24.05.2026 - „Pfingsten - abgehoben oder bodenständig?“ - Predigt zu Apg 2,1-21 am Pfingstsonntag (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)
Pfingsten: abgehoben oder bodenständig? - Predigt zu Apg2,1-21
am Pfingstsonntag, 24.05.2026 Friedenskirche Zedtwitz / Hospitalkirche Hof
Ein Brausen vom Himmel, Zungen wie von Feuer, wirres Durcheinanderreden, das am Ende alle verstehen: Das klingt schon ziemlich verrückt und abgehoben.
Liebe Gemeinde, welche Erfahrungen müssen die ersten Christusgläubigen gemacht haben, dass so davon berichtet wird?
Enden des 19. Jahrhunderts veröffentlichte der junge Theologe Hermann Gunkel eine Studie zur Wirkung des Heiligen Geistes. Darin stellt er die These auf, dass alle biblischen Texte religiöse Erfahrungen verarbeiten, die Menschen gemacht haben.
Also: Menschen erleben etwas mit dem Heiligen Geist Gottes und nun versuchen sie es in Sprache und Bildern anderen zu vermitteln. (vgl. Lauster: Der Heilige Geist. Eine Biographie, 18f.)
Natürlich ist das schwierig zu ergründen. Gunkels Ansatz bekam viel Kritik.
Trotzdem möchte ich heute Fragen:Welche Erfahrungen stehen hinter der Erzählung des Pfingstgeschehens?,
Chorwettbewerb. Alle Sänger des Kirchenchores stehen wohlgeordnet auf der Bühne. Nur der Dirigent fehlt. Wo bleibt er? Sie bewahren Haltung, aber ihnen stehen die Fragen ins Gesicht geschrieben. Der geistig behinderte ChorsängerTorehält diese Anspannung nicht aus. Er beginnt seinen Ton zu singen. Ein tiefer Ton erfüllt den Raum.
So kann man sich die Situation in Jerusalem unter den Jüngerinnen und Jüngern vorstellen.
Ein anhaltender Ton erfüllt den Raum. In verschiedenen Übersetzungen wird dieses Geräusch mit einem „Sturm“ verglichen. Das klingt fast etwas bedrohlich. Doch das griechische Wort pnoe gibt diese Übersetzung nicht her, sagen Exegeten. Vielleicht kann man es als „steife Brise“ deuten. Jedenfalls ein Signal, das deutlich zu hören und zu spüren ist.
Im schwedischen Film „Wie im Himmel“ (2004) bleibt der anhaltende dunkle Ton von Tore nicht allein stehen. Nach und nach setzen die Chormitglieder mit ihren Tönen ein. Plötzlich erfüllt ein Klang den Raum, der andere mitzieht. Das Publikum ist gebannt. Dann steht einer nach dem andern auf und stimmt mit ein. Bis der ganze Raum nur noch Klang ist. Einheit. Erfüllung.
Könnten wir uns so das Pfingstgeschehen vorstellen?
Ein anhaltender Ton, der einem Brausen gleich, nach und nach alle erfüllt. Eine Stimmung, die das Knistern untereinander spürbar macht. Wie Zungen von Feuer. Zusammengehörigkeitsgefühl.
Das sind Phänomene, die eindrücklich ist. Magisch. Außerordentlich. Sie können Menschen magnetisieren oder abstoßen.
So auch in der Pfingstgeschichte. Reaktionen der Außenstehenden: Sie entsetzen sich: Was soll das noch werden? Sie spotten: „Die sind schon am frühen Morgen angetrunken.“
Pfingsten: ist das voll abgehoben und nur was für Menschen, die spirituelle Höhenflüge lieben?
Ich finde auch sehr bodenständige Aspekte in der Pfingstgeschichte, wie sie der Evangelist Lukas erzählt. Er berichtet aus der Perspektive der nächsten oder übernächsten Generation - Ende des 1. Jh oder noch etwas später. Er hat sich Gedanken gemacht, wie diese Erfahrungen, die die ersten Christengemeinden prägen, zu deuten sind.
