21.06.2026 - „Der beste Vater“ - Predigt/Bildbetrachtung zu Lk 15,11-32 am 3. So. Tr. (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)

Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis zu Lk 15,1-3.11-32 

„Der beste Vater“ – Bildbetrachtung zu Rembrandts „Heimkehr des Verlorenen Sohnes“ 

Am 21.06.2026 Friedenskirche Zedtwitz/Hospitalkirche Hof 

Pfrin. Sr. Elise Stawenow auf Grundlage von Henri Nouwen „Nimm sein Bild in dein Herz“ (Freiburg i. Br. 1991) 

 

 Das Bild findet sich unter folgendem Link:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rembrandt_Harmensz._van_Rijn_-_The_Return_of_the_Prodigal_Son.jpg 

 

Hinführung: 

Dieses Bild, das Sie in den Händen halten, wurde von Rembrandt, dem berühmten Niederländer Barockkünstler zwischen 1666-69 gemalt. 

Er malte es als eines seiner letzten Bilder kurz vor seinem Tod - nach einem langen Leben.  

Rembrandt malte Bilder, die man genau anschauen muss – in jedem Pinselstrich steckt ein Detail. Interessant ist aber, dass er sein ganzes Leben lang fasziniert war von Menschen, die das nicht konnten: genau anschauen. Auch hier kann man es sehen. Dieser alte Mann im Zentrum des Bildes, sieht gezeichnet aus  vom Alter – womöglich ist es Rembrandt selbst: die Augen sind versunken, der Blick ist nach innen gerichtet. Rembrandt malte immer wieder blinde Menschen. Sie werden für ihn zu Menschen, die etwas sehen können, was man nicht mit den Augen sehen kann. 

Rembrandt stellte einen stillen Vater dar, der seinen Sohn nicht mit den physischen Augen wiedererkennt, sondern mit dem inneren Augen des Herzens. Sein Blick geht in die Ferne und Weite. Aber seine Hände, die den Sohn umfangen, die scheinen die Augen zu ersetzen. Sie spüren den Sohn, den Geliebten und umfangen ihn.  

Rembrandt verlor die Frauen, mit denen er lebte. Auch seine Kinder verstarben früh. Mit Ausnahme des Sohnes Titus. Er wurde zwar erwachsen, doch starb er kurz nachdem er geheiratet hatte plötzlich. Das war kurz bevor Rembrandt dieses Bild malte. Rembrandt konnte sich in das Gefühl des Verlustes, aber auch in die tiefe Freude des Wiedersehens hineinversetzen. So malte er am Ende seines Lebens dieses Bild eines fast erblindeten Mannes, der voller Zärtlichkeit weint und seinen verwundeten Sohn segnet. (116f) 

Kurz nach der Fertigstellung des Bildes verstirbt Rembrandt.  

Rembrandt hat sein Leben lang unzählige Menschen gezeichnet, in diesem Bild aber malte er nicht nur einen Menschen, hier malte er Gott, den er mit den Augen seines Herzens gesehen hatte.  

Ich wünsche uns heute solche „Augen des Herzens“, mit denen wir die Geschichte und das Bild betrachten können: Damit auch wir ein wenig erspüren können, wie Gott ist – ein Gott, der uns mit einem weiten Herzen empfängt und uns fest in sein Herz schließt. 

 

Legen wir doch für einen Moment die Hand auf das Herz. Und schließen unsere Augen. Wir spüren unser Herz. Wir sehen die Bilder unseres Herzens. Gute und schwere. Freudige und Fragende. Hoffnung und Zweifel. 

 

Lasst uns unser Herz zu Gott bringen in einem Gebet.  

Gebet:  

Lasst uns beten: 
Du Gott, liebend und voll Erbarmen.  
Du kennst mein Herz.  
Öffne es.  
Erfülle es.  
Und schenk mir erleuchtete Augen des Herzens,  
dass ich sehen kann, wer und wie du bist, wenn ich dein Wort höre. Amen.  


Predigt
 

 

Liebe Gemeinde, als Predigttext möchte ich heute das Evangelium wählen, untermalt vom Bild Rembrandts. Ich folge dabei – wie gesagt – den Gedanken und Erfahrungen von Henri Nouwen, einem Theologieprofessor aus den USA (1932-1996), der eine persönliche Begegnung mit dem Bild und dem Gleichnis Jesu hatte.  

 

1) Der Auf-Bruch 

 

„Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere sagte: „Gib mir das Erbteil, das mir zusteht.“ Lk 15,1 

 

Ein einfacher Satz, den Lukas hier schreibt. Dahinter steckt mehr. Heute ist es gang und gebe, dass Eltern Anteile ihres Erbes verteilen, um den Kindern schon vorher einen Start ins Leben, Zukunft zu ermöglichen.  
Aber in Jesu Zeit? Kenneth Bailey erforschte das in Gegenden zwischen Marokko und Indien? Er machte Umfragen: Hat in ihrem Dorf jemand so eine Forderung gestellt? – Niemals. Was würde passieren, wenn? Der Vater würde ihn verprügeln. Diese Forderung ist ein „no go“, dass hieße doch, dass der Sohn den Vater für tot erklärt.  

