27.09.2026 - "Grenzenloser Friede" - Predigt zu Matthäus 15,21-28 am 17. Sonntag nach Trinitatis (Pfarrer Stefan Fischer)
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir hören unser heutiges Predigtwort aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 15, die Verse 21-28:
21 Und Jesus ging weg von dort [See Genezareth] und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.
22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie:
Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.
23 Und er antwortete ihr kein Wort.
Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen:
Befreie sie [von ihrer Sorge], denn sie schreit uns nach.
24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß.
Dir geschehe, wie du willst!
Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.
Liebe Gemeinde,
wenn wir durch unser Dorf gehen, dann fallen sie uns schon gar nicht mehr auf.
Wir gehen zwar fast immer an ihnen vorbei, kaum eine Stelle im Dorf, wo wir ihnen nicht begegnen, nahezu kein Haus, das ihn nicht hat.
Manche von ihnen sind schön anzusehen, sogar kleine Kunstwerke gibt es unter ihnen, andere sind unansehnlich oder sogar hässlich aber erfüllen trotzdem ihren Zweck.
Wie gesagt fast überall stehen sie im Dorf.
Nur neue Häuser haben ihn nicht gleich, aber schon bald nach dem Einzug wird er gebaut.
- Wisst Ihr, von was ich hier rede? (der Zaun)
Gebt mir Recht, es geht nicht so sehr darum, wie er aussieht - sicher auch das, aber in erster Linie soll er eine Aufgabe erfüllen.
Manchmal soll er nur die Grundstücksgrenze markieren, dann ist er niedrig, leicht zu übersteigen, stellt kein Hindernis dar.
Andere Zäune sind hoch, aus Holz oder Draht, sie hindern jeden am einfachen Zutritt oder aber das der Hund und andere Tiere das Grundstück verlassen können.
Unter den Zäunen gibt es auch richtige Bollwerke, undurchsichtig, hoch, mit Stacheldraht versehen.
Der Mensch, der sein Haus so umgibt signalisiert deutlich, ich will in Ruhe gelassen werden und andere meinen dann auch; der hat etwas zu verbergen.
Zäune umgeben nicht nur Grundstücke, auch Firmengelände, Felder, Schonungen, Koppeln - sie sollen schützen, abgrenzen und signalisieren, dass hier der Zutritt nicht erwünscht ist.
Soll ein Gebiet besonders sicher gemacht werden, dann nimmt man statt des Zauns auch schon mal eine Mauer - sie befestigt die Grenze.
Die Mauer als Symbol für eine Grenze, dass haben wir hier an der ehemaligen innerdeutschen Grenze noch gut in der Erinnerung.
Aber obwohl die Mauer, die Grenze in Deutschland als sicher galt ist sie überwunden worden, egal aus welchen Material ein Zaun oder eine Mauer ist - man kann ihn niederreißen und aus der Welt schaffen.
Mit den Zäunen, die uns vor Augen sind geht das - aber es gibt ja auch die unsichtbaren Zäune und Mauern.
Als die innerdeutsche Mauer fiel, sprach man bald von der Mauer in unseren Köpfen und die gibt es nicht nur zwischen uns Deutschen, die gibt es genauso häufig wie es Menschen gibt.
Und wenn wir all die unsichtbaren Zäune und Mauern sehen könnten, wir würden wohl ständig stolpern.
Das Gerede übereinander, und überhaupt: wie sich manche verhalten - wie kann man nur.
Die sogenannten Assis, die Alkoholiker, die Faulen, die Betrüger, die Reichen, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Angeber, Klatschbasen, die schlimmen Jugendlichen oder unerzogenen Kinder - und es geht weiter über die Dorfgrenze hinaus:
Wir haben Angst vor Ausländern, die alles stehlen oder den Deutschen die Arbeit wegnehmen, die fremde Kulturen oder Religionen mitbringen - ja auch Angst lässt solche Grenzen in unserem Kopf entstehen - und sie sind da, in jedem Kopf wie auch immer sie sonst noch heißen mögen.
Wer soll all die Grenzen in unsern Köpfen überwinden, Grenzen, die es schon in jedem Dorf gibt, die sich durch ein Land ziehen, die Menschen, Völker, Rassen und Religionen voneinander trennen, Grenzen die Unfrieden machen, weil jeder die anderen hinterm Zaun für schlechter oder minderwertig hält.
Wer soll das überwinden?
Wir haben vielleicht noch den Spruch im Ohr, der über unserem Gottesdienst steht:
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
Unser Glaube an Jesus Christus, der in die Welt kam um Grenzen zu überwinden.
Das können wir gut unterstreichen, einmal, weil wir es so von Jesus gelernt haben und zum anderen, weil wir es uns auch wünschen.
Aber dann hörten wir heute unseren Predigtabschnitt aus dem Matthäusevangelium.
Und ich möchte sagen, dieses Evangelium ist ein Skandal.
Wenn Jesus heute als Mensch in unserer Welt lebte und berühmt wäre wie ein A+-Promi, dann würde diese Geschichte mit einem Aufschrei der Entrüstung um die Welt gehen.
Bei allem Gutem, was man über Jesus so gehört hat - diese Ausländerfeindlichkeit, zumindest auf den ersten Blick.
