verletzt ander, und bleibt abhängig von Vergebung.
Aber: Er ist frei sich zu entfalten, seinen Weg zu gehen. Er lebt nicht mehr im geschützten Paradies, sondern in der freien, bedrohlichen Welt, wie das zweite Kapitel der Bibel erzählt.
Leben heißt Ablösung – das fängt mit dem Durchtrennen der Nabelschnur an, dessen Erinnerung jede und jeder von uns am eigenen Leib trägt.
Es geht mit Loslösung, buchstabiert im Leben mit vielen kleinen Schritten, weiter.

Sabine K. hat diese Abnabelung schon als 14-15Jährige gesucht. Sie wollte frei und lebendig sein. Das hat sie beim Tanzen gefunden. Alles vergessen, zur Musik bewegen, nette Leute treffen. Am liebsten ging sie abends gar nicht mehr nach Hause, denn sie wusste, ihr Vater war dann betrunken und es gab Schlägerei. Schlimmer als das war leider, dass sie in einem Staat lebte, wo es gar nicht gern gesehen wurde, wenn Mädchen sich nich normenkonform verhalten. Es war eines abends auf einer Privatparty, dass die Polizei die Feier auflöste und sie mit einkassierte. Mit der Diagnose „Herumtreiberei“ wurde sie in ein Krankenhaus gesperrt, wo ihr Gewalt angetan wurde. Die Ärzte haben ihre Macht missbraucht, um das Mädchen passend zu machen – zum Staat und zum Frauenbild. Das war 1977 in der DDR, Sabine war 15 Jahre alt.

„Erlöse mich von dem Bösen.“ Diesen Gebetssatz bete ich stellvertretend für Menschen wie Sabine, die Böses – zerstörerisches Unrecht – erlebt haben.

Heute am Muttertag berührt es mich besonders, was ihre Tochter, sie ist heute so Ende 40, ihrer Mutter in einem Brief schreibt: ​

„Erinnere ich mich an meine Kindheit, so höre ich Musik. Vom Tonbandgerät und Plattenspieler. Und sehe dich Tanzen… mit diesem wilden, sehnsüchtigen Glanz in den Augen. Damals betrachtete ich dich mehr als gute Freundin, weniger als Mutter. Heute weiß ich, du warst und bist beides, gleichermaßen. Im Gegensatz zu dir habe ich eine Mutter, die ihr Herz auf der Zunge trägt, immer ehrlich und offen zu mir war und ist. … und die für ihre Töchter alles tun würde, um sie zu behüten und zu beschützen. Du bist und bleibst meine Mutsch.“ (aus: MDR-Reportage „Trauma Tripperburg“, abgerufen Mai 2024).

Sabine hat erlebt, wie Menschen an ihr schuldig werden, weil sie ihre Freiheit missbraucht haben.
Sabine hat erlebt, dass die Sehnsucht sich zu entfalten und frei zu werden, von allem, was sie drängt, ihr Leben auch im Guten prägt. Sie ist selbst eine liebende Mutter geworden.

Ich weiß nicht, ob Sabine jemals in ihrem Leben eine Verbundenheit mit Gott gespürt hat, die ihr Kraft gegeben hat für ihren freien Weg. Aber ich denke, dass die Heilige Geistkraft  tief in einem Menschen (vielleicht auch unbemerkt) anrühren kann, was ihn im Innersten ausmacht und trägt. Das gibt Potential Schritte in die Freiheit zu gehen.

Das Leben entfaltet sich zwischen diesen Polen: Freiheit und Schuldigwerden, Leid erfahren und Hoffnungsschritte tun.

Bis wir heimkehren zum Ursprung aus dem wir gekommen sind:

(3) Heimkehren in die Einheit

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

Dieser Schluss des Vaterunsers ist später zum Gebet Jesuhinzugekommen. In den ersten Handschriften des Mt-Evangeliums steht es nicht.
Es zeigt: Das Leben mündet dort ein, wo es begonnen hat - In Gottes Gegenwart:

Jörg Zinks Eltern starben als er drei Jahre alt war. Und doch gaben sie ihm etwas mit. Er schreibt von Wanderwegen, die nie zu Ende gehen, sondern auf ein großes Ziel zu führen. Von seiner verstorbenen Mutter, die er weder im Grab noch im Himmel sucht, sondern überall, wo Erde ist. -  zu lesen in ZINK, Ufergedanken, 2022, 42. Der Text ist urheberrechtlich geschützt..

Wir gehen – so unvorstellbar das ist – wieder ein zu dem, woher wir gekommen sind. Man mag es sich als warme Bergung der Erde, aus der Leben entspringt, vorstellen. Als Mutterschoß. Als Ewigkeit. Als Kraftort. Es ist Gott selbst.

Ganz gleich, welcher Phase des Lebens Sie sich gerade nahe empfinden, lassen wir unsere Sehnsucht nach Beziehung zu – mit dem liebenden, mütterlichen und väterlichen Gott, der Heil macht, was verletzt ist. Amen.