Drei „Bodenständigkeiten“ des Textes möchte ich ausführen:
- „Sie waren alle beieinander an einem Ort.“ Apg 2,1
Alle gemeinsam. Das hat Kraft. Denken Sie an ein gefülltes Fußballstadion. Oder wie Eltern und Großeltern es genießen, wenn sie die ganze Familie mit Kindern, Enkelkinder und vielleicht Urenkel um sich versammeln können. Auf großen Konzerten, aber auch bei Gottesdiensten oder Trauerfeiern konnte ich schon spüren, welche Kraft gemeinsames Beisammensein hat. Gemeinsam feiern, gemeinsam trauern, gemeinsam Hoffnung schöpfen. Spüren, die Gemeinschaft trägt.
Sind wir uns dieser Kraft bewusst?
Es kommt auf dich und mich an. Gemeinschaft bereitet dem Heiligen Geist Wohnraum.
Pfingsten sind unsere Kirchen eher leer. Viele andere Events, Ferien. Das Fest des Heiligen Geistes wirkt spröde, entzieht sich der Ratio.
Doch eine seiner Botschaft ist simpel: Tut euch zusammen. Bleibt nicht allein, in Freude und in Leid. Ersehnt den Beistand Jesu gemeinsam!
Seit Corona hat sich unsere Welt darauf eingerichtet, dass alles auch auf Distanz, beispielsweise digital geht. Das ist praktisch. Auch für Gottesdienste. Die Übertragungen in Livestream sind wichtig. Sie machen Partizipation möglich und stiften Verbundenheit.
Doch die Haltung: „es ist ja gleich, ob ich hingehe oder mirsam Bildschirm anschaue“, nimmt uns etwas.
„Sie waren alle beisammen an einem Ort.“ Menschen, die sich um der Sache Jesu willen zusammentun, werden beschenkt mit dem Heiligen Geist.
Sie erfahren Zusammengehörigkeit.
Auf orthodoxen Pfingstikonen werden die Feuerflammen, die auf den Köpfen der Jünger dargstellt sind verbunden mit einer Linie. Vielleicht kann man Stromleitung sagen. Die Kraft Gottes wird weitergeleitet. Sie verbindet.
Eine zweite Bodenständigkeit.
- „Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkündigen.“
Das Lallen und Reden der vom Geist beseelten Jünger hat einen Inhalt: Die großen Taten Gottes.
Ein bodenständiges Merkmal, auch zur Unterscheidung von Geist-Phänomenen: Erzählt es uns von der Größe Gottes?
Man möge sich nicht vorstellen, dass die Jüngerinnen und Jünger in diesen wirren sprachen sprechen, um andere zu überzeugen. Sie predigen nicht, auch wenn Luther es so übersetzt. Sie „lallen“, d.h. reden (grch. laleo. Man kann sich Lobgesang vorstellen. Plötzlich ist allen danach, Gott zu loben . Seine Taten zu erwähnen.
In meiner Studienzeit war ich kurze Zeit in einem eher charismatischen Hauskreis. Die Stimmung war immer wichtig, viel Gebet, viel tolle Erfahrungen mit dem Glauben.
Einmal traf ich einen Kommilitonen in der Stadt. Es war Winter. Eiskalt. Er erzählte mir, dass er krank sei. Ich sagte: „Aber warum setzt du dann keine Mütze auf?“ – „Ach, meine Eitelkeit. Bete doch, dass der Heilige Geist mir hilft, die zu überwinden.“ – Ich blieb verwundert zurück: „Hat dir der Heilige Geist nicht die Vernunft gegeben, die Mütze aufzusetzen, wenn es kalt ist?“
Gottes große Taten: Das fängt bodenständig an. Mit einem Verstand rüstet er uns aus, damit wir das Leben bewältigen können.
