28.06.2026 - "Anleitung zum Guten" - Predigt zu Röm 12,17-21 am 4. Sonntag nach nach Trinitatis (mit Tauferinnerung) (Pfarrer Stefan Fischer)
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
das Jahr ist auf seiner Höhe angekommen.
Die Tage sind am längsten und hellsten und leider auch am heißesten
Die Biergärten sind voll, es ist die Zeit der Feste.
Menschen reden miteinander, gehen auf einander zu, sind unbeschwerter und gelassener.
Und das ist gut so.
Und weil es nicht selbstverständlich ist, redet davon auch der Apostel Paulus.
Hören wir das Predigtwort für den heutigen Tag aus dem Brief des Paulus an die Römer im 12. Kapitel:
17Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.
Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
19Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
20Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Spr 25,21f.).
21Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Liebe Schwestern und Brüder,
eigentlich will er die Gemeinde in Rom nur daran erinnern, dass sie getauft sind.
Und ihnen sagen, dass damit eine wesentliche Entscheidung in ihrem Leben gefallen ist.
Gott hat bei ihnen bereits gegen das Böse gewonnen.
Aber - Dieser Satz muss auch etwas mit ihrem Leben zu tun haben.
Und es ist ihre persönliche Entscheidung.
Es ist auch unsere Entscheidung, ob unsere Taufe Bedeutung hat für unser Leben, unsere Entscheidung, was im Leben wichtig ist – unsere ganz eigene Entscheidung, für die wir Verantwortung tragen.
Das ist manchmal anstrengend.
Es fällt uns schwer, Böses nicht mit Bösem zu vergelten.
Still zu halten, wenn ich gekränkt werde, die andere Backe hinzuhalten wo mich jemand schlägt.
Es ist schwer auszusteigen aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt – auf der großen Bühne schaffe ich es sowieso nicht.
Um im alltäglichen Umgang miteinander?
Im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz in der Schule und in der Nachbarschaft gilt häufig auch die Regel ‚Sich bloß nichts gefallen lassen‘!
„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt“?
Da nehme ich doch mein Schicksal gerne selbst in die Hand und zeig meinem bösen Nachbarn wie das ist, wenn er mich dumm anmacht.
Wofür habe ich denn eine Rechtschutzversicherung abgeschlossen, wenn nicht für den Rechtsstreit?
Unglaublich, warum und wofür in unserem Land gestritten wird:
- Die Geburtstagsfeier im Garten.
- Rasenmähen.
- Kinder auf dem Spielplatz
- Kirschenklau.
- Und natürlich: Haustiere.
Keiner will aufhören.
Warum sollte ich diesen Nachbarkrieg friedlich beilegen, denn ich hab' doch nicht damit angefangen.
Notfalls klagt mach sich durch alle Instanzen, bis zum Bundesgerichtshof.
So, oder so ähnlich beginnen und eskalieren Nachbarschaftsstreitigkeiten.
Streitigkeiten nehmen Dimensionen an, die von Neid, Missgunst, Hass- und Rachegefühlen geprägt sind.
Solche oder ähnliche Streitigkeiten verstopfen und belasten unsere Gerichte.
Sie müssen entscheiden, wo der Einzelne versagt.
Uns als Christen sollte diese Haltung stören und nachdenklich machen.
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist in vielen kleinen und in vielen großen Dingen der Grundsatz in unserem Leben.
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ - ja, das steht zwar so in der Bibel.
Aber es ist keine Aufforderung zum Handeln, zur Rache.
Die eigentliche Bedeutung ist:
Wenn Du schon Vergeltung übst, dann bitte aber wirklich mit gerechtem Ausgleich, bis ins Kleinste!
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – aufs Hundertste Gramm genau!
Wer kann das, liebe Gemeinde?
Ich kann’s nicht.
Ein Gerichtsurteil hinterlässt bei mindestens einer der Streitparteien eine Spur von Ungerechtigkeit.
Für den Gewinner hätte es ruhig ein wenig mehr sein können; und für den Verlierer ist das Urteil eh immer zu hart.
Und wenn ich die Weltpolitik anschaue, dann kann ich eigentlich nur den Kopf schütteln.
Die gefühlt ewigen Konflikte im Nahen Osten sind immer wieder tragisch-trauriges Beispiel für eine solche Spirale von Gewalt und Gegengewalt.
Wie soll denn so jemals Frieden werden, der aber doch werden muss?
Wir Menschen können unser Leben selbst regeln.
So erzählen wir unseren Kindern seit Kinderbeinen an, dass sie sich durchsetzen sollen und gefälligst stark sein müssen, um sich im Leben durchzuschlagen.