Da war Jesus also ins Ausland gegangen.
Tyrus und Sidon zwei Städte im Nachbarland Israels.
Dort in der Gegend war Jesus, um sich zurückzuziehen.
Er will mal seine Ruhe haben, ausspannen, Urlaub machen.
In der letzten Zeit hatte er häufig gepredigt, viele Kranke geheilt, seine Jünger gelehrt - nun also zog er sich zurück - macht Urlaub.
Aber er ist schon über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden, und so wird er erkannt.
Eine einheimische Frau kam, um Jesus um die Heilung ihrer Tochter zu bitten.
Und obwohl sie zu ihm schreit, reagiert Jesus nicht.
Er nimmt sich eine Auszeit, will seine Ruhe haben?
Oder ist er es gewöhnt, dass man ihm hinterherläuft, dass er es schon gar nicht mehr mitbekommt?
Es scheint ihn nicht zu stören und geht seinen Weg weiter.
Nur seine Jünger die stört diese Ausländerin sehr, die ihnen da hinterher schreit - und so bitten sie Jesus:
Hilf ihr endlich! Es ist ja peinlich, dass sie so hinter uns her schreit.
Erst da bleibt Jesus stehen, und sagt zu seinen Jünger:
Ich bin nur für die Israeliten zuständig.
Der Messias ist gekommen, das erwählte Volk Gottes zu retten, das Volk Israel; die Völker der Welt, der Heiden, sind hier zunächst noch nicht im Blick.
Die kanaanäische Frau nutzt den Augenblick, fällt vor Jesus nieder und bittet: Herr, hilf mir!
Aber statt auf ihre Bitte einzugehen sagt Jesus etwas Ungeheuerliches:
Es ist nicht in Ordnung, dass man den Minderwertigen hilft.
Er beschimpft sie als Hund.
Ich habe mal gelesen, dass das die schlimmste Erniedrigung sie, die man sich im Orient vorstellen kann.
Ist da auch so eine Mauer in Jesu Kopf?
Die gehört nicht zu uns Auserwählten.
Eine schwierige Geschichte, wie soll man das verstehen, das Jesus hier so menschlich, wie unser einer reagiert?
Müsste er nicht ganz anders sein?
Müsste Jesus nicht etwas gegen die Mauer im Kopf tun?
Aber Jesus hat etwas gegen die Mauer in den Köpfen seiner Jünger getan, seiner Jünger damals und heute.
In den Köpfen der Jünger Jesu und der Christen richtet nämlich der Gedanke:
Wir gehören zu Jesus und die anderen nicht - eine Mauer auf.
Wir gehören zu Jesus, wir sind die Rechtgläubigen, wir sind die Geretteten, wir glauben richtig - dass die Jünger so denken, wird in ihrer Bitte deutlich.
Sie bitten Jesus: Lass sie gehen! aber nicht; Hilf Ihr!
Für sie ist klar, eine solche hat keine Hilfe durch Gott zu erwarten, sie gehört nicht dazu, glaubt ja auch gar nicht an den richtigen Gott.
Jesus spricht also nur aus, was seine Jünger denken, er macht die Grenze in ihren Köpfen sichtbar.
Er spricht aus, was sie denken, was viele Christen auch heute noch denken.
Aber was nun geschieht, ja eigentlich nur geschehen kann, weil Jesus die Grenze sichtbar macht und genauso handelt wie seine Jünger.
Weil Jesus die Grenze zwischen sich und der Frau aufrichtet zwingt er sie zu reagieren.
Und nun bekommen seine Jünger zu sehen, wie ein Mensch glauben kann.
Sie glaubt so sehr an Jesus, dass sie sich durch die Beleidigung nicht abschrecken lässt und sagt was sie glaubt.
Jesus sagt zu ihr: Dein Glaube ist groß.
Dir geschehe, wie du willst.
Aber viel wichtiger, als die Heilung der Tochter dieser Frau ist, dass hier Grenzen eingerissen wurden.
Weil Jesus reagiert wie wir, wird die Grenze sichtbar - und weil die Frau an Jesus glaubt wird die Grenze eingerissen und überwunden.
Der Evangelist Matthäus erzählt diese Begebenheit nämlich als den Beginn der Heidenmission.
Juden und auch Judenchristen wären von allein nicht auf die Idee gekommen, dass das Wort Gottes auch den Heiden gelten könnte, sie dachten es wären alles Ungläubige.
Mit dem Bericht dieser Begebenheit will Matthäus die Grenze zwischen Juden und Christen, Gläubigen und Ungläubigen, falsch und richtig glaubenden niederreißen, damit sie alle zu Gott kommen können.
Wenn wir wieder durch unser Dorf gehen und die vielen Zäune um die Grundstücke sehen, dann lasst uns doch in Zukunft auch über die Zäune oder wie bei im Pfarrgarten über die Mauern in unseren Köpfen nachdenken;
beginnen wir dann zu beten, dass Gott uns sie zeigen möge;
bitten wir Gott, er gebe uns die Kraft, den Mut und die Barmherzigkeit seiner Liebe,
damit wir diese Mauern und Zäune durchlässig machen, oder sogar niederreißen können.
Denn nur wo Grenzen fallen, kann Frieden werden.
Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.