02.08.2026 - "Würde und Bürde des Prophetenamts" - Predigt zu Jeremia 1,4-10 am 9. Sonntag nach Trinitatis (Pfarrer Stefan Fischer)

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Wir hören das Predigtwort aus dem Buch des Propheten Jeremia, Kapitel 1, die Verse 4 bis 10:

4 Des HERRN Wort geschah zu mir:
5 „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“

6 Ich aber sprach: „Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“
7 Der HERR sprach aber zu mir:
„Sage nicht:
»Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
8 Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten“, spricht der HERR.
9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir:
„Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Liebe Gemeinde,
eine Berufungsgeschichte von ganz großem, biblischem Format haben wir da gehört.
Unsere eigene Berufungsgeschichte mag vielleicht ein bescheideneres Format haben, aber sie ist nicht weniger wichtig, denn sie muss gelebt zu werden!
Die Berufung Jeremias hat auch mit unserem Leben zu tun, mit unseren je eigenen Berufungen.

Unsere persönliche Berufungsgeschichte beginnt auch ganz früh, bereits pränatal, vorgeburtlich, wie bei Jeremia.
Wir alle bringen schon etwas mit auf die Welt, was einmalig nur je uns verliehen ist.
Es da gibt etwas, das bestimmen nicht die Eltern, das steckt bereits im Kind drin.

Ich habe dazu einen schönen Text gefunden.
Hören wir, was der große Pädagoge, Kinderarzt und Menschenfreund Janusz Korczak geschrieben hat:
„Stellt Euch vor, der berühmte Komponist Grieg [...] [hätte] einen Sohn.
Was möchtest Du werden? - fragen Vater Grieg [seinen] Sohn.
Ich möchte Schornsteinfeger werden.
Mein Kind, bedenke – sagt der berühmte Vater – durch meinen Namen, meine Beziehungen und mein Vermögen kannst Du eine ganz andere Stellung im Leben einnehmen.
Mein Papachen, entweder erlaubst Du mir, Schornsteinfeger zu werden, oder ich erschieße mich.
Und stellt Euch vor, der Vater erlaubte dem Sohn, Schornsteinfeger zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser junge Mann einer der glücklichsten Menschen der Welt geworden ist. Die vom Vater geerbte Intelligenz würde er für die Tätigkeit des Schornsteinfegens einsetzen, eine neue Methode für das Hinabsteigen in die Schornsteine erfinden, auch einen Spezialstoff für die Arbeitsanzüge der Schornsteinfeger, er würde ein Orchester und eine Gesellschaft für Schornsteinfeger gründen, er würde Vorsitzender der Kasse der Witwen und Waisen von Schornsteinfegern werden, er würde das Niveau dieses Gewerbes auf der ganzen Welt heben, seine Kollegen würden ihn verehren, seine Nachfolger würden ihn in Ehren halten.
Was würde jedoch geschehen, wenn der Jüngling seine Ideale, die ihn so tief ergriffen haben, dem Willen des Vaters opfern würde?
Wäre er Komponist geworden, würde man ihn halblaut loben, bis jemand, ein bisschen kühner von Natur aus, rufen würde: „Schornsteinfeger hätte er werden sollen.“
Und er würde (in hilflosem Schmerz) an seinen Kleidern herumnesteln, gebrochen, unglücklich.
Und wie viel mehr Enttäuschungen würden ihn erwarten, wenn er eine finanzielle oder diplomatische Laufbahn eingeschlagen hätte- drei- und viermal so unglücklich wäre er geworden ...
Eltern!
Wenn Ihr kleine Kinder habt, versucht, sie auszuhorchen, was sie werden wollen, versucht in ihnen Interessen wachzurufen.
Eltern!
Wenn Ihr große Kinder habt, stört sie nicht in ihren Vorhaben. […]
Wenn Ihr anders handelt, beschwört ihr auf Euch und Eure Nachkommen ein Unglück herauf.
(In: Mit Janusz Korczak die Kinderwelt verstehen, Herder, S.59-61)

So weit Janusz Korczak......um ein bisschen zu spüren,
dass es um etwas ganz Zentrales geht bei dem göttlichen Wort „ich kannte dich ehe du von der Mutter geboren wurdest.“
In jedem Mensch, der auf die Welt kommt, steckt schon ein Gedanke Gottes.
Jeder und jede bringt etwas mit, womit gerade er, gerade sie der Welt ein Segen, eine Hilfe, eine Freude sein kann.
Das ist das erste, das wir aus dem heutigen Bibelwort für uns heraushören dürfen: Gott hat Dir eine Bestimmung zugedacht.

Das zweite folgt daraus: Die Jugend ist die Zeit, in der die Berufung entdeckt, erprobt, und auch schon ein Stück weit ausgebildet werden will.

Von dieser jugendlichen Phase der Berufung erzählt Jeremia.
Es hört sich nach einer sehr unbequemen Phase an, voller Spannungen.
Man denke, seine Familie gehörte der Priesterkaste an.
Vater und Vorväter waren Priester gewesen.
Und selbstverständlich war auch der junge Jeremia für den Priesterdienst vorgesehen.

Aber da sollte nichts draus werden, weil Gott fand, dass gerade er das Zeug zu einem anderen, allerdings ganz schwierigen und äußerst undankbaren Job, hatte.