Das ist für mich ein Grund, Gott zu loben. Von dem zu erzählen, der hinter meinem Sein steckt. Es beginnt mit der Schöpfung und zieht sich weiter zum rettenden Handeln Gottes durch Jesus.
Eine dritte Bodenständigkeit:
- „Jeder, der getauft wird, empfängt die Gabe des Hl. Geistes.“
Die Bevölkerung in Jerusalem zum Wochenfest ist divers. So viele Sprachen heißt: So viele Ausländer.
Der Heilige Geist macht vor weder vor Fremden noch vor „Andersartigen“ nicht Halt. Sein Wesen ist es, gerade mit ihnen Gemeinschaft zu bauen.
Deswegen muss es selbstverständlich sein, dass wir Christinnen und Christen mit Gottes Kraft populistischen Strömungen entgegenstemmen, die Menschen anderer Herkunft diffamieren und ausgrenzen. Durch den Heiligen Geist werden wir alle eins – jede und jeder hat das Recht zu Gott zu rufen: „Abba, lieberVater.“ Wir werden Geschwister.
Der Heilige Geist ist nicht nur euphorisches Brausen und leuchtende Feuerzungen: „Wer den Geist als Stachel versteht, der Menschen leise, aber beharrlich aufstört, für den schimmert Hoffnung durch, schreibt der Theologe Jörg Lauster, der eine Biographie des Heiligen Geistes verfasst hat. „Denn der Stachel des Geistes bewirkt eine heilsame Unruhe.“(Lauster, Art. „Der Stachel des Geistes“, in publikforum9/2026, S. 35)
Und diese Unruhe – Bewegung kam in die Menschen aller Herkünfte.
So schließt die Pfingstgeschichte nach der langen Predigt des Petrus folgendermaßen:
37Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? 38Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Apg 2,37f.
Der Heilige Geist führt ins Zentrum des Glaubens. Zu Jesus, der das Leiden nicht scheute und den Weg bis zum Tod gegangen ist. Der den Tod und alle Ausweglosigkeiten besiegt hat.
Der Heilige Geist führt zur Sehnsucht zu diesem Gott des Lebens zu gehören.
Dieses Ostern machten Berichte aus Frankreich die Runde, dass sich über 20.000 Menschen, v.a. junge Erwachsene und Jugendliche in der katholischen Kirche haben taufen lassen.
Wie kommt das?
Prozentual viel mehr junge Menschen als bei uns werden in Frankreich nicht mehr getauft. Aber sie sind auf der Suche: „Wir sind müde von der Überdosis Oberflächlichkeit, die uns die Welt vorgibt.“ Sagte ein Täufling im InterviewJesus bietet Identität. Zugehörigkeit. Und die Kraft seines Geistes, die nicht weggeht, sondern durch das Band der Liebe verbindet -mit Gott und den Menschen.
Schluss
Pfingsten – abgehoben oder bodenständig?
Ganz bodenständig – an einem Ort, von den Taten Gottes singen, durch Taufe und Geist zusammen gehören.
Und ganz abgehoben: Denn die Kraft wirkt Erfahrungen.
Erzählen wir heute von diesen Erfahrungen: Wo haben Sie einmal die Kraft Gottes gespürt? Oder sind Jesus begegnet? Haben ein Wunder erlebt?
Ganz verschieden ist es, wie wir die Erfahrungen beschreiben. Vielleicht auch so:
Der Klang des Chores erfüllt den ganzen Raum. Er dringt über die Lautsprecher der Konzerthalle bis zur Toilette. Dort hört der Dirigent seinen Chor. Er hat es nicht mehr in die Konzerthallegeschafft. Übermannt von seiner Krankheit, sackt er in der Toilette in sich zusammen. Er lässt sich fallen in die Musik.
Sie führt ihn in seine Kindheit. Schlimme Erfahrungen und Verletzungen lässt hinter sich. Jetzt kehrt Frieden ein. Selig lächelt er. Der Klang nimmt ihn mit. In den Himmel.
Amen.