20.09.2026 - „Geistliche Begleitung - Ermutigung zum Glauben“ - Predigt zu 2.Tim 1,6-10 am 16. Sonntag nach Trinitatis (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)

Predigt zu 2. Tim 1,7-10
am 16. Sonntag nach Trinitatis, 20. 09.2026

Friedenskirche Zedtwitz / Hospitalkirche Hof

Pfrin. Sr. Elise Stawenow

Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten:

Liebe Gemeinde,

vor einiger Zeit suchte ich mit Eltern einen Taufspruch für das Kind.
Sie erzählten, was sie sich für das Kind wünschten: Dass es geschützt bleibt, aber auch mutig für sich und andere einsteht. Dass es ein guter Freund für die Menschen um ihn herum wird.
Und ich fragte nach der Familie: „Was wurde Ihnen mitgegeben? Was hat Sie geprägt?“ Denn das wird auch für das Kind eine Rolle spielen.
Ganz nebenbei wurde mir erzählt: Da war so eine Urgroßmutter, die hat damals in den letzten Kriegstagen eine Frau beherbergt, die einfach vor der Tür stand und eine Bleibe suchte. Das war gefährlich, sie wusste ja nicht wer´s war. Aber sie hats gemacht. Ziemlich mutig. Später wurde sie geehrt dafür, denn es sei die Gräfin von Stauffenberg gewesen.
Ja, Mut in herausfordernden Zeiten, das sollte auch das Taufkind begleiten. Und so wählten die Eltern einen Spruch, der heute mit zum Predigttext gehört:

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Ich lese weiter wie Paulus an Timotheus schreibt (2. Tim 1,7-10)

Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.

9Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium. (Luther 2017)

Liebe Gemeinde,
haben Sie einen Menschen, der Sie positiv geprägt hat und ein Wegbereiter war für Ihren Glauben? Das kann ein Taufpate sein, eine Großmutter oder ein Lehrer, eine Freundin.

Für Timotheus war Paulus ein wichtiger geistliche Vaterfigur, der ihn ermutigte für seinen Dienst, das Evangelium weiterzusagen. Die beiden können sich nicht sehen, weil Paulus im Gefängnis ist. Aber die Verbundenheit und das Vertrauen bleibt. Der Brief beschreibt ein inniges Verhältnis der beiden. Paulus ist in einer schweren Situation. Trotzdem ist er Mutmacher, nicht aufzugeben, sondern mutig für die frohe Botschaft von Jesus und einzustehen.

Was macht Mut?

Ich habe drei Punkte gefunden und möchte den Text von hinten aufziehen:

1) Verändertes Vorzeichen: Auferstehung Jesu

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

Das schlimmste was im Leben passieren kann ist der Tod. Daran hat die Menschheit zu kauen und arbeitet sich ab. Das Leben, das mit der Geburt beginnt und bei uns noch traditionell mit der Taufe gefeiert wird, endet von der Erde her gesehen am Grab.
Wir Christ*innen vertrauen, dass wir mit dem Tod in die Arme Gottes fallen, weil Jesus dem Tod ein Enden gemacht hat.
Jeder wird irgendwann sterben. Aber sein Leben bewusst aufs Spiel setzen zu müssen, ist heftig.
Ich denke an Gräfin von Stauffenberg, die nach der Attentatauf Hitler vom 20. Juli 1944 und der Hinrichtung ihres Mannes, der es ausgeübt hatte, inhaftiert und von ihren Kindern getrennt wurde.
Ich denke an mutige Menschen am Wegesrand, die Tür und Herz öffneten. Das war lebensgefährlich.
Das Vorzeichen „Auferstehung“ setzt ein Signal: Auch wenn du fällst, wirst der Tod nicht das letzte Wort haben in deinem Leben:
Gräfin von Stauffenberg schreibt in den schweren Stunden ihrer Haft ein Gedicht. Sie fühlt sich mit ihrem verstorbenen Mann eng verbunden und schreibt ein Gedicht mit dem Titel „Unser Papi“
„Du bist bei mir
Wenn auch dein Leib verging
und immer ist als  ob
Dein Arm mich noch umfing“ (S. 43)

Sie spürt, was viele Menschen fühlen, wenn sie einen Geliebten vermissen: Das Nahesein trotz der Trennung.
Im Glauben machen wir diese Hoffnung fest in der Auferstehung Jesu.
Das Vorzeichen, das in unserem Leben gilt, ist ein Plus: Ausdem Minus, das das Lebensende charakterisiert, wird ein Plus mit der Auferstehung. Leben trotz Lebensbedrohung!

2) In dir steckt ein göttlicher Funken

9Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt.