Er sollte Prophet werden, also Gottes Sprachrohr in richtig schwierigen Zeiten.
Diese... diese... ich sag mal bewusst „Berufungskiste“ ist für den jungen Jeremia garantiert nicht glatt und kampflos abgegangen, weder mit sich selbst, noch mit seinem Gott, noch mit Familie und Öffentlichkeit.
Unsre knappen Verse zeugen von nicht geringen Diskussionen.
Bei Jeremias Berufung wurde das normale alt-jung-Gefälle (sprich: die Alten sagen, was Sache ist, und bringen den Jungen bei, was Recht und Ordnung ist.) - dieses Gefälle wurde umgekehrt:
Der Junge soll den Alten texten, wo's lang geht.
Der junge Jeremia braucht enorm viel Mut, einer Erwachsenenwelt gegenüber zu treten.
Er soll ihr den Rost runtertun, im Namen Gottes.
Gott bestellt ihn zum Querulanten, zum Sand im Getriebe.

Er muss den Miesepeter machen mitten unter einem Geschlecht, das selbstsicher, überheblich und gottvergessen sich eingelullt hatte.
Jeremia ahnt wohl, was ihm blühen könnte, wenn er diese Berufung annimmt.

Nicht ein Priestergewand, sondern Straßenkittel wird er tragen,
nicht Psalmengesänge sondern Protestlieder singen,
nicht am Rednerpult im Gottesdienst sprechen,
sondern auf Marktplätzen und Gassen,
nicht Ehrengast auf Tribünen sein, sondern Aktivist vor dem Königspalast.
Nicht schöne Kultrituale mit anschließendem Festessen wird es geben, sondern krasse Hinguck-Aktionen mit anschließendem verhaftet, verhört und eingesperrt werden,
kein Applaus, sondern öffentliche Häme warten auf ihn.

Denn er wird nichts auslassen, nichts auslassen dürfen, weil Gott ihm die Worte in den Mund legen wird:
Er wird die Militär- und Bündnispolitik seines Königs angreifen,
die Wirtschafts- und Sozialpolitik des Landes geißeln,
geheuchelte Frömmigkeit, faule Gesetzgebung, verdrehte Rechtsprechung wird er anzuprangern haben.
Ja, die Zerstörung Jerusalems wird er ankündigen müssen, samt Zerstörung des Tempels und die Verschleppung der Restbevölkerung nach Babylon.

Wie überaus nachvollziehbar, dass Jeremia sagt:
„Dem bin ich nicht gewachsen. Das soll machen wer will. Ich kann das nicht!“

Jeremia hat recht damit.
Denn niemand ist seiner Berufung gewachsen.
Gottes Berufungen sind immer etwas zum Hineinwachsen.

Wo einer sendungsbewusst die Brust breit macht und seine Berufung heraushängt, da sollten wir sehr auf der Hut sein.
Die wirklich Berufenen hatten dagegen stets hundert Ausreden.
Mose: ich habe eine schwere Zunge.
Abraham und Sarah: wir sind zu alt für Kinder.
Paulus: ich habe Menschenleben auf dem Gewissen.
Selbst Jesus hätte am liebsten den Kelch seiner Berufung lieber nicht ausgetrunken, und nimmt ihn letztlich nur aus Gottes guter und geliebter Hand.

Jochen Klepper dichtet in „Der Prophet“ sehr treffend:
Kein Prophet sprach: „Mich Geweihten sende!“
Eingebrannt als Mal war es in allen:
Furchtbar ist dem Menschen, in die Hände
Gottes des Lebendigen zu fallen.
Kein Prophet sprach: „Mich Bereiten wähle!“
Jeder war von Gottes Zorn befehdet.
Gott stand dennoch jedem vor der Seele,
wie ein Mann mit seinem Freunde redet.
Kein Prophet sprach: „Gott, ich brenne!“
Jeder war von Gott verbrannt.
Kein Prophet sprach: „Ich erkenne!“
Jeder war von Gott erkannt.

Soviel zum Tauziehen zwischen Jeremias „ich bin zu jung“ und zu Gottes „sage nicht 'ich bin zu jung'“.

Wer ein solches Tauziehen in der Seele kennt, darf schließlich aber auch zum Dritten gelangen, von dem unsere heutigen Bibelversen sprechen:
Zum großen, berührenden und gewinnenden Fürchte-dich-nicht.
„Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“

Wer Berufung lebt, liebe Gemeinde, durchlebt Anfechtung.
Wer aber angefochten ist, erlebt auch Gottesberührung.
Gottes wunderbares Fürchte-dich-nicht berührt uns,
berührt den Mund der Sprechenden,
berührt Hand und Fuß der Musizierenden,
berührt das Herz der Erziehenden, der Pflegenden,
berührt den Verstand der Forschenden
berührt die Sinne der Kunst schaffenden,
berührt das Gewissen der Handeltreibenden,
berührt den Geist der Regierenden,
berührt das Urteilsvermögen der Rechtsprechenden,
berührt die Kraft des Arbeitenden,
und berührt auch deine Seele,
ob du nun Schornsteine fegst oder was auch immer gerade dein Beitrag zum Reich Gottes ist -
Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, spricht dein Gott.
Amen.

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.