 

Die Geschichte ist ein Gleichnis. Sie steht für die Beziehung von uns Menschen zu Gott.  

Gott für tot erklären – das kann vorkommen, es gibt sogar eine theologische Bewegung, die das vertritt. Ein Schicksalsschlag. Ein großer Zweifel. Enttäuschung. Fragen an Gott, die nicht zu beantworten sind.  
Es folgt die Absage an den „lieben Gott“, wie er einem kindlich gelehrt wurde.  
Aber würde ich dann das Erbe mitnehmen? Ich vermute, eher nicht. Dann will ich doch nichts mehr mit Gott zu tun haben.  

 

Der Bruch des Sohnes mit dem Vater ist krass. 
Die Fülle nehmen, die Beziehung abbrechen.  

 

Kommt das vor bei mir?  
Nenri Nouwen ist ein frommer Mann, sein ganzes Tun hat mit Gott zu tun. Und trotzdem erlebt er. Ich bin dem Sohn nicht unähnlich. Er schreibt: „Das Weggehen von Zuhause ist nicht einfach ein … geschichtliches Ereignis [in der Biografie]. Es ist die Ablehnung der Wirklichkeit, … dass Gott mich in einer ewigen Umarmung sicher hält…“ (52)( 
Von Zuhause weggehen heißt, die Stimme nicht mehr zu hören, die sagt: „Du bist mein geliebtes Kind.“  
Da sind dann viele andere Stimmen: „Du musst zeigen, dass du was kannst – erfolgreich sein!“ – „Du musst besser sein.“ – „Sei ein guter Junge – ein braves Mädchen“ – „Ein Junge weint nicht.“ Jeder von uns kennt diese Stimmen, die Druck machen, denen man gehorchen muss, um richtig und angenommen zu sein.  
Diese Stimmen locken in die Fremde. Dort regiert Wut, Neid, Gier, Rachsucht. Ein Teufelskreis, wenn der Selbstwert kaputt ist. Die Rückbindung an die Liebe fehlt.  
Der Sohn wird ausgenutzt. Sein Geld ist weg. Er landet bei den Schweinen.  

 

  1. Heimweg

 

„Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt, vor dem Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht wert, dass ich dein Sohn heiße, mache mich einem deiner Tagelöhner gleich! Und er machte sich auf und kam zum Vater.“ Lk 15,21 

  

Interessant, vom langen Heimweg des Sohnes wird nichts berichtet. Wie kommt er an? 
Rembrandt stellt es auf seinem Bild dar:  
Ein geschorener Kopf, der an einen Gefangenen, einem Häftling erinnert, dem alle Würde genommen wurde. Menschen die Haare abzuschneiden bedeutet Demütigung. Die Individualität ist diesem Menschen genommen worden. Das Gewand zeigt, wie heruntergekommen der Mann ist. Das, was kleidet und zu jemanden macht, fehlt.  
Ein Fuß barfuß, der andere Schuh völlig kaputt. Nackte Füße sind zu Zeiten Rembrandts ein Zeichen der absoluten Armut. Schutzlos ist jemand, der keine Schuhe besitzt. Schuhe verleihen Sicherheit und Stärke, sich schützen vor Schlangen und ermöglichen, frei durch die Welt zu gehen.  

Das einzige, was der Sohn noch hat – das ist ein bemerkenswertes Detail beim Bild von Rembrandt – ist sein Schwert. Es ist das Merkmal seiner edlen Abstammung.  
Hat das Schwert ihn erinnert, wo er hingehört? Selbst im schlimmsten Dreck konnte er nicht vergessen, wo er eigentlich hingehörte. Nach Hause.  
Was ist das, was mich am tiefsten erinnert, dass ich zu Gott gehöre? 
Am kommenden Samstag werden wir im Innenhof der Hospitalkirche Kirche kunterbunt feiern unter dem Thema: „Königskinder“: Wir sind durch die Taufe Gottes Königskinder, auch wenn wir weit weg von Zuhause sind. Diese Erinnerung, das Kreuzeszeichen auf unserer Stirn der Taufe, kann uns niemand nehmen.  

