11.10.2026 - „Kleidungswechsel“ - Predigt zu Eph 4,22-32 am 19. Sonntag nach Trinitatis (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)
Liebe Gemeinde, der Predigttext steht im Epheserbrief im 4. Kapitel. Ich lese ihn aus der Übersetzung der Basisbibel:
22Deshalb sollt ihr den alten Menschen ablegen,
denn er entspricht der früheren Lebensweise.
Er wird sich zugrunde richten
durch seine trügerischen Begierden.
23Lasst euch dadurch erneuern,
dass Gottes Geist in eurem Verstand wirkt.
24Und zieht den neuen Menschen an wie ein neues Gewand.
Denn er ist nach Gottes Bild geschaffen
und dadurch fähig
zu wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
25Deshalb sollt ihr die Lüge ablegen.
Vielmehr soll jeder die Wahrheit sagen,
wenn ihr miteinander redet.
Denn wir alle sind Glieder am Leib von Christus.
26Euer Zorn soll nicht dazu führen,
dass ihr Schuld auf euch ladet!
Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.
27Gebt dem Teufel keinen Raum zum Wirken!
28Wer stiehlt, soll nicht mehr stehlen.
Vielmehr soll er sich abmühen
und durch seiner eigenen Hände Arbeit etwas verdienen.
Dann hat er genug, um dem Bedürftigen etwas abzugeben.
29Kein böses Wort soll über eure Lippen kommen.
Vielmehr sollt ihr stets ein gutes Wort haben,
um jemanden zu stärken, wenn es nötig ist.
Dann bringt dieses Wort denen Segen, die es hören.
30Betrübt nicht Gottes heiligen Geist,
der euch wie ein Siegel aufgedrückt wurde.
So kennzeichnet uns Gott
für den Tag der endgültigen Erlösung.
31Alle Erbitterung, Wut, Zorn,
lautstarke Auseinandersetzungen und Verleumdungen
sollen bei euch keinen Platz haben.
Das gilt erst recht für alle Bosheit.
32Seid vielmehr gütig und barmherzig zueinander.
Vergebt einander,
wie Gott euch durch Christus vergeben hat.
…Gebet…
1) Was befleckt ist, wasche rein – die Taufe
Liebe Gemeinde,
schwupps. Eine unsanfte Bewegung und ein nicht unbeträchtlicher Teil meines Kaffees landete auf dem Kleid.
Es war letzten Freitag, ich war hier in Hof und wollte mich gleich auf den Weg zu Geburtstagsbesuchen machen.
Der getrocknete Fleck war groß und eklig gelb-braun.
„So kann ich doch nicht gehen!“ Mir war das echt peinlich und unangenehm. Ich hatte kein Ersatzkleid dabei.
Als es anfing zu dämmern, habe ich mich auf den Weg gemacht. Ich habe mein Kleid so in Falten gelegt, dass der Fleck im düsteren Hausflur hoffentlich nicht zu sehen war.
Das Kleid mit dem Fleck dient mir als Vergleich.
Denn noch viel unangenehmer ist es für mich, wenn etwas zwischen mir und meinen Mitmenschen steht. Der Fleck, der auf der Seele oder im Herzen ist und ich um Menschen oder auch Gott einen Bogen mache, den Fleck verstecke.
„Zieht den neuen Menschen an!“
Bei der Taufe in der Alten Kirche zogen die Täuflinge, zumeist Erwachsene, weiße Kleider an.
Das verdeutlicht: Mit der Taufe sind Flecken, Dreck und Alltagsspuren entfernt. Taufe bedeutet Vergebung. Taufe heißt Neustart.
Nur: Wie geht’s nach dem Neustart weiter? Jedes weiße Kleid kann fleckig werden.
Der Epheserbrief spricht zu Menschen, die sich an das Sein als Christenmenschen gewöhnt haben. So was Besonderes war das nicht mehr. Und so einen großen Unterschied machte es doch auch nicht.
Und so schlichen sich auch die alten Verhaltensweisen ins Gemeindeleben ein.
Das waren – im Bild gesprochen - so einige Kaffeetassen, die sich über die weißen Kleider ergossen haben.
2) Neustart
Reset-Taste.
Die drückte Franz. Zurück auf Anfang: Franz, reicher Kaufmannssohn in Assisi, Italien im 12. Jahrhundert, startete neu. Das Leben in der bürgerlichen Oberschicht, auf Kosten der Armen, taugte ihm nicht. Er suchte Gott. Er suchte Erneuerung. Er verschenkte Geld den Armen. Zog sich zu den Ausgegrenzten und in die Einsamkeit zurück.
Der Konflikt mit seinem Vater kommt vor den Bischof. Franziskus solle ihm sein Geld zurück geben, klagte der Vater, das er ausgebe, obwohl es ihm nicht gehöre.
Vor vielen Zeugen gibt Franziskus alles zurück, was er hat. Jedes einzelne Kleidungsstück. Am Ende steht er splitternackt da.
Seine Nacktheit provoziert. Und sie beschämt.
Sie erinnert an die ersten Menschen. Der bloße Mensch. Gottes Ebenbild.
Der Mensch hat Macht zu machen. Doch in dem Moment, wo er sich als nackt und bloß erkennt, ist er angewiesen aufs Gegenüber.-
Gott erbarmt sich. Er macht Kleidung und gibt Würde.