Aber kommt nur der Starke und Rücksichtslose im Leben weiter?
Wir beklagen in der heutigen Zeit zurecht einen Verlust von Werten.
Jeder denke nur noch an sich selbst oder an seine eigene Familie.
Für Solidarität und Gemeinschaft wollen sich weniger Menschen einsetzen – sei denn, es nützt einem selber.
Dieser Trend scheint seit Jahren wie ein Parasit in unserer Gesellschaft zu grassieren.
Wen’s trifft, leidet darunter, aber wo bleibt der Wille, daran etwas zu ändern?
Uns beherrschen Rücksichtslosigkeit, das antrainierte Selbstbewusstsein mit seinen negativen Begleiterscheinungen und das Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Prinzip wie eine chronische Erkrankung, die nicht zu heilen scheint.
Und wer sich erst einmal im Teufelskreislauf von Gewalt, Hass, Missgunst und Rache steckt, der kommt nicht mehr so schnell heraus.
Wenn ich das Gute will, dann muss ich das Gute auch unbedingt wollen.
Ich muss Mut und Energie aufbringen wollen, diesen Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu unterbrechen.
Das meint Paulus, wenn er davon spricht, dass wir nicht Böses mit Bösem vergelten sollen.
Deswegen appelliert er auch an uns, wenn es möglich ist, mit jedem Frieden zu bewahren und auf Rache zu verzichten, auch wenn das manchmal schwierig erscheint.
Uns Christinnen und Christen ist diese Aufgabe durch Gott vorgegeben, der die Liebe ist, und auch der Richter über Gute und Böse.
Unsere Aufgabe ist es, unseren Blick zuerst auf uns selbst zu richten:
Vor Gott bin ich Sünder und brauche als erster seine Vergebung.
Wer die Liebe Gottes und die Macht der Versöhnung am eigenen Leib erfahren hat, der weiß, wovon er lebt.
Wer Vergebung erfahren hat, der wird auch barmherziger mit seinen Mitmenschen umgehen.
Der Blick auf Gott und seine Barmherzigkeit und Güte verändert meine Grundsicht und auch meine Grundeinstellung.
Das heißt dann in der Folge nicht, dass ich mich zu einem Opferlamm verändern und mir alles gefallen lassen muss.
Konflikte und zwischenmenschliche Probleme wird es weiterhin geben.
Es wäre schon viel geholfen, wenn ich nicht der Ausgangspunkt dafür wäre - frei nach Wilhelm Busch:
‚Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, das man lässt’.
Konflikte werden aber auch an mich herangetragen oder ich werde hineingezogen.
Mit einem liebevollen und gnädigen Blick kann dann darauf gelassener reagieren, das große verbindende Ziel im Blick:
Ich will das Gute für beide Seiten – für den anderen und natürlich auch für mich!
Vielleicht ist es ein Kompromiss, der beiden Seiten nicht hundertprozentig schmeckt.
Vielleicht muss ich bei besonders harten und widerwärtigen Menschen auch mal auf die Zunge beißen und mich verwundert abwenden – und ja, vielleicht braucht es – wenn nichts anderes vorher geholfen hat – auch ein gerichtliches Urteil.
Aber ich hab’s wenigstens versucht.
Der Klügere gibt nach – auch wenn’s weh tut.
Aber immer noch leichter zu ertragen als kleine und große Kriege, die nicht enden und nur sinnlos Opfer hervorbringen.
Paulus blickt auf den gnädigen Gott und hat die realistischere Sicht der Dinge, wenn er Hass, Streitigkeiten, Gewalt und die kleinen und großen Kriege von ihren Folgen her bewertet.
Was bringt es mir, wenn ich irgendwann einmal Recht bekomme, aber mein Leben finanziell oder seelisch ruiniert ist?
Und wie soll ein Mensch an die Macht der Versöhnung, Liebe und Barmherzigkeit glauben, wenn er sie niemals in seinem Leben verspürt hat?
Wie sollen Kinder und Jugendliche Solidarität und Nächstenliebe oder sogar Toleranz gegenüber fremden Menschen üben, wenn sie es nicht von uns Christen hin und wieder vorgelebt bekommen?
Und wie heilsam Versöhnung ist, die Fähigkeit zu verzeihen und Liebe unter uns Menschen wirken zu lassen, das kann jeder selbst ermessen.
Da fallen zentnerschwere Lasten von der Seele,
die zerstörerische Energie des Hasses löst sich,der Blick für das Leben weitet sich und öffnet sich wieder.
Das meint Jesus, wenn er die Liebe predigt.
Das meint ein Leben, das aus der Vergebung lebt.
Das meint Paulus, wenn er sagt:
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.