30.08.2026 - „Kirche und Konflikte - konstruktiv“ - Predigt zu Apg 6,1-7 am 13. Sonntag nach Trinitatis (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)

Der Predigttext steht in der Apostelgeschichte des Lukas im 6. Kapitel in der Einheitsübersetzung.

1 In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, begehrten die Hellenisten gegen die Hebräer auf, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden.[1] 2 Da riefen die Zwölf die ganze Schar der Jünger zusammen und erklärten: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen. 3 Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. 4 Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben. 5 Der Vorschlag fand den Beifall der ganzen Gemeinde und sie wählten Stephanus, einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist, ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia.[2] 6 Sie ließen sie vor die Apostel hintreten und diese legten ihnen unter Gebet die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger in Jerusalem wurde immer größer; auch eine große Anzahl von den Priestern nahm gehorsam den Glauben an. 

 

Liebe Gemeinde,

Über meine Herkunftsfamilie meinen manche, das sei eine Vorzeigefamilie. Vater, Mutter, 5 Kinder. Es gibt Bilder, da stehen wir Kinder aufgereiht wie Orgelpfeifen in Partnerlook da. Oder Hände faltend am Küchentisch. Bilderbuchmäßig bei öffentlichen Auftritten – singend oder mit Musikinstrumenten.
Was wenige wissen – wie das war bei uns, wenn ein Konflikt eskalierte und meine Mutter schnell die Fenster schloss, damit nicht die halbe Altstadt erfuhr, wie es bei den Stawenows wirklich zuging.

Bilderbuchmäßig schildert Lukas die erste Christengemeinde: „Sie waren täglich einmütig beieinander… sie hatten alle Dingen gemeinsam“ (Apg 2,46+44) heißt es im 2. Kapitel der Apostelgeschichte. Bibelausleger werfen Lukas vor, dass er Probleme unter den Teppich kehrt.
Jetzt, im 6. Kapitel aber, lässt er „das Fenster etwas offen“ und es kann herausdringen, wie es auch zugeht:
Es gibt Konflikte!
Weil die Gemeinschaft divers ist:
Menschengruppen mit besonderen Bedürfnissen und aus verschiedenen ethnischen Hintergründen..
Da sind die „Einheimischen“ – die aramäisch sprechenden Christusgläubigen und da sind die „Zugezogenen“. Sie sprechen die Weltsprache Griechisch und stammen aus anderen Provinzen.
Da ist die Gruppe der Witwen, die von der Gemeinschaft, wie es in der Thora verankert ist, versorgt werden sollen.
Aber die „fremdsprachigen“ Witwen kommen nicht zu ihrem Recht.
Das ist Grund der Beschwerde!
Drei Gedanken möchte ich zu dieser Situation äußern:

1. „So geht es nicht weiter!“ – Lösungsorientierung statt Debatte

Das Leitungsgremium hört die Klage.
Es stellt die Würde der Witwen nicht infrage. Geschlossen treten sie für die Rechte der Armen ein. Aber: Den Missstand zu beseitigen überfordert die Kapazität.
Man bedenke: Die Apostel sind hebräisch-, die übersehenen Witwen griechisch-sprachig.
Wer kann ihnen näher und zugewandter sein als die, in deren Mitte sie leben?
Heute diskutieren wir viel über Diskriminierung und Gleichberechtigung.
Wie deuten wir die Entscheidung der Apostel? Als diskriminierend, weil die Gruppen getrennt bleiben und sich das Leitungsgremium dieser Sache nicht annimmt?
Als pragmatisch und wertschätzend, weil die sonst übersehene Randgruppe auf diese Weise ihnen adäquate und gute Betreuung bekommt?
Sicher, das wird für Diskussionsstoff in der Gemeinde gesorgt haben: Die eine fühlen sich gesehen, die anderen herabgestuft.
Aber, was nicht in Frage gestellt wird: Dass die Witwen, auch die griechischsprachigen der Zuwendung würdig sind.
Ich sehe eine Klarheit in den Werten der ersten Gemeindeleitung.
Das stärkt allen den Christenmenschen heute den Rücken, die sich mit Vehemenz und Klarheit für die Würde von Ausgegrenzten einsetzen – entgegen einem menschenverachtenden Wahlprogramm, das die christliche Religion als kulturelle Ordnung benutzt für eigene Interessen.
Die Zwölf Apostel treffen eine Entscheidung FÜR die Mitmenschen, die Benachteiligung erfahren haben.