Der nackte Franziskus bekommt Rückendeckung vom Bischof. Franziskus sagt: „Fortan habe ich nur einen Vater, den himmlischen Vater.“ Seine Ablösung vom Elternhaus ist vollzogen. Angewiesen bleibt er. Auf Gott, seinen Vater. Auf Menschen, die ihm wohlgesonnen sind.
Die Fähigkeit einen Neustart zu begehen, korreliert mit dem Angewiesen-Sein:
Auf Gott, den Vater, der Sünden vergibt und zu seinem JA steht.
Auf die Schwestern und Brüder in der Gemeinde, die mit mir zusammen Christus verwirklichen, wie es der Epheserbrief mit dem Bild vom Leib Christi betont.
3) Miteinander
Wir hier in der Gemeinde, wir als Christenmenschen auf dieser Welt sind angewiesen auf unser Miteinander:
Erwarten wir Gutes von der Gemeinschaft und der Kirche?
Wie gehen wir mit unserer Empörung um?
Welche Geschichten erzählen wir weiter – stimmen die so?
An wem lassen wir Unmut aus, wenn uns nicht gefällt, wie es läuft?
Der Predigttext hat viele Imperative, die nicht unbedingt glücklich machen.
„Läuft es denn so schlecht bei uns?“ fragt man sich.
Ich suche nach dem, was uns stärkt zum Guten.
„Vielmehr sollt ihr stets ein gutes Wort haben, um jemanden zu stärken, wenn es nötig ist.“ Eph 4,25.
Die Macht der guten Worte heißt Segen.
Wer das Gute (und Wahre!) zu sagen weiß, schafft Lebensraum, wo Miteinander und Einheit gedeihen kann.
Das Jugendwort 2026 ist gestern publik geworden: „Ragebait“, übersetzt „Wutköder“. Es ist der Gegenentwurf von christlichem Miteinander: Da wird Wut hochgekocht, werden Fakten verdreht und Empörung evoziert, so dass das Echo Wellen schlägt. Das polarisiert und zerstört das Miteinander.
„So soll es bei euch nicht sein!“ sagt Jesus, als die Jünger um das größte Ansehen streiten (Mk 10,43).
„Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“ Eph 4,32
4) Neue Kleider
Hier kommen die neuen Kleider ins Spiel.
Was für ein Glück, dass ich nach Hause fahren und mein Flecken-Kleid in die Wäsche tun konnte.
Jesus bietet uns eben so einen „Waschgang“ an – die Vergebung.
Dazu gehört das Bewusstsein, dass ich der Vergebung bedürftig bin.
Bischöfin Mariann Budde, die im Januar 2025 den Mut hatte, Trump ins Angesicht zu predigen, sagt in ihrer Predigt:
„Eine dritte Grundlage für Einheit ist Demut, die wir brauchen, weil wir alle fehlbare Menschen sind. Wir machen Fehler. Wir sagen und tun Dinge, die wir später bereuen. Wir haben unsere blinden Flecke und Vorurteile, und am gefährlichsten für uns selbst und andere, sind wir vielleicht, wenn wir ohne einen Hauch von Zweifel überzeugt sind, dass wir absolut recht haben und jemand anderes absolut unrecht. Dann nämlich stehen wir ganz kurz davor, uns selbst als die Guten zu bezeichnen und die anderen als die Bösen. Denn wir sind alle Menschen und damit zum Guten genauso befähigt wie zum Bösen. Alexander Solschenizyn beobachtete messerscharf, dass „die Linie, die Gut und Böse trennt, nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien verläuft, sondern quer durch jedes Menschenherz.“ (Budde, Mutig sein, 22)
Die Bewusstheit, dass auch mein Menschenherz zwischen gut und böse hin- und hergerissen ist, hilft zur Reflexion: D.h. mein Tun und Denken – auch im Licht Gottes – zu überdenken.
Nachdem ich den Kaffee verschüttet hatte, ließ ich es trocknen. Dann schaute ich. Wollte mir noch einreden, dass man das gar nicht sieht. Bis ich mir eingestehen musste: Nein, der Fleck ist riesig und richtig offensichtlich.
So ähnlich ergeht es mir auch mit dem, was mir im Leben nicht gelingt.
Wenn ich mit traue, meinem Missgeschick, dem Fehler, die Schuld ins Gesicht zu sehen, kann der Kleiderwechsel geschehen.
Reset. Neustart – mit Jesus. Neustart auch mit meinen Mitmenschen.
Ich bin keine Freundin davon, undifferenziert und einseitig von Sünde und Vergebung zu reden. Und doch ist es heute mal dran: Sünde ist das, was trennt und zerstört: Die Verbindung zu Gott und zu den Mitmenschen.
Vergebung ist das, was verbindet (doppeldeutig, auch im medizinischen Sinne verstanden), also heilt.
Jesus schlägt die Brücke – am Kreuz.
Deswegen gelten die alten Worte, die wir heute singen wollen:
„All Sünd ist nun vergeben, und zugedecket fein. Darf mich nicht mehr beschämen vor Gott, dem Herren mein. Ich bin ganz neu geschmücket mit einem schönen Kleid, gezieret und gesticket mit Heil und G´rechtigkeit.“ EG 349,3 (Bartholomäus Helder) Amen.