Jeder Mensch ist von Gott ausgestattet mit einem göttlichen Funken, der in ihm lebt, auch wenn der Mensch selbst  ihnübersieht oder sein Leuchten eindämmt, so sagt es die jüdische Theologie. Es ist Gott in dir, der dich selig preist, glücklich schätzen lässt, dass du zu ihm gehört. Das kann man Berufung nennen, die jeden Menschen betrifft.. Das ist in der Taufe fest gemacht.
Um herauszufinden, was das bedeutet und was deine ureigenste Berufung ist, ist es gut, wenn andere Menschen dich begleiten und Vorbilder sind.

Deshalb gibt es Paten. Menschen, die prägen. Bei Timotheus waren es seine Großmutter Lois und seine Mutter Eunike. Großartig, dass diese beiden im Brief ein paar Zeilen vorher ausdrücklich erwähnt werden. Paulus prägt Timotheus als geistlichen Vater. Bis heute braucht es Menschen, die helfen, das Feuer des göttlichen Funkens zu entfachen und anzudocken am Fundament Jesus Christus. Das kann auch durch eine Ermutigung in Form einer Zurechtweisung geschehen.
Paulus sagt als geistlicher Vater sehr klar zu Timotheus: „Deshalb ermahne ich dich, das Feuer der Gabe Gottes in dir wieder zu entfachen…“ (2 Tim 1,6 BB)
Wer hilft mir, mein inneres Feuer zu entzünden, damit ich neu Glauben fasse?
In Selbitz bin ich tätig in der Ausbildung zur Geistlichen Begleitung. Da lernen Menschen Grundlagen, um anderen in ihrem Fragen und Suchen nach Gott beizustehen.

3) Du darfst den Mut üben!
Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Man kann auch übersetzen: einen Geist der Kraft, der zur Liebe und zur Besonnenheit führt.
Damit sind die Werte Jesu als Kriterium der Unterscheidung deutlich markiert: Die Liebe und die Besonnenheit. Besonnenheit heißt alle Sinne einzusetzen. Es kann auch mit Zurechtweisung übersetzt werden. D.h. das zu suchen, was zur Besonnenheit führt: Damit wird man nicht fertig, es heißt immer wieder neu das Leben anzuschauen und zu fragen: Was führt zu Gott und zur Liebe? Was dagegen führt zum Misstrauen und Hass?

Der Geist der Furcht oder Feigheit - wie es genauer übersetzt heißen könnte - hat Sorge, dass ich schlecht weg komme, er will Sicherheit haben, auch auf Kosten anderer.
Heute ist wieder Wahl – in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin.
Menschen dürfen entscheiden. Da sind verschiedene Geister handlungsleitend. Der Geist der Furcht, auch der Unzufriedenheit sucht den eigenen Vorteil. Der Geist der Kraft zur Liebe und Besonnenheit wägt ab: Was dient allen Menschen und ihrer Würde?

Was wäre, wenn: Auch heute wieder Menschen an die Tür klopfen und für eine Nacht Unterschlupf suchen, weil sie verfolgt werden?
Wir sind soweit, dass wir nicht wissen, was kommt. Es scheint der Widerstand für Mitmenschlichkeit und Liebe zu jedem Menschen jetzt schon sehr notwendig. Den Mut dazu können und sollen wir üben.

Umso wichtiger zu wissen: Das Fundament ist klar, Jesus hat dem Tod die Macht genommen.
Und Tag für Tag dürfen wir den Mut üben: Nicht auf die Stimmen der Feigheit zu hören, sondern auf die der Liebe und der Besonnenheit! Möge der göttliche Funke in uns wachsen. Damit wir glauben haben.

Schluss:

Die Geschichten der Väter und Mütter, die Mut bewiesen haben, helfen – über Generationen hinweg – sich selbst zum Mut anstiften zu lassen.
Dabei ist es nicht wesentlich, ob die Erzählung so oder ein bisschen anders der Realität entspricht. Der 2. Timotheusbriefist möglicherweise gar nicht von Paulus geschrieben, und ob die Geschichten so stimmten, wie sie erzählt werden, ist natürlich unsicher. Aber die Botschaft dahinter zählt.
In der Biographie von Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg habe ich nachgelesen: Sie wurde in den Kriegswirren vom KZ Ravensbrück über Frankfurt/Oder, wo sie ihr fünftes Kind entband, weitergeschickt – als Inhaftierte. In Hof ging es nicht weiter. In Trogen wurde sie aufgenommen, samt Wachmann. Mit dem Näherkommen der Front setzte dieser sich ab. Nun war sie im Vakuum. Fand Unterkunft in Unterhartmannsreuth(157-167).
Mutige Lebenszeugnisse können Begleiter werden, um im eigenen Leben Mut zu lernen.
Und der Segen der Taufe, der das Fünklein Gottes zum Leuchten bringt, gilt:
Gott hat dir nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Amen.

Informationen und Zitate zu Gräfin von Stauffenberg aus : Konstanzevon und  Schulthess, Nina Schenk Gräfin von Staufenberg. Ein Porträt, München/Zürich 2008).