Aber: Sie setzen Prioritäten: „Wir schaffen das nicht.“ Es geht nicht alles, wenn wir die Leitung die Hauptsache, das Evangelium und das Gebet nicht aus dem Blick verlieren will.
Deswegen:

2. Es gibt noch mehr begabte Menschen! – Aufgabenteilung


Sie sprechen die Grenze ihres Engagements an. „Es wird zu viel“, sagen sie, „weil wir so viele werden.“
Die Kirche heute hat das gegenteilige Problem: „Es wird zu viel, weil wir so wenige werden.“ Die finanziellen Ressourcen reichen nicht, das ausufernde System aufrecht zu erhalten.“
Die Konsequenz ist eine ähnliche:
Die Verantwortlichen können sich nicht selbst um alles kümmern.
Der Pfarrer ist nicht mehr der, der im Pfarramt sitzt, Geburtstagsbesuche macht und die Großeltern beerdigt. Auch er (oder sie in meinem Fall) muss mit der Erkenntnis klarkommen, dass es noch mehr begabte und befähigte Menschen gibt und braucht! Vielleicht sogar Menschen, die manches einfach besser können.
Die griechischsprachige Community darf selbst suchen und wählen, welche Menschen sie für verantwortlich und begabt halten.  
Ihre Aufgabe ist keine geringere: Sie sind geistliche Leitungsautoritäten mit klarem Schwerpunkt.
Wo bräuchten wir das auch?
Den Blick für die Gaben unter uns.
Eine gelingende Aufgabenverteilung.
Verantwortliche, die sich der Wahl und Beratung der Betroffenen unterstellt.
Und damit wäre ich bei drittens.

3. Jeder „dient“ an seiner Stelle – ohne Amtshierarchie

Im griechischen Text -  (Das sei betont bei der Diskussion, denn letztlich hat die griechischsprechende Community das frühe Christentum geprägt, und das obwohl sie nach dem Märtyrertod des Stephanus aus Jerusalem fliehen musste.) -  
Im griechischen Urtext findet sich das Wort „diakonia“ – für Dienst oder dienen drei Mal.
Einmal meint es die tägliches Versorgung der Witwen (6,1). Das zweite Mal wird es für den Tischdienst verwendet (6,2), das dritte Mal als „Dienst am Wort“ (6,4). Die Bibelausleger streiten, ob hier eine Amtshierarchie angelegt wird. Der Diakon also geringer steht als der spätere Bischof, Gemeindeleiter oder Ältester.
Nein! Beide Gruppen charakterisiert die Bevollmächtigung mit dem Heiligen Geist. Sie dienen und verkünden damit das Evangelium. Aber sie teilen die Aufgaben.

Schluss:

Ja, und – was geht’s mich an? Vielleicht fragen Sie das, gerade, wenn Sie andere und wichtigere Herausforderungen durchleben als Kirchenstrukturen und Legitimationen von Christenmenschen.
Ja, und: Das UND ist Jesus, der das Dienen vorgelebt hat:

Lukas erzählt im Evangelium von Jesus, der sehr klar sagt: „Der größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener. Ich aber bin unter euch wie ein Diener.  (Lk 22,27)

Ganz gleich, wo ich mich gerade einordne hier in der Kirche.
Als jemand von den „Bedürftigen“, die gerade einfach nur Zuwendung brauchen, Trost, Nahrung.
Oder als jemand, der Verantwortung übernimmt, mithilft, was auf den Weg bringen will.

Jede und jeder von uns ist mal Gebender oder Nehmende. Jeder darf dienen und bedient werden.

Voraussetzung, um Weiterschenken zu können – wie der barmherzige Samariter von dem wir gehört haben, ist, sich beschenken zu lassen:
Die Regel meiner Ordensgemeinschaft beschreibt Leitlininen des Lebens als Schwester der Christusbruderschaft. An vielen Stellen sind sie allgemeingültig. So auch zum Thema „Diakonie“:

„Alles Sichverschenken im Dienen bedarf immer wieder der Rückkehr in die offenen Arme Jesu Christi. Teile mit ihm, was du aufgenommen hast. Lass dir selber von ihm und deinen Schwestern und Brüdern (in Christus) dienen. Nur so wird der Atem der Liebe in dir bleiben.“

Bergen wir uns in die offenen Arme Jesu. Damit die Liebe bleibt, die uns Mut gibt, in und trotz Konflikten für Benachteiligte einzustehen. Amen.