 
Ich stelle mir vor, dass der Heimweg für den Sohn lang war. 
Der Sohn ringt tief im Innersten. Erklärungen. Entschuldigungen. Scham. Furcht vor der Begegnung.  
Jemanden nach einem Versagen und Schuldigwerden in die Augen zu schauen, ist schwer. Wie oft habe ich selbst mich im Kreis gedreht, bis ich auf das Gegenüber zugehen konnte. Und ein anderes Mal hab ich gehofft, dass die Zeit die Sache klärt.  
Henri Nouwen schreibt: „Eine der größten Herausforderungen des inneren Lebens ist das Annehmen von Gottes Vergebung. In uns steckt etwas, das uns an unseren Sünden festhalten lässt; es hält uns davon ab, Gott unsere Vergangenheit tilgen und uns einen völlig neuen Anfang gewähren zu lassen.“ (69) 
 

  1. Empfang

 

In der Grundschule nahmen wir das Gleichnis durch. Am Ende fragte ich, welchen Titel die Kinder der Geschichte geben würden: Wir kamen zu dem Ergebnis: „Bester Vater“, der sagt: „Ich bin immer da für dich“.  

Kein Kind sprach vom Verlorenen Sohn.  
Rembrandt stellt es wunderbar dar: Die Hauptsache ist der Vater auf diesem Bild. Den Sohn sehen wir nur von hinten.  
Der beste Vater möchte „dass seine Kinder frei sind – frei, um zu lieben.“ Sie sind frei, wegzugehen, die Heimat zu verlassen und anderen Stimmen zu folgen. „Die einzige Autorität, die der Vater in Anspruch nimmt“, so sagt Henri Nouwen, „ist die Autorität des Erbarmens.“ (115)

Die Hände ruhen auf den Schultern des Sohnes. Es ist weniger eine Umarmung als eine Segensgeste. Gutes: Frieden und Heil geht vom Vater aus. Die Hände sind zentraler Punkt des Bildes, in helles Licht getaucht.  
Die eine ist breit und kräftig, man sieht ihr die Stärke an. Diese Hand kann zupacken und Sicherheit vermitteln.  

Die andere, die rechte, ist viel schmaler, feingliedrig und zart. Eine Hand, die zärtlich streichelt, tröstet und beruhigt.  

Könnte es sein, dass das eine weibliche und eine männliche Hand sein sollen? Und vielmehr noch: Dass Rembrandt darstellen will, dass Gott Vater und Mutter zugleich sein will?  
In Psalm 91 heißt es:  

„Wer im Schutz des Höchsten wohnt und im Schatten des Allmächtigen ruht, der sagt zum Herrn: Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, dem ich vertrauen.“  
 

Das geschieht hier, indem der Sohn in die Arme des Vaters zurückkehrt.  
Der Sohn hat Zuflucht gefunden, das tief-innere Zuhause.  
Der Vater macht es fest: Indem der Sohn Festkleider bekommt und Schuhe, dazu den Siegelring. 
Kleidung bedeutet Würde – so hat sogar Gott selbst schon in der Paradiesgeschichte die plötzlich nackten Menschen umkleidet. !  
Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden.“ 

Alles Verlorene gibt Gott, der Vater und Mutter ist, die Würde zurück. Und damit auch die Freiheit, neu ins Leben zu gehen.  

 

Schluss:  

 

Der (Auf)Bruch – die Heimkehr – der Empfang. Welche Station auf dem Weg des Sohnes ist mir heute nah? Kann ich die Einladung hören und die große Barmherzigkeit der offenen Arme Jesu hören? 

 

Vielleicht sagt jemand, „ja schön, aber das hat doch nur mit Gott und mir zu tun… weltvergessen.“  
Heimkehr ist nicht weltvergessen. Wer heimgekehrt lebt, verändert die Welt: Deswegen singen wir heute als Predigtlied „Amazing grace“. Das populäre Lied von John Newton besingt die große Gnade und Barmherzigkeit Gottes. John Newton war Betreiber eines Sklavenschiffes, 1748 in große Seenot geraten, bewegte ihn diese Erfahrung zur Umkehr zu Gott. Das war ein Prozess. Aber nach einiger Zeit sah er, dass die Barmherzigkeit Gottes, die jedem Verlorenen Würde und Zuhause gibt, nicht mit der Entwürdigung von Menschen vereinbar ist. Er gab den Sklavenhandel auf und wurde trat für die Bekämpfung der Sklaverei ein.  

 

Wir singen heute dieses Lied. Ich lese eine Übersetzung der ersten, dritten und fünften Strophe:  

 

Erstaunliche Gnade! (Wie schön das klingt!.) 

Sie hat einen Elendigen wie mich gerettet! 

Ich war verloren, aber jetzt bin ich gefunden 

War blind, aber jetzt kann ich sehen. 

 

Es war Gnade, die meinem Herz Furcht lehrte, 

und Gnade erlöste mich auch von meinen Ängsten. 

wie kostbar erschien diese Gnade zu der Stunde, 

da ich meinen Glauben fand. 

 

Durch viele Gefahren, Bemühungen und Schlingen 

bin ich schon gekommen. 

Es war Gnade, die mich sicher so weit brachte, 

und Gnade wird mich auch heim geleiten.  

 

Amen.