28.06.2026 - „Know How fürs Zusammenhalten“ - Predigt zu Röm 12,17f.21 am 4. S. n. Tr. in Zedtwitz/TVO (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)
Der Gottesdienst ist in der Mediathek von TVO nachzuschauen:
Gottesdienst „Zusammenhalten“ in der Friedenskirche Zedtwiitz
Teil IDas Gute suchen
„Mit dem Dorf stimmt was nicht. Und zwar ganz massiv.“:
In Unterleuten, dem Dorf im gleichnamigen Roman von Juli Zeh, soll ein Windpark gebaut werden. Es ist ein ganz normales Dorf in Brandenburg. Die unberührte Natur und die alten Häuser ziehen Stadtflüchtlinge aus Berlin an. Einheimische und Zugezogene wollen in Frieden leben. Dann das: Der Windpark lässt Streitigkeiten ausbrechen, die über Jahrzehnte verdeckt schwelten.
Der Nachbar verbrennt Autoreifen, um die nervigen Zugezogenen zu vertreiben. Die Dorfversammlung eskaliert. Ein Kind verschwindet. Die Gerüchteküche kocht. Der friedliebende Ökoprofessor wirkt beinahe glücklich, wenn er von Mord und Totschlag träumt. (372). Kann das sein?
Liebe Gemeinde!
Ja, das kann sein, auch wenn das Szenen aus einem Roman sind. Es ist toll, wenn Zusammenhalt gelingt. Doch die Erfahrung zeigt: Zu oft haben zwischenmenschliche Verstrickungen das Sagen. Der Predigttext für den heutigen Sonntag nimmt die Herausforderungen des Zusammenlebens in den Blick.
Ich lese aus dem Römerbrief im 12. Kapitel:
17Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden…21Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Paulus schreibt an die Gemeinden Rom. Er kennt sie nicht. Und trotzdem hält er diese Appelle für angemessen. Er weiß, wo Menschen zusammenleben, kanns schwierig werden. Auch bei den Christen.
Die Unterleutener verfolgen ganz verschiedene Interessen. Der Agrarunternehmer will das Geld für sein Land. Die Berliner Aussteiger gute Luft und schöne Aussicht. Der Alteingesessene, dass alles so bleibt, wie es immer war.
Seid auf Gutes bedacht! Fordert Paulus. In Unterleuten wollen alle irgendwie das Gute: Der Unternehmer den Betrieb retten und die Arbeitsplätze. Die Berliner das Ökosystem erhalten. Die Alteingesessenen den Frieden im Dorf. Trotzdem passiert Schreckliches.
Was ist das Gute?
Paulus verankert das Gute ein paar Verse vorher fest in der agape. Der Liebe. „Liebe soll aufrichtig sein. Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest.“
Liebe ist da kein romantisches Gefühl, sondern die Entscheidung, sich uneigennützig dem Mitmenschen/Nachbarn zuzuwenden. Diese Art von Liebe ist pragmatisch. Sie hilft, dass Frieden und Gutes im Alltag Gestalt gewinnt.
Ich bin Ordensschwester und lebe in einer Gemeinschaft, [der CommuntitätChristusbruderschaft], die aus Menschen besteht, die sind, wie Menschen eben sein können. Auch wenn sie fromme Gewänder tragen, gibt es Konflikte, oft untergründig-versteckt. Aus dem Weg gehen, ist eine mögliche Lösung. Oder Runterschlucken. Aber dann staut es sich an. Ich erlebe: Für Entscheidungen der Liebe braucht es Reflexionsvermögen. Bevor ich handle, heißt es innehalten. Mich spüren. Und überlegen: Wie will ich reagieren?
Ich war erst wenige Monate im Orden, da gab es einen banalen Konflikt mit einer viel älteren Schwester. Es ging um das Abdecken des Geschirrs beim Mittagessen. Einige Tage später kann die 80-Jährige auf mich zu: „Es tut mir leid. Und übrigens können wir Du sagen.“ Meine Mitschwester ist mir nicht aus dem Weg gegangen, sie hat reflektiert und sich für die Versöhnung entschieden. Seitdem habe ich mich mit ihr sehr verbunden gefühlt.
„Die Liebe sei ohne Falsch.“ sagt Paulus. Liebe sucht die Wahrheit. Sie weiß, dass der erste Eindruck nicht das ganze Bild ist. Die Liebe stellt sich zur Wahrheit und zu dem, was dem Frieden dient.
Wo haben Sie erlebt, dass ein Schritt weg von Befürchtungen und Vorurteilen Gutes bewirken kann?.
--- Musik ---
21Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Ein Wolf bedroht die Stadt. Nicht das Einkaufszentrum in Hamburg, wie im vergangenen Sommer, sondern die Stadt Gubbio im mittelalterlichen Italien. So erzählt es eine Legende über Franz von Assisi. In diesem Jahr begehen wir seinen 800. Todestag.
Die Menschen fallen in Angst und Schrecken. Franziskus hört davon und macht sich auf den Weg. Er liebt die Menschen und die Tiere. Er geht dem Wolf entgegen. Und spricht ernst mit „Bruder Wolf“. Im Namen Jesu Christi schließt er ein Abkommen. Die Menschen sorgen für den Wolf, der Wolf verschont die Menschen.
Der Wolf steht für das Böse. Es gibt Wölfe in unserer Welt. Auch im übertragenen Sinne. Wie gehen wir damit um? Ich sehe in der Weltpolitik Mächtige, die alles unter ihren machtbesessen Füßen kleintreten. Ich fühle mich zu ohnmächtig, das Böse zu überwinden.
Die Worte des Paulus gelten nicht zuerst den Mächtigen. Paulus lädt ganz normale Menschen ein, sich selbst zu reflektieren. Gibt es den Wolf auch in mir?
Vielleicht ist es keine offensichtliche Gewalt, die ich ausübe. Möglicherweise ist es stille Aggression, die sich gegen andere oder mich selbst richtet. Es kann selbstschädigendes Verhalten oder subtile Bitterkeitsein, die meinen Mitmenschen das Leben vergällt.
Die Schriftstellerin Luise Rinser schreibt ihre Biografie unter dem Titel „Den Wolf umarmen“. Sie hat Schweres in ihrer Kindheit erlebt. Sie stellt sich diesen Erinnerungen, damit sie kein wölfisches Eigenleben führen.
Wer sich traut, dem Wolf in sich zu begegnen, kann ihn zähmen und ein Abkommen schließen, wie Franz in Gubbio.
Luther nennt das „den alten Adam wieder und wieder zu „ersäufen“. Sich darauf zu stellen, dass Jesus dem Bösen die Macht genommen hat mit seiner uneigennützigen Liebe.
Jesus selbst schaut dem Wolf ins Gesicht: Er leidet einen ungerechten Tod. Und gleichzeitig überwindet er ihn.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Mit diesem Satz beschreibt Paulus das, was Jesus getan hat. Für dich und mich. Er kann das, was ich nicht kann. Er schreibt Unglücksgeschichte um.
Die unendliche Liebe Jesu gibt den Rückhalt, wenn wir es wagen, zusammenzuhalten.
Mit Jesus geht die Geschichte anders als aus die in dem Roman „Unterleuten“.
Unter den Leuten sind Menschen, die über ihren Schatten springen. Sie gehen mutig kleine Schritte im Miteinander. Ein freundlicher Gruß, obwohl die Familien verstritten sind. Ein absurdes Gerücht nicht weitersagen. Zusammen Anpacken, obwohl wir nicht dieselbe Herkunft oder politische Meinung haben. Auch wenn ihnen Böses entgegensteht, geben sie die Liebe nicht auf.
Denn: Liebe ist nicht nur ein Wort – Liebe, das sind Worte und Taten. Als Zeichen der Liebe hat Jesus Christus das Böse überwunden